In der zweiten Nachthälfte zieht erneut eine Regenfront über das Land. Blitz und Donner wecken mich auf, dann prasseln ergiebige Niederschläge laut gegen die Scheiben.
Am Morgen ist es kalt, nicht einmal 10°C. Der Dauerregen der Nacht hat sich gelegt, der Wind ist jedoch weiterhin sehr unangenehm. Am Fähranleger gibt es zwar einen überdachten Unterstand, doch dieser hat keine Wände und bietet somit keinerlei Windschutz. Dies führt zu skurrilen Situationen: Einige Touristinnen sind offenbar völlig unvorbereitet angereist und wickeln sich nun in ihre bunten Badetücher ein wie in einen Umhang. Das bringt ihnen etwas Wärme und für alle anderen etwas Farbe in die triste graue Szenerie.
But to the multitude who stand in the rain
Heaven is where the sun shines
(Genesis, "Mad man moon")
Die Überfahrt nach Skópelos dauert normalerweise etwa eine Stunde. Da ich noch nicht gefrühstückt habe, erstehe ich an der Bistro-Bar der Fähre eine Tomaten-Muschelpastete. Kurz nach dem Ablegen werden die Passagiere darüber informiert, dass aufgrund der widrigen Wetterbedingungen der Zielhafen in Skópelos-Stadt nicht angelaufen werden kann. Als Ersatz dient der winzige Hafen von Agnóntas an der gegenüberliegenden Südküste. Eine praktische Lösung, so hat man bei jeder Windrichtung eine Anlegestelle in windgeschützter Lage.
Und er erblickte weiße Strände und dahinter ein fernes grünes Land unter der rasch aufgehenden Sonne.
(John Ronald R. Tolkien)
Durch die Routenänderung dauert die Überfahrt nur die Hälfte der Zeit. Dafür müssen wir im Hafen in die bereitstehenden Shuttle-Busse umsteigen. Die Zahl der Sitzplätze ist natürlich auf die Anzahl der Passagiere abgestimmt, schwieriger ist es mit dem Gepäck. Da bei Fähren nur ein Gewichtslimit von 50 Kilogramm, aber so gut wie keine Größenbeschränkungen beim Gepäck gelten, nehmen Einheimische gerne auch sperrige Stücke wie Mikrowellen oder Kleinmöbel mit. Heute hat ein Mann drei große Blumenampeln voller blühender Petunien dabei. Wie die empfindlichen Pflanzen im engen Gepäckraum des Busses unterzubringen sind, führt zu leidenschaftlichen Diskussionen. Aber bekanntlich ist Chaos ein griechisches Wort und am Ende werden alle Herausforderungen gelöst. Die Blumen sind verstaut, die Gepäckraumklappen lassen sich noch schließen und alle sind zufrieden. Der Transfer in die Stadt dauert schließlich nur zehn Minuten, sodass wir beinahe pünktlich zur ursprünglich geplanten Ankunftszeit unser Ziel erreichen.
Meine Unterkunft für die nächsten fünf Tage befindet sich wenige Minuten zu Fuß vom Anleger entfernt. Ich hatte im Vorfeld geklärt, dass das Zimmer bereits am Vormittag zur Verfügung steht. Von meinem Balkon aus habe ich einen Blick auf die kleine Stadt. Es ist weiterhin stark bewölkt, soll aber trocken bleiben und ab Mittag heiter werden. Bevor ich am Nachmittag mit der nächsten Wanderung beginne, möchte ich mich etwas aufwärmen. Eine heiße Schokolade tut der Seele in dieser Situation besonders gut.
Schon der erste Eindruck bestätigt den Unterschied zu Skiáthos: Skópelos ist deutlich weniger touristisch. Die Tavernen und Geschäfte sind zwar mehrheitlich geöffnet, die Hotels und Ferienwohnungsanlagen dagegen durchgehend verwaist. Die Saison hat hier noch nicht begonnen. Nur private Zimmer sind zumeist ganzjährig buchbar. Schon auf dem Rückweg zu meiner Unterkunft hat das Wetter der Vorhersage erneut Recht gegeben. Die Wolken sind wie von Zauberhand verschwunden, die Luft ist klar und die Sonne brennt. Der kalte Wind zeigt sich davon unbeeindruckt, lässt die Temperatur kaum ansteigen und bleibt bissig. Das ist für diese Jahreszeit so außergewöhnlich, dass sogar die Tagespresse in Deutschland davon berichtet.
Kältester Start in den Mai seit Jahrzehnten
Vor allem in der Ägäis pfeift der Wind mit Böen von bis zu 88 Kilometern pro Stunde, und an den Küsten und auf den
Inseln können die Höchsttemperaturen am Sonntag schon auch mal nur bei zwölf oder 13 Grad liegen. Die Meteorologen
sprechen vom kältesten Maianfang seit Jahrzehnten (Quelle).
Meine Wanderung zum Glystéri-Strand beginnt an der Promenade und führt zunächst durch die Altstadtgassen auf den Hügel des Venezianischen Kastells. Hier bekommt man einen ersten Eindruck von den zumeist schroffen Küsten der Insel. Die Knappheit an Bademöglichkeiten erklärt, warum es auf der Insel viel weniger Touristen gibt als auf Skiáthos mit seiner großen Anzahl an Traumstränden. Dafür gilt Skópelos mit viel Natur und üppigen Wäldern als Griechenlands grünste Insel.
Die vorgesehene Route geht größtenteils über Asphalt, aber da das Verkehrsaufkommen nur unwesentlich über Null liegt, stört mich das nicht wirklich. Besonders schön ist ein Stück alter Pflasterweg nördlich der Stadt. Ähnlich wie gestern ist der Wegrand mit Blumen und Kräutern gespickt. An vergessenen Zitronenbäumen leuchten noch die Früchte des letzten Jahres. Schafe weiden unter ihnen, eingehüllt in den Duft von Fenchel und Salbei. Warum bekomme ich plötzlich Appetit auf gegrillte Lammleber?
Seit vielen Jahren habe ich ein aufmerksames Auge für die Flora des Landes, aber heute entdecke ich bereits zwei Spezies, die mir bisher noch nicht zu Gesicht gekommen sind. Dabei lässt sich der Pyramiden-Hundswurz aus der Familie der Orchideen nun wirklich nicht übersehen. Auch die hochwachsende Haferwurzel fällt mir schnell ins Auge. Eine beeindruckende Flora in Kombination mit huschenden Eidechsen - so macht Wandern Spaß.
Vögel sangen in den Hecken, und die ersten Eidechsen, die von den sonnigen Vorahnungen des kommenden
Sommers hervorgelockt wurden, krochen durch das Dickicht.
(Lawrence Durrell)
Nach knapp anderthalb Stunden erblicke ich die Glystéri-Bucht. Da sie über die Straße mit dem Auto erreichbar ist, wird der Strand im Sommer ein beliebtes Ziel sein. Davon zeugen die Bestände an Sonnenliegen und Schirmständern, die auf einer Wiese lagern. In der nebenan befindlichen Taverne mit Bar laufen die letzten Vorbereitungen auf die Badesaison, sie ist allerdings noch nicht geöffnet. Warum auch? Abgesehen von den Arbeitern bin ich der Einzige hier. Zumindest der einzige Mensch. Auf dem gegenüberliegenden Hang turnt eine Anzahl von Ziegen mit lautem Glockenklang über die abschüssigen Felsen. Weiß der Himmel, was sie dort suchen! Als gäbe es auf der Insel nicht nahrhaftes Grün im Überfluss, das einfacher erreichbar wäre.
Jetzt, auf dem Höhepunkt des Nachmittags, zeigt die Sonne, was sie kann, und ich gerate auf dem Rückweg ordentlich ins Schwitzen. Dabei ist die Luft kühl und so klar, dass man glaubt, zur Nachbarinsel Alónnisos hinüber schwimmen zu können. Es sind auch nur 10 Kilometer, wirkt aber noch kürzer.
Von der Höhe des Venezianischen Kastells hat man den besten Blick auf die Stadt. Von dort gehe ich durch hübsche und herrlich verwinkelte Gassen hinab zur Promenade. Da der Wind sich etwas gelegt hat, kann ich in der Sonne sitzen und mir ein wohlverdientes Bier genehmigen.
Am Abend bestelle ich mir eine Chortópita sowie eine fleischlastige Grillplatte. Da ich letztere bereits auf dem Nachbartisch gesehen hatte und von ihrer Üppigkeit weiß, ist die zusätzliche Wildkräuterpastete viel zu viel. Das ist mir durchaus vorher bewusst. Da es sich hierbei um ein typisches lokales Gericht handelt (kein Wunder, bei der Vegetation), möchte ich es unbedingt probieren und lasse mir den größten Teil der Pastete einpacken. Somit ist die Wegzehrung für morgen bereits gesichert.
Erholung besteht weder in Untätigkeit noch in bloßem Sinnengenuß, sondern im Wechselgebrauch unserer
Körper und Geisteskräfte.
(Karl Julius Weber)
Zum Abschied gibt es eine mit Konfitüre und Sahne gefüllte Gebäckpraline und einen Pflaumenlikör. Skópelos ist in ganz Griechenland berühmt für seine Pflaumen, die eine lange Tradition auf der Insel haben und sowohl in getrockneter Form wie auch für lokale Spezialitäten verwendet werden. Da es nach Sonnenuntergang erneut rasch sehr kalt geworden ist, unternehme ich weiter nichts und freue mich auf mein warmes Bett.