Es bleibt weiterhin dicht bewölkt, aber mild. Heute starte ich den Tag mit einem ordentlichen englischen Frühstück. Anschließend verbleiben mir zwei Stunden Zeit, bis ich mich zur Abreise am Busbahnhof einfinden muss. Das ist nicht genug, um etwas Größeres zu unternehmen, aber es reicht, ein letztes Mal den Ehrgeiz zu entwickeln, sich im Gassengewirr nicht wieder zu verlaufen. Tatsächlich gelingt es inzwischen etwas besser, aber Orientierung kann man das nicht wirklich nennen. Mit viel Respekt beobachte ich die ansässigen Autofahrer: Alles, was keine Treppenstufen aufweist, gilt als befahrbare Straße. Ich habe mich in den vergangenen Tagen das eine oder andere Mal ernsthaft gefragt, wie ein Auto an diese oder jene Stelle kommt, ohne Zuhilfenahme eines Hubschraubers.
Bei leichtem Nieselregen verabschiede ich mich mit einer heißen Schokolade von Skópelos. Wie angekündigt müssen die Fährpassagiere zunächst per Bus zum Hafen von Agnóntas transferiert werden, da die Baggerarbeiten im Hafen andauern. Das läuft natürlich wieder nicht ganz ohne Chaos ab, da auf die Minute zeitgleich ein Linienbus ebenfalls nach Agnóntas abfährt. Wer zwischendurch aussteigen muss, braucht den Linienbus, wer bis auf die Hafenpier gelangen will, muss den Shuttle nehmen. Eine ordentliche Aufschrift am Bus hätte die Sache unnötig vereinfacht. Wie immer geht letztendlich alles gut.
Das Leben ist eigentlich einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen.
(Konfuzius)
An der Anlegestelle misst die Bucht lediglich 160 Meter in der Breite, die Fähre weist eine Länge von 135 Metern auf. Viel Platz zum Wenden bleibt damit nicht. Ich beobachte fasziniert, wie das Schiff fast auf der Stelle drehen kann, um mit dem Heck voran anzulegen. Mit nur zehn Minuten Verspätung legt die Fähre fast pünktlich ab. Die Passage bis zum Zwischenhalt in Skiáthos dauert lediglich 30 Minuten. Vom hohen Außendeck habe ich einen ungewohnten, schönen Blick auf die Stadt. Das Be- und Entladen dauert dagegen volle 40 Minuten, da erstaunlich viele LKW zu verstauen sind. Interessant finde ich, dass viele Trucks rückwärts auf die Fähre manövrieren, den Sattelauflieger abkoppeln, der dort verbleibt, während die Zugmaschine direkt wieder von Bord fährt.
Bis Vólos sind es anschließend zweieinhalb Stunden Fahrt. Schon bald bricht die Sonne durch, die See ist ruhig und so macht die Überfahrt richtig Freude. Auf dem hinteren Oberdeck kann ich zeitweise sogar im T-Shirt in der Sonne sitzen und begleitet von einem kühlen Blonden die vertraute Küste des Pílion an mir vorüberziehen lassen. Mir kommen besonders schöne Erinnerungen bei der Passage von Agía Kyriakí am südwestlichen Knie der Halbinsel (siehe hier) sowie etwas zwiespältigere bei der Überquerung des pagasitischen Golfs (siehe hier).
Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt, wo er will.
(Cees Nooteboom)
In Vólos habe ich nur wenige Schritte vom Fähranleger bis zu meinem Hotel, an dem ich um 18 Uhr eintreffe. Mit einem Taxi hätte man im Verkehr und den Einbahnstraßen länger gebraucht als zu Fuß. Es ist ein einfaches Haus, aber was brauche ich schon für eine einzige Übernachtung?
Ich mache einen kleinen Spaziergang durch die Stadt. Vólos hat sich in keiner Weise verändert. Das zum Verkauf stehende schäbige Haus in der Hauptstraße kenne ich seit vielen Jahren, wenn nicht gar seit Jahrzehnten. Natürlich befinden sich direkt nebenan auch schicke und moderne Geschäfte. Der Duft von Kaffee, Konditoreien und Souvláki-Grills weht durch die Straßen. Ich gelange zum Konstantínos-Park am Ende der Promenade. Dahinter gibt es ein Gebiet mit zahlreichen Tsipourádikos, wie ich aus eigener und guter Erfahrung weiß.
Es gibt nichts Schöneres, als an einen Ort zurückzukehren, der sich nicht verändert hat, um zu
erkennen, wie sehr Sie sich verändert haben.
(Nelson Mandela)
Ein Tsipourádiko ist eine typisch griechische Institution, die sich auf den Ausschank von Tsípouro
(ein Tresterbrand) spezialisiert hat und zum Getränk kleine Vorspeisen, die sogenannten Mezé serviert. Manchmal kann
der Gast wählen, ob er Fisch, Fleisch oder vegetarisch bevorzugt, aber meist ist es der Auswahl des Wirtes überlassen.
Tradition ist, dass bei jedem weiteren Tsípouro andere Mezé serviert werden.
Historisch gilt die Hafenstadt Vólos als Geburtsort der Tsipourádikos. Sie wurden ursprünglich von Arbeitern aufgesucht,
die sich in ihren Pausen dort zum Trinken und Essen trafen.
Mit dem ersten Tsípouro erhalte ich eine Portion cremigen Salat aus grob gestampften Kartoffeln. Dazu gibt es Stücke einer geräucherten Makrele, die auf einem seltsamen Salatbett serviert werden. Das salzig-sauer marinierte Grün hat Biss und ich versuche zu ergründen, worum es sich handelt. Die Analyse ergibt Seetang, was mir vom Kellner bestätigt wird, der mir mithilfe einer Übersetzungs-App später sehr engagiert auch die weiteren Zutaten erklärt.
Mit der zweiten Runde kommen ein Oktopus-Weißkohl-Salat und drei gebratene Rote Meerbarben mit Kräuter-Mayonnaise auf den Tisch. Da dazu natürlich reichlich Brot gegessen wird, muss ich die angebotene dritte Runde leider absagen, so neugierig ich auch gewesen wäre. Die unüblich detaillierte Rechnung überrascht mich positiv: Jeder Mezé-Teller wird gerade einmal mit einem Euro berechnet, zuzüglich vier Euro für den Schnaps. Mit ihr gibt es zum Abschied ein kleines Stück Kuchen mit Sahne und Schokoladensoße Hier kann man sich nicht arm essen.
Der Rückweg zum Hotel führt mich über die Promenade, die sich am Abend mehr und mehr belebt. Am Ende des Urlaubs gönne ich mir ein letztes Mamós-Bier. Immer wieder gehen kurze Schauer nieder, doch es bleibt mild und dank großer Schirme kann ich in der milden Luft lange draußen sitzen bleiben.
Sometimes I get to feelin'
I was back in the old days, long ago.
(Queen, "These Are the Days of Our Lives")