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Der Frühling ist zurück. Der Himmel ist wolkenlos, die Luft lau und der Wind kaum zu spüren. Das perfekte Wetter, um Ágios Ioánnis sto Kástro, den sicherlich bekanntesten Hotspot der Insel, zu besuchen.

Die meisten Außenaufnahmen der erfolgreichen Musikkomödie "Mamma Mia!" wurden 2008 auf Skópelos gedreht. Da im Film ausschließlich ABBA-Musik ertönt, ist die Insel bei Fans seitdem zum Sehnsuchtsort avanciert. Die Ágios-Ioánnis-Kapelle, bei der das Finale mit der Hochzeitsgesellschaft entstand, ist ein besonders ikonisches Motiv. Die Tourismusbranche profitiert mit Bustouren und Ausflugsfahrten per Boot bis heute von diesem Hype.

Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.
(Hans Magnus Enzensberger)

Für zwei Tage habe ich ein Auto gemietet. Mit einem kupferfarbenen Suzuki Ignis fahre ich in den Norden der Insel. Wo die Ausfallstraße das Ortszentrum verlässt, zeigt der Wegweiser in die entgegengesetzte Richtung, als die Navigations-App angibt. Ich vertraue dem einheimischen Wissen. Den Unterschied erkenne ich rasch. Das Navi führt durch das flache Tal, das ich gestern erwandert habe, an die Südküste und anschließend auf der gut ausgebauten Küstenstraße nach Norden. Die Alternative verläuft über die Berge mitten über die Insel. Sie ist ein wenig kürzer, aber kurvenreich und benötigt mehr Zeit. Ich bereue meine Wahl nicht.

Besonders auf dem ersten Drittel handelt es sich um eine basale Asphaltpiste, auf der das Fahrvergnügen weder durch Randbefestigung noch durch Leitplanken beeinträchtigt wird. Sie führt durch einen dichten Mischwald. Nach 15 Kilometern, die höchstens im zweiten Gang bewältigt werden können, trifft sie später ebenfalls auf die Küstenstraße. Bis dahin ist mir genau ein einziges Auto entgegengekommen. Kurz vor dem Ort Glóssa zweige ich nach rechts ab und kann bis zur Kapelle fahren.

Mamma Mia, sieht das gut aus! Wenige Meter vor der Küste erhebt sich ein steiler Felsen 60 Meter hoch aus dem Wasser. Er ist über einen kurzen Damm aus grobem Stein mit der Insel verbunden. Ein roher Pfad führt zum Fuß des nördlichen Abhangs und weiter über knapp 200 steile Stufen zur Kapelle hinauf. Ich bin früh genug hier, noch bevor die ersten Gruppenfahrten eintreffen, und kann die Ruhe sowie die Aussicht vom kleinen Plateau fast alleine genießen.

Dies zweite Eden, halbe Paradies,
dies Bollwerk, das Natur für sich erbaut, [...]
dies Kleinod, in die Silbersee gefaßt, [...]
der segensvolle Fleck, dies Reich.
(William Shakespeare, 1564-1616)

Die kleine Kapelle ist sowohl von außen als auch im Inneren schlicht, der Baum mit der daran hängenden Glocke auch nicht gerade ein Unikat in Griechenland. Ohne den Film würde der durchaus wunderschöne Ort vermutlich den gesamten Tag ruhig vor sich hin dämmern. Aber damit ist bald Schluss. Gegen 11 Uhr treffen die ersten Ausflugsboote ein. Begleitet von lauter ABBA-Musik gehen in einer nahegelegenen Bucht viele Dutzend Personen von Bord, die bald darauf die steilen Treppen stürmen.

Es ist interessant, welche Anziehungskraft der Ort besonders auf Frauen ausübt, bestimmt 90% der Ankommenden sind weiblich. Und es sind ausnahmslos Briten. Die ausgeprägte Dominanz englischer Gäste ist mir bereits gestern in der Stadt aufgefallen. Macht der Film tatsächlich so viel aus? Immerhin war er in Großbritannien erfolgreicher als "Titanic". Auffällig ist weiterhin, dass die meisten so aussehen, als würden sie im Alltag bereits für eine einzige Etage einen Lift einer Treppe vorziehen. Die oben Ankommenden stöhnen, schwitzen und schnaufen, dass ich bald die ersten Kollabierenden befürchte.

Mir wird es nun zu voll. Der Abstieg gegen den Strom ist schwierig. Auf dem Großteil der Treppe ist kein Platz für Gegenverkehr. Ich muss also warten, bis sich im kontinuierlichen Menschenstrom eine Lücke auftut, in der ich den jeweils nächsten Treppenabschnitt für mich belegen kann. Da viele der wenig sportlichen Damen nach je drei Stufen eine Pause benötigen, dauert mein Abstieg deutlich länger als der Aufstieg. Trotz allem ist es ein faszinierender Ort.

Ich fahre zurück nach Glóssa. Das knapp 1000 Einwohner zählende Bergdorf ist die zweitgrößte Siedlung der Insel. Der hübsche Ort mit seinen engen, nach blühenden Orangenbäumen duftenden Gassen wird gelegentlich als "Balkon der Sporaden" bezeichnet. Ich hoffe, hier eine Taverne für einen Mittagsimbiss zu entdecken, am liebsten auf der zentralen Platiá. Diese zu finden, benötigt einige Zeit und Treppenstufen, doch leider ist der Winterschlaf auch hier nicht vorüber. Am Ortseingang entdecke ich schließlich eine geöffnete Taverne.

Das "Dákos" ist ausgezeichnet. Diese kretische Variante eines griechischen Salats unterscheidet sich im Wesentlichen durch die Art des Käses. Statt Féta wird Myzíthra verwendet, ein im frischen Zustand cremiger Käse, der dem italienischen Ricotta ähnelt. Ein weiterer Unterschied ist die Serviermethode auf traditionellem kretischen Zwieback, der Öl und Saft aufsaugt und dadurch erst genießbar wird.

Unterhaltung während des Essens bietet eine Gruppe von Jungen, die nach Schulschluss auf ihre Abholung warten und sich die Zeit mit einem Fußball vertreiben. Die beiden Mauerpfosten, die den Eingang zur Taverne markieren, bieten sich dazu als Tor perfekt an. Aber das Prinzip hat seine Tücken. Wenn der "Torwart" nicht hält, besteht die Gefahr, dass der Ball auf einem gedeckten Tisch landet. Es passiert heute zum Glück nicht, aber einmal kann ich, ohne aufstehen zu müssen, zurückschießen.

Hier wird ein Hunger gestillt, von dem wir gar nicht wussten, dass wir ihn hatten.
(Petra von Minden)

Während des Essens habe ich einen Plan für mein Nachmittagsprogramm gefasst. Auf dem Rückweg nach Skópelos-Stadt komme ich nahe an Sentoúkia vorbei. Die dortigen Felsengräber, deren Ursprung und Alter sehr kontrovers diskutiert werden, befinden sich auf einer Bergkuppe, die zudem eine gute Aussicht bieten soll. An der Abzweigung dorthin lasse ich das Auto an der asphaltierten Straße stehen, um wenigstens noch ein paar Schritte zu gehen.

Auf den Berg führt eine Schotterpiste, die von Bienenvölkern flankiert wird, soweit das Auge reicht. Der Gedanke, welch köstlicher Waldhonig von den fleißig summenden Bienchen produziert wird, lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Nach ungefähr einem Kilometer gabelt sich die Piste Y-förmig auf. Hier zeigt ein vergammelter Wegweiser nach rechts. Ich folge also dem rechten Zweig, muss aber nach einiger Zeit feststellen, dass es bereits wieder bergab geht. Also zurück!

Ich bin etwas ratlos. Der Wegweiser ist eigentlich eindeutig und einen anderen Weg sehe ich hier nicht. Google Maps phantasiert sich 100 Meter voraus einen Weg, aber das konnte ich bereits ausschließen. Die Komoot-App zeigt mangels Netzempfang lediglich eine weiße Seite. Nur das offlinefähige "Maps.me" hilft in dieser Situation weiter und weist genau an der Stelle des Schilds scharf nach rechts. Bei sorgfältigem Hinsehen könnte man die Steine im Unterholz für einen alten Pfad halten. Ich folge ihm, so gut es geht.

Wohin noch mag mein Weg mich führen? Närrisch ist er, dieser Weg, er geht in Schleifen, er geht vielleicht im Kreise. Mag er gehen, wie er will, ich will ihn gehen.
(Hermann Hesse)

Ich hatte im Vorfeld etwas von "deutlich roten Wegmarken" gelesen. Ich entdecke geringe, leicht übersehbare Überreste davon und weiß mich immerhin richtig. Tatsächlich erreiche ich bald die Bergkuppe, die im weiten Umkreis von kantig zerbrochenen Felsen bedeckt ist. Die Gräber sind nirgends zu sehen. Vorsichtig erkunde ich das unwegsame Gelände, welches voller Stolperfallen ist, die sich unter Unkraut und Gestrüpp verbergen könnten. Da ich seit der Abfahrt in Glóssa weder Auto noch Mensch gesehen habe und ich auf der Kuppe keinen Netzempfang habe, gebe ich die Suche nach einer Viertelstunde auf. Das Risiko, hier umzuknicken und mir den Knöchel zu verstauchen oder zu brechen, sind mir die Gräber nicht wert. Zum Trost kann ich wenigstens einen lohnenden Panoramablick in Richtung der Nachbarinsel Alónissos genießen. Falls die über mir kreisenden Gänsegeier auf mich lauern, werden sie heute leer ausgehen.

Es gibt Momente, in denen uns alles ermüdet, sogar das, was zu unserer Erholung beitragen sollte.
(Fernando Pessoa)

Zurück in der Stadt besuche ich die lokale Mini-Brauerei "Spira". Hier werden sechs Sorten Craftbier gebraut, von denen ich heute zwei verkoste. Zunächst ein "Pale Ale", anschließend ein "Weiss". Beide Biere sind vorzüglich und ich beschließe, die Verprobung morgen fortzusetzen.

Einige Meter abseits der Promenade hatte ich bereits gestern die Taverne "Apolafsi" entdeckt, deren Menükarte mir gefiel. Ich bestelle geschmorten Schweinenacken in einer süß-fruchtigen Pflaumensoße. Das klingt ungewöhnlich, ist jedoch eine lokale Spezialität mit langer Tradition. Als Beilage gibt es Kartoffeln. Ein Mamós-Bier ist ein passender Begleiter zu diesem ausgezeichnet schmeckenden Gericht.

Die kleine Familientaverne ist mir insgesamt äußerst sympathisch. Sie wirkt aus der Zeit gefallen, alles ist einfach und rustikal, die Dekoration aufs Notwendigste reduziert (also eigentlich nicht vorhanden), und sowohl der Ölgehalt wie auch die Preise sind wie vor 20 Jahren. Da die Karte weitere interessante Ofen- und Schmorgerichte anbietet, weiß ich schon, wo ich die nächsten Abende einkehren werde.

Man sollte denken, daß Zeit dort überhaupt nicht zählt!
(John Ronald R. Tolkien)

Zum Abschluss des Tages bummle ich erneut durch die Altstadt. So etwas wie Orientierung stellt sich auch heute nicht ein - es ist tatsächlich ein Labyrinth.

Ágios Ioánnis sto Kástro:


Glóssa:


Sentoúkia:


Skópelos Stadt: