Das Dauergrau ist zwar vorbei, Wind und Temperatur bleiben jedoch ungemütlich. Im Ortszentrum erstehe ich ein paar Backwaren, die ich zum Teil bereits auf dem Rückweg am Strand verzehre. Um 11 Uhr treffe ich den Sohn des Hauses, einen jungen Mann, der in München studiert und mich zügig und wortreich zum Flughafen zurück kutschiert.
"Olympic", die Inland-Tochter von "Aegaen Air" bietet ebenfalls online Check-in und den kompletten Self-Baggage-Service an, sodass ich erneut viel zu früh bin. Es stört nicht, so bleibt Ruhe für einen guten Americano und den Rest des Frühstücks. Vor Wind geschützt kann ich sogar draußen sitzen und die Spatzen beobachten, wie sie zwischen rumpelnden Koffern, rollenden Trolleys und vielen Füßen flink und mutig keinen einzigen heruntergefallenen Krümel übersehen.
Another day, another boarding card
As you wait for your seat on the 'plane
(Al Stewart)
Für den kurzen Flug nach Skiáthos steht eine ATR 72‑600 bereit, ein Flugzeugtyp, der in Griechenland gerne für die Verbindungen zwischen den Inseln mit ihren kleinen Flughäfen eingesetzt wird. Die Maschine ist bis auf den letzten Platz ausgebucht.
Die zweimotorige ATR 72‑600 ist ein modernes, sparsames Turboprop-Regionalflugzeug, das von Avions de Transport Régional (ATR) hergestellt wird. Es ist für Kurzstrecken optimiert, bietet Platz für bis zu 78 Passagiere (typisch sind 72), gilt als zuverlässig und ist für seine Fähigkeit bekannt, mit kurzen Landebahnen klarzukommen.
Während des Überflugs ist es leider dicht bewölkt, sodass ich trotz der maximalen Flughöhe von 3500 Metern (die nur sehr kurz erreicht wird) die Aussicht nicht genießen kann. Beim Landeanflug reißt der Himmel auf. Nach einer knappen halben Stunde ist das Ziel erreicht und freundliches Wetter begrüßt mich auf Skiáthos.
Ein Taxi bringt mich die kurze Strecke in die Stadt zu meiner nächsten Unterkunft. Korrekter gesagt, bis kurz darunter, denn in den engen Gassen, die den am Hang gebauten Ort durchziehen, könnte nur ein Moped bis vor die Türe fahren. Mir bleibt nicht anderes übrig, als ein paar Treppen zu steigen. Ich erhalte ein helles Zimmer mit herrlichem Blick auf Promenade und Meer. Laut Gastgeberin ist es das schönste Zimmer des Hauses. Warum auch nicht, ich bin der erste Gast des Jahres, die Unterkunft hat erst seit gestern wieder geöffnet.
Ich vertrödele jedoch keine Zeit, ziehe die Wanderschuhe an und breche unverzüglich auf. Mein erster Gang soll mich zum Strand Mégas Gialós führen. Zwar zeugen große Pfützen auf den Straßen von ergiebigem Regen in der vergangenen Nacht, doch nun scheint die Sonne in der klaren und kühlen Luft. Gute Bedingungen zum Wandern!
Kaum hab ich den Ort hinter mir, oder besser gesagt, unter mir gelassen, wird es richtig schön. In den Olivenhainen wird mancherorts das Gras gemäht und der Duft von frischem Heu steigt mir in die Nase. Aber nicht nur der: Vielerlei Blumen und Kräuter zieren den Wegrand. Minze, Salbei, Thymian und Rosmarin verströmen ihr Aroma in der Sonne. Kein Wunder, dass die mediterrane Küche so gut ist.
In [...] Wolken zieht überall würzigbitterer Kräuterduft. Überall summen die Bienen der Demeter.
(Gerhart Hauptmann)
Zu Beginn folge ich dem Verlauf einer Asphaltstraße. Kurz hinter einem Bauernhof, der einem Bilderbuch für Kinder zu entstammen scheint, zweige ich auf einen Schotterweg ab. Aber nur ein kurzes Stück, dann geht es auf einem angenehmen Fußpfad weiter. Bald jedoch mündet er in eine Erosionsrinne, durch die Reste des nächtlichen Regens abfließen. Das letzte Stück ist nicht ungefährlich, da es steil zum Strand hin abfällt. Auf der Schattenseite sind die Steine noch nass und teilweise glitschig und wenn man fallen oder stolpern würde, gäbe es nichts, was einem Halt geben könnte, bevor man weiter unten aufschlägt. Vorsichtig wage ich den Abstieg.
Ich erreiche den grauen Sandstrand ohne Blessuren. Hier fängt die Herausforderung jedoch erst an. Eigentlich sollte man am Strand entlang bis zum jenseitigen Ende gehen können. Im mittleren Drittel reichen die Felsen fast bis ans Wasser. Normalerweise! Der kräftige Nordostwind drückt das Meer heute jedoch auf den Strand, sodass die Brandung auf einer Länge von knapp 200 Metern direkt auf die Felsen prallt.
Was tun? Die steile Erosionsrinne wieder zurück ist nicht sehr verlockend. Über die groben Felsen zu klettern, ist ebenfalls nicht das, was ich mir gewünscht hatte. Ich entscheide mich trotzdem für die zweite Alternative und schaffe auch diesen Abschnitt ohne Schaden, wenn man von ein wenig zerkratzten Händen absieht.
Grübeleien darüber, was man hätte tun und was man hätte lassen sollen, sie führen zu nichts.
(Lion Feuchtwanger)
Bis zum Ende des Strandes setzt sich nun der angenehme Sand fort. Dort muss ich den Hang wieder hinauf. Der Fußpfad verläuft genauso steil wie beim Abstieg, vielleicht sogar um ein Weniges steiler, aber er ist immerhin gut erkennbar. Auf der Hügelkuppe angekommen, atme ich tief durch - von hier an habe ich zwar weitere fünf Kilometer vor mir, aber es wird nur noch sanft bergab gehen. Mir kommt die Bewertung meiner Wander-App in den Sinn: "Leicht begehbare Wege. Kein besonderes Können erforderlich." Ich glaube, da ist bei Gelegenheit ein bissiger Kommentar notwendig.
Auf der abfallenden Hangseite weiden Schafe unter Olivenbäumen, dazwischen gedeihen weiße Schwertlilien. Bald beginnt wieder die Zivilisation: In der Ebene liegt zu rechter Hand das Elektrizitätswerk der Insel, vor mir erstreckt sich der Flughafen, den ich umrunden muss, um an die Ostküste zu gelangen. Von oberhalb des dortigen Psarochoma-Strandes kann ich einen ersten Blick auf mein eigentliches Urlaubsziel werfen: Die Nachbarinsel Skópelos.
Der Rest des Weges ist ein Spaziergang am Ufer entlang. Bemerkenswert ist das Warnschild am südlichen Ende der Landebahn. Es gab in den letzten Jahren hier mehrfach schwere Unfälle, weil Planespotter die ungeheure Kraft der Turbinenabgase unterschätzten und einfach weggeblasen wurden.
Der Flughafen von Skiáthos ist für Planespotter eines der Traumziele innerhalb Europas. Wegen der beengten Verhältnisse auf der Insel reicht die nur 1600 Meter kurze Landebahn von Küste zu Küste. Im Süden führt die Straße unmittelbar an ihr vorbei, für einen Sicherheitsabstand ist kein Platz. Es gibt regelmäßig Unfälle, weil Menschen die Warnungen nicht ernst nehmen. Schwerverletzte gab es zuletzt 2018 und 2022 (Quelle).
Kurz vor der Stadt beobachte ich einen Stelzenläufer im flachen Wasser. Der elegante Vogel ist unverwechselbar. Die Einstiegstour war insgesamt zwar herausfordernder als geplant, jedoch ein würdiger Einstieg in die Urlaubswoche.
Des Wandern Lust ist, daß man die Zwecklosigkeit genießt. Genüge im eigenen Selbst zu finden, das ist
des Wanderns höchste Stufe.
(Liä-Tse, um 450 v. Chr.)
Nach Sonnenuntergang wird es rasch kalt, aber in einem beheizten Tavernen-Pavillon unmittelbar gegenüber des Fähranlegers entdecke ich den Inbegriff griechischer Küche: Aus einer Warmhaltetheke lacht mich eine Moussaká verführerisch an. Mit einem Tsatsíki sowie einem Mamós-Bier gleiche ich die am Nachmittag verbrauchten Kalorien wieder aus. Da die Straße hier autofrei ist, hat die Jugend einen Platz zum Bolzen und ich genügend Unterhaltung beim Essen.