Bei meinem Frühstücksbäcker kennt man mich bereits. Ob ich den Kaffee wie immer ohne Zucker möchte, wird nur noch aus Höflichkeit gefragt. Die anderen Stammgäste grüßen inzwischen jovial, der Hund fordert schwanzwedelnd seine Streicheleinheiten ein. Schleierwolken bedecken den Himmel, es ist sehr mild und vollkommen windstill.
Östlich der Stadt erheben sich die Paloúki-Berge. Im 17. Jahrhundert entstanden hier viele Klöster, von denen einige bis in die Gegenwart erhalten sind. Oft kümmert sich nur ein einzelner Mönch oder eine einzige Nonne um "ihr" Kloster und obwohl grundsätzlich alle für Besucher offenstehen, weiß man nie genau, welches Kloster an welchem Tag geöffnet ist, gerade in der Nebensaison. Ich entschließe mich für eine Rundwanderung und hoffe, mindestens eines besichtigen zu können.
Das nächstgelegene und damit mein erstes Ziel ist Moní Evangelistría, das Kloster der Verkündigung, das bereits von der Stadt aus auf halber Höhe am Hang zu sehen ist. Es geht moderat, aber stetig hinauf und in der leicht diesigen und schwülen Luft fließt der Schweiß bald in Strömen. Die Sorgen, ob meine Wasservorräte reichen, sind rasch verflogen, denn Skópelos hat eigenes Grundwasser und unterwegs ist die nächste Quelle bereits ausgewiesen. Außerdem verfügen die Klöster im Allgemeinen über eigene Brunnen - dazu muss man sie nur offen vorfinden.
Ich gehe langsam und in der stehenden Luft ist es sehr still. Man hört einige Vögel zwitschern, die Insekten von Blüte zu Blüte schwirren und gelegentlich ein Tuckern von Booten aus dem Hafen unter mir. Die eigenen Schritte kommen mir laut vor. Nach einer knappen Stunde erreiche ich mein Ziel, finde es aber leider verschlossen. Ich lege eine Pause ein und tröste mich an der Aussicht auf die Stadt und am Salbeiduft, der immer wieder über den Berghang weht.
Es ist nicht wichtig, wie langsam du gehst, sofern du nicht stehen bleibst.
(Konfuzius)
Die nächste Teilstrecke wird wesentlich anspruchsvoller. Ein halsbrecherischer Pfad führt steil den Berg hinauf. Am schattigen Nordhang schwirren viele Insekten, aber keine sympathisch brummenden Bienchen, die auf Blümchen fleißig Honig sammeln, sondern lediglich die fiesen schwarzen, die eben dem feuchtkalten Boden entschlüpft sind und sich über Warmblüterschweiß freuen. Ich bin froh, schließlich die Kuppe zu erreichen und dort auf der sonnigen Lichtung wieder auf die Fahrstraße zu treffen.
Etwas abseits ist ein Auto geparkt. Die österreichische Besitzerin findet ihr inneres Gleichgewicht beim Malen von Aquarellen und bestätigt mir, das Kloster Prodrómou sei heute geöffnet. Das ist gut, denn das am nächsten gelegene Kloster Agías Varváras (Hl. Barbara) ist heute ebenfalls geschlossen, aber Timíou Prodrómou ("Hl. Vorläufer", gemeint ist Johannes der Täufer) befindet sich direkt nebenan und beide sind nicht weit von hier.
Das im Jahre 1612 gegründete Kloster Prodrómou betritt man durch eine Art Laube, die in den inneren Bereich führt. Dort treffe ich einen alten Mönch, der mich freundlich begrüßt und des Englischen mächtig ist, was nicht oft vorkommt. Gerne erfüllt er mir zunächst meine Bitte nach frischem Wasser und schließt die Kirche für mich auf. Neben einer kunstvoll geschnitzten und reich vergoldeten hölzernen Ikonostase sind einige gut erhaltene Ikonen aus der Gründerzeit des Klosters ihr besonderer Schatz. Letztere sind auf Holz gemalt, teilweise mit Gold und Silber überzogen und kunsthistorisch unbezahlbar. Für einen orthodoxen Gläubigen ist ihr Wert ohnehin nicht mit Worten zu beschreiben.
Als ich aus der Kirche trete, serviert der Mönch mir Loukoúmi und entschuldigt sich für die Verspätung dieses traditionellen Begrüßungsrituals. Meine dringliche Frage nach Wasser hatte ihn wohl aus dem Konzept gebracht. Dabei weiß er einige interessante Fakten zum Kloster und den Ikonen zu erzählen. Alleine für diesen Klosterbesuch hat sich die Wanderung schon gelohnt.
Auf dem Rückweg finde ich den offiziell ausgewiesenen "μονοπάτι T1" (monopáti, dt. Fußpfad), der auf kürzestem Weg zurückführt. Von solchen Wegen habe ich jedoch für heute genug und wähle die alternative Route entlang der Straße, die zwar deutlich länger ist, aber gleichmäßig mit angenehm moderatem Gefälle verläuft.
Lass deine Augen stracks vor sich sehen und deinen Blick geradeaus gerichtet sein. Lass deinen Fuß auf
ebener Bahn gehen, und alle deine Wege seien gewiss.
(Sprüche 4,25)
Tief über dem Meer haben sich Wolken verdichtet, welche die Bucht von Skópelos-Stadt einzunehmen versuchen. Der dichte Salbei-Bewuchs am Wegrand wird von verschiedenen Blüten bunt getupft und ich habe nochmal einen Blick auf das Kloster Evangelistría aus einer vollkommen anderen Perspektive als am Morgen. Vorbei am vierten Kloster der Runde, dem Metamorfósis Sotíros ("Verklärung des Erlösers"), gelange ich am frühen Nachmittag zurück in die Stadt.
Während ich eine Portion lecker gegrilltes Gemüse verzehre, zieht sich der Himmel zu. Ich entschließe mich zu einer ausgedehnten Siesta, während derer ich viel zu tief und viel zu lang einschlafe. Danach bleibe ich träge und unternehme vor dem Abendessen lediglich einen dritten Versuch, das Labyrinth der Altstadt zu beherrschen. Vergeblich! Es tun sich immer wieder neue Ecken auf. Wie kann man nur in einer so kleinen Stadt dreimal so vollkommen die Orientierung verlieren?
Der Abend führt mich erneut in die erprobte Familientaverne. Heute wähle ich Lammstifádo mit Kartoffeln und dazu den roten Hauswein. Der Weiße war besser. Zum Abschluss bestelle ich einen "Orange Pie". Ich frage anschließend, warum der Kuchen nicht als "Revaní" bezeichnet wurde, worauf die Kellnerin ein wenig zögerlich erklärt, dass es einen kleinen Unterschied zu dem traditionellen Grießkuchen gibt, den sie mir wegen ihrer gebrochenen Englischkenntnisse jedoch nicht verständlich machen kann. Nach meiner Meinung war der einzige Unterschied die flachere Backform, was den Genuss jedoch keineswegs beeinflusste.