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Reisen allgemein

Alleine reisen Reise zum Mittelpunkt des ICHS

In der Ferne begegnet der Alleinreisende sich selbst.
Ein Plädoyer für den mutigsten aller Urlaube.


Von Clara Ott   |   Samstag, 05.08.2017

Vielleicht am zweiten, dritten Tag, wird dieser Moment eintreten. Vielleicht wacht der allein reisende Mensch gerade in einem fremden Bett auf, orientierungslos, Hunderte Kilometer weit weg von zu Hause. Vielleicht sitzt er, irgendwo mit schönem Ausblick. "Und, was jetzt?", fragt sich der Alleinreisende und realisiert: Niemand wird ihm die Antwort verraten. Niemand wird ihm vorschlagen, was nun zu tun ist.

Das ist der Augenblick, in dem sich der Alleinreisende womöglich fühlt wie ein Sandkorn am Strand. Alles ist möglich, wenn man unbeobachtet ist. Alleine in der Fremde ist man nicht mehr sein Job, erfüllt keine Rolle, ist weder Partner noch Familienoberhaupt. Nur hier, bei sich.

"Wer bist du, wenn niemand hinsieht?", fragt die innere Stimme zurück. Und das Abenteuer kann beginnen.

Ohne Reisebegleiter muss der Mensch in sich hineinhorchen. Er darf überlegen, worauf nur er Lust hat, wie ein neugieriges Kind. Was würde ihn jetzt glücklich machen? Hat er Appetit? Auf was? Wonach steht ihm der Sinn?

Es ist eine bedauerliche Tatsache, dass nur ein Bruchteil der Deutschen das Wagnis vom Solo-Urlaub eingeht. Nur ein Prozent aller Menschen, die in einer Beziehung leben, reisen ohne Begleiter in die Ferien, wie eine repräsentative Umfrage des Onlinepartnervermittlers Parship zeigt. Von den befragten Singles ist nur knapp ein Viertel (23 Prozent) sich selbst in der Ferne genug. Der Rest geht auf Nummer sicher: Fast vierzig Prozent nehmen diejenigen mit in die Fremde, die sie von zu Hause am besten kennen: die eigene Familie.

Ja, Urlaub ist teuer und unbestritten ein kostbares Gut für jeden, ob wir nun Single oder zweifache Mutter sind. Doch neben dem finanziellen Druck ruhen auf der schönsten Zeit des Jahres oft eine Menge Erwartungen, die das Urlaubsglück zusätzlich belasten. Was wir Reisende uns erhoffen? Erholung! Tapetenwechsel! Abschalten! Rauskommen! Runterkommen! Wahnsinn? Nein, der Irrsinn ist, dass jeder Reisebegleiter - so sehr wir ihn oder sie auch schätzen - im Wege steht. Dabei könnte man Urlaub einfach dafür nutzen, sich selbst mal wieder ein Stück näher zu kommen.

Es ist doch so: Die meisten von uns müssen an über 330 Tagen des Jahres funktionieren und Rollenmuster erfüllen. Job und Privatleben fordern Rücksichtnahmen, wir schließen Kompromisse, tragen Verantwortungen, kontrollieren Bedürfnisse, Sehnsüchte, Träume. Und unser Ich.

Trotzdem nutzen nur sehr wenige Menschen die durchschnittlich 30 freien Tage ganz bewusst nur für sich. Vielleicht, weil es egoistisch erscheint, sich aus der Planung diesen Sommer auszuklinken. Urlaub ist auch die Hoffnung, dass es wieder so schön wird, wie letztes Mal. Also geben sich viele zufrieden damit, in der Ferne ein ähnliches Szenario mit der Familie, dem Partner und den Freunden durchzuspielen, wie daheim. Als Reiseziel wird der kleinste gemeinsame Nenner gesucht, ein bisschen Sonne, ein bisschen Stadt, nicht so weit vom Flughafen bitte, und Kinderbetreuung. Bei der Tagesplanung muss der eigene Appetit an den der Mehrheit angepasst werden. Als hätte man nicht schon selbst genug von seinen eigenen, müssen die Launen der Mitreisenden ertragen, aufgefangen und abgefedert werden. In der Gruppe, und sei es nur ein Urlaubsduo, wird für das Allgemeinwohl die innere Stimme besänftigt.

Klar, vielleicht unternimmt der Partner für zwei Stunden mit einer Gruppe eine Wanderung, während man am Pool bleibt. Womöglich wird der genervte Vater in den Supermarkt im Dorf geschickt, wo er dann extra lange einen Parkplatz sucht, nur, um im fernen Sardinien ein paar Extraminuten Me-Time rauszuholen. Muss das sein? Nein, muss es nicht. Es könnte so einfach sein.

Denn dank der mitgebrachten - geliebten - Menschen, die einen von zu Hause kennen und ein gewisses Vorstellungsvermögen samt Erwartungen an uns haben, agieren wir im Urlaub, wir funktionieren wieder. Wie immer.

Als Alleinreisender kann man aus diesem Dasein ausbrechen. Klar, in der Fremde könnte der Mensch endlich aufhören mit dem Verbiegen, mit der falschen Rücksichtnahme, mit der Imagepolitur. Doch ein Rüpel und Egoist kommt nicht weit. Fernab der Heimat sind wir alle ein Jemand ohne Geschichte. Status, Karriere und der eigene Ruf sind woanders wenig wert. Darin liegt die Chance des Alleinreisenden. Er reist als unbeschriebenes Blatt.

Und darin liegt gleichzeitig das Unbehagen und die Sorge derjenigen, die niemals ohne beschützende und bestärkende Partner losziehen würden. Es ist nichts Schlimmes, kein Auffangnetz zu haben. Der Alleinreisende ist frei. Er hat keinen Partner an der Seite, der Unliebsames abnimmt und der vorgeschickt werden kann. Kein Freund ist zur Stelle, mit dem eine Rechnung und die Sonnenuntergangsromantik geteilt werden kann. Alleine etwas zu unternehmen, das macht stolz und glücklich.

Wer sind Sie, wenn niemand hinschaut? In der Unbeobachtetheit der Fremde entpuppt sich der Charakter eines Menschen. Sie sind womöglich offenherziger, spontaner, neugieriger, als Sie geahnt haben. Oder ängstlicher, introvertierter, ruhiger.

Es ist erhellend, in ein Land wie beispielsweise Italien zu fliegen, ohne die Sprache zu beherrschen, ohne Plan. Sich dort mit Händen und Füßen zu verständigen, mit Einheimischen zu essen, Hilfsbereitschaft zu erfahren, zu flirten, sich Zeit für einen Plausch zu nehmen - all das führt im Kern zu Ihnen selbst.

Sie, liebe Leser, können Ungewöhnliches tun, ohne sich zu rechtfertigen. Zwei Tage durchschlafen, morgens Pasta essen, am Strand Gitarre spielen, Aquarellfarben kaufen, tanzen. Nutzen Sie die Auszeit, sich selbst zu überraschen. Nur Fremde bekommen ihr eventuelles Scheitern mit. Und werden vielleicht zu neuen Freunden.

"Es gibt keinen sichereren Weg festzustellen, ob man einen Menschen mag oder hasst, als mit ihm auf Reisen zu gehen", empfahl bereits der Schriftsteller Mark Twain. Wenn wir es woanders mit uns selbst nicht aushalten, wer soll uns dann den Rest des Jahres ertragen?

Nein, niemanden zwingt das Alleinreisen dazu, sich täglich den eigenen Ängsten oder Träumen zu stellen. Auch woanders kann man sich wunderbar ablenken, Zeit verplempern, vor sich selbst fliehen. Aber ohne Reisebegleitung wird das schwieriger. Zum Glück.

Vielleicht schauen Sie auf dem Rückflug aus dem Fenster, erleichtert. Sie haben sich gesehnt, die Liebsten vermisst. Der Ausflug zum Ich war nur ein einmaliges Abenteuer. Sie möchten wieder funktionieren, gebraucht werden, teilen. Nächstes Mal wieder Familienurlaub! Sich selbst eben nicht genug zu sein, eine bessere Version in vertrauter Gesellschaft abzugeben, auch das ist eine unschätzbare Erfahrung.