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Am Morgen erwache ich bei wolkenlosem Himmel. Die Luft ist weiterhin recht kühl, aber da sich der Wind deutlich gelegt hat, sieht es nach besten Bedingungen für eine Wanderung aus. Mein heutiges Ziel ist der Strand bei Stáfylos an der gegenüberliegenden Küste im Süden der Insel.

Das bergige Skópelos wird in Höhe der Stadt durch ein breites Tal in zwei Hälften geteilt. Durch dieses kommt man auf geradem Weg an die Südküste. Außerhalb der Stadt herrscht kaum Verkehr, sodass ich es riskiere, der Straße zu folgen. Für den Rückweg habe ich eine alternative Route geplant. Das Tal wird vorwiegend landwirtschaftlich genutzt. Neben Obstbäumen und einigen Wiesen sind es vor allem Oliven, die das Bild bestimmen. Auffällig ist, dass es fast ausnahmslos Haine mit alten, teilweise sehr alten Beständen sind, die allesamt gepflegt, gut geschnitten und voller Knospen sind.

Wo Ölbäume sind, ist die Landschaft heilig. Seine lautlose Andacht macht fromm. [...] Die Seele des Landes ist dieser Baum.
(Erhart Kästner)

Ich mag diese wundervollen Bäume, die Geschichten aus vielen Jahrhunderten erzählen könnten. Es sind individuelle Wesen, jedes mit seinem eigenen Erscheinungsbild, einem eigenen Charakter und manchmal sogar mit einem eigenen Gesicht. Nur selten wird die Fläche zwischen den Stämmen zweckentfremdet. Die Wiesen und Wegränder sind ein Füllhorn an Farben. Gelb blühen Raps, Pippau und die buttergelbe Kronenwucherblume, weiß die Echte Kamille, violett die Wilde Malve und leuchtend rot der Klatschmohn. Eingehüllt wird die Szenerie in den Duft von Fenchel und Raps. Es macht Spaß, hier zu wandern.

Der Frühling war da, und auf den grünen Feldern rings um die Stadt [...] blühte eine solch dichte Fülle wilder Blumen, wie sie nicht einmal der Frühling in Rhodos zu bieten hatte.
(Lawrence Durrell)

Stáfylos ist ein Ort, der vermutlich erst mit aufblühendem Tourismus entstanden ist und kein richtiges Zentrum hat. Der hiesige Strand inmitten der ansonsten schroffen Küste ernährt eine Taverne, eine Bar sowie ein paar Hotels, die allesamt noch nicht aus ihrem Winterschlaf erwacht sind. Die Bauarbeiter, die fleißig mit Streichen, Pflastern, Erweiterungen und Ausbesserungen die Häuser auf die anstehende Saison vorbereiten, sind die einzigen Anzeichen von Leben.

Der recht schmale Strand macht nicht den Eindruck übermäßiger kommerzieller Nutzung, doch das Bild wird sich in der Badesaison sicherlich ändern, schon alleine wegen der guten Erreichbarkeit. Er liegt malerisch eingebettet zwischen Wald und Felsen, ist aber mit seiner Mischung aus grobem Sand, Kieseln und steinigen Platten nicht gerade mein Favorit. Die Tatsache, dass er als einer der bekanntesten und meistbesuchten Strände Skópelos gilt, beweist, dass die Insel nicht gerade als Badeparadies gelten kann. Die Nachbarinsel Skiáthos würde ihn nicht mal bewerben.

Am östlichen Ende kann ich auf einem unscheinbaren Pfad die Landenge einer kleinen Halbinsel überqueren und gelange zum dortigen Velanío-Strand. Er ist von deutlich anderem Kaliber, größer und wesentlich einladender. Durch einige Felsformationen strukturiert, ist er ansonsten wunderbar feinsandig. Er ist naturbelassen und trotzdem sehr sauber, obwohl ihn zu dieser Jahreszeit bestimmt niemand reinigt. Ich sehe nirgendwo angeschwemmtes Plastik, keinen Müll, nicht mal Algen. Hier lässt es sich aushalten. Abgesehen von einem verschämt hinter einem Felsen in der Sonne liegenden Nackedei bin ich während der ganzen Zeit vollkommen allein. Fast zwei Stunden verbringe ich an diesem herrlichen Platz. Später lese ich, dass Nacktbaden hier offiziell erlaubt ist. Ich wusste bisher nicht, dass es so etwas in Griechenland überhaupt gibt.

Auf dem Pfad zwischen den beiden Stränden trete ich beinahe auf zwei Eidechsen. Den im Normalfall extrem scheuen Tieren muss man sich sonst im Zeitlupentempo nähern, wenn man sie nicht verscheuchen möchte. Die beiden heutigen Exemplare sind dagegen so sehr in ihr Balzritual vertieft, dass sie mich offensichtlich überhaupt nicht wahrnehmen. Ich stehe direkt über ihnen und kann in aller Ruhe Fotos machen. Das habe ich noch nie erlebt.

Im Örtchen schaue ich intensiv nach einem Café oder einer Taverne, aber es bestätigt sich, dass noch nichts geöffnet hat. Das ist kein Problem, nicht umsonst habe ich den Rest der Chortópita von gestern Abend dabei, die kalt und durchgezogen sogar besser schmeckt als frisch aus dem Frittierfett. Während des Imbisses kann ich eine Herde Ziegen beobachten, die im mehr als schulterhohen Gras stehen und sich trotzdem um die besten Plätze streiten. Wie menschlich sie doch sind! Der Klang ihrer Glocken erfüllt das Tal im weiten Umkreis.

Für den Rückweg wähle ich eine Nebenstrecke, welche parallel zur Hauptstraße, aber etwas höher am Hang gelegen, fast auf der gesamten Länge durch Olivenhaine führt. Es ist äußerst angenehm, hier zu gehen. In der ganzen Zeit kommt mir nur ein einziges Auto entgegen und die Flora am Wegesrand ist noch schöner und abwechslungsreicher als auf dem Hinweg. Ich entdecke außer leuchtend gelbem Sauerklee die schöne Wildform der Gladiolen, daneben Bellardien und Marienkäfer-Mohn. Letzterer lässt sich an den charakteristischen schwarzen Flecken leicht vom Klatschmohn unterscheiden. Die Wandelröschen und der Zylinderputzer sind vermutlich aus nahegelegenen Gärten entkommen.

Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie schön die Welt ist, und wie viel Pracht in den kleinsten Dingen, in irgend einer Pflanze, einem Stein, einer Baumrinde oder einem Birkenblatt sich offenbart.
(Rainer Maria Rilke)

Zurück in Skópelos-Stadt spaziere ich durch den alten Ortskern, wo sich unter anderem die Kirche Panagía Eleftherótria aus dem 18. Jahrhundert und die traditionelle Platiá befindet. Nach einer Erfrischungspause auf der Promenade bummle ich zum Alten Hafen und mache eine späte Siesta in der Abendsonne auf meinem Balkon, bis diese hinter den Bergen verschwindet.

Am Abend esse ich geschmorte Ziege mit Spaghetti und trinke dazu ein Vergína-Bier. Ziege findet man selbst in Griechenland nicht alle Tage auf der Speisekarte, dabei ist das Fleisch sehr schmackhaft. Ein bisschen tolerant gegenüber Fett sollte man schon sein. Es ist klassische Volksküche ohne Kompromisse, wozu die Live-Musik mit Akkordeon perfekt passt. In touristisch geprägten Orten findet man sonst zumeist eine Bouzoúki als Begleitinstrument.

Und mein Herz, es singt sein leises Lied,
Das auf zum Himmel steigt.
(Hermann Löns)

Zum Abschluss serviert man mir auch hier einen Pflaumenlikör und dazu ein Stück Loukoúmi, jene typisch orientalische Süßigkeit aus eingedicktem Sirup. Anschließend setze ich meinen Bummel durch die eigentliche Innenstadt fort, welche sich von der Promenade den Hang hinaufzieht. Sie ist überaus sehenswert, mit vielen winzigen Geschäften des täglichen Bedarfs. Um gezielt etwas zu finden, muss man vermutlich hier aufgewachsen sein, denn für einen Ortsfremden liegt die Wahrscheinlichkeit, sich in den verwinkelten Gassen zu verlaufen, bei 100%. Gut, dass die Stadt von überschaubarer Größe ist. Später genehmige ich mir einen letzten Drink in einer Bar mit entspannter Jazzmusik.

Skópelos:


Stáfylos:


Velanío-Strand:


Skópelos:


Skópelos-Stadt: