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Der Regen des Vortags ist vergessen, nur aus den Bäumen tropft noch die Erinnerung. Die Sonne strahlt, als hätte es nie eine Wolke gegeben, und lässt die Farben des Ortes in alter Frische erblühen. Zum Frühstück erstehe ich eine Spanakópita und einen Americano, setze mich auf meinen Balkon und plane die Route für den letzten Tag der Reise.

Mein diesjähriger Abstecher ans Meer endet so schnell, wie er begonnen hat, mit der Fahrt auf der Nationalstraße entlang des Golfs von Korinth. Auf den 80 Kilometern bis Itéa verläuft die Straße fast ausnahmslos in Sichtweite des Meeres, eine sehr schön zu fahrende Strecke. Dann wende ich mich nach Norden und fahre wieder auf die Berge zu.

Während ich mich Delphí nähere, schlagen zwei Herzen in meiner Brust: Die Atmosphäre von Apollos heiliger Orakelstätte und sein mythischer Flair ragen unter allen archäologischen Sehenswürdigkeiten des Landes weit heraus und sind fast unwiderstehlich, andererseits zerstören die Massen der Besucher den Genuss inzwischen vollständig. Eigentlich zieht mich der Ort geradezu magisch an, aber als ich in den Serpentinen, die zur Ausgrabungsstätte führen, hinter Kolonnen von Reisebussen herschleichen muss, lasse ich Delphí schweren Herzens links liegen und halte erst in der nächsten Stadt wieder an.

In Aráchova zu halten war zwar grundsätzlich vorgesehen, passiert aber zunächst unfreiwillig. Die Stadt leidet, zumindest zeitweise, extrem unter einem von Delphí induzierten Verkehrsinfarkt. Die schmale Straße, die mitten durch die enge Altstadt verläuft, ist nicht dazu geschaffen, die Unmenge von Reisebussen zu verkraften, die auf der einen Seite von Delphí kommend und auf der anderen auf dem Weg dorthin unterwegs sind. Ich stehe zehn Minuten im Stau, bevor die Kolosse sich millimetergenau aneinander vorbei und durch das Nadelöhr der Altstadt gezwängt haben. Und ich habe dabei noch Glück. Später können sich zwei Fahrer offensichtlich nicht schnell genug darauf einigen, wer einfacher zurückfahren kann. In der Zwischenzeit haben sich hinter beiden Bussen Dutzende von Autos angestaut. Damit auf einer Seite die komplette Schlange Auto für Auto 30 Meter zurücksetzen kann, ist die Hilfe eines dirigierenden Verkehrspolizisten notwendig. Eine halbe Stunde benötigt es, bis der gordische Knoten gelöst ist.

Ich parke am Ortsausgang und nehme mir viel Zeit, das Städtchen zu erkunden, das durchaus attraktiv zwischen 900 und 1100 Metern Höhe am Berg gelegen ist. Besonders markant sind der frei auf einem Felsen erbaute Uhrturm sowie die rot lackierten Tore der Lagerräume im Bogenbau unterhalb der Hauptstraße. Die genaue historische Funktion dieser Räume ist nicht mehr eindeutig feststellbar, aber sie wurden vermutlich sowohl als Lager wie auch als Werkstätten genutzt.

Falls Du Deinen Blick mal dorthin werfen solltest und sie siehst, wird sie Dich verzaubern Fremder - und solltest Du fragen welche Stadt das ist, man wird ‘Arachova‘ antworten!
(Georgios Siros)

Aráchova ist aber nicht nur ein Anhängsel von Delphí, sondern hat sich in den letzten Jahrzehnten zum beliebten Wintersportort entwickelt, wovon zahlreiche Skischulen und Ausrüstungsverleihe zeugen. Zum Abschluss des Rundgangs verspeise ich eine übertrieben große Portion Gígantes (weiße Riesenbohnen in Tomatensauce) und nehme die letzte Etappe in Angriff. Ich fahre eine halbe Stunde fast durchgehend bergab, bis ich Livadiá und dort meine Unterkunft erreiche.

Der Himmel zeigt sich weiterhin freundlich und das Thermometer erreicht für diesen Urlaub einen Temperaturrekord. Bei 24°C kann ich sogar schwitzen, ohne dass ich steile Berge oder Altstädte erklimmen muss. Der neu gestaltete Zentralplatz ist am Nachmittag verwaist, dafür ist es am Érkyna-Bach umso belebter. Er entspringt in einer Schlucht weiter südlich und fließt mitten durch das Stadtzentrum.

Der Name des Flusses entstammt der griechischen Mythologie. Érkyna war eine Nymphe, die mit Persephóne, der Tochter der Démeter, spielte. Als sie versuchte, eine entlaufene Gans zu fangen, hob sie einen Stein an, woraufhin Wasser aus dem Boden strömte und sich zu einem Fluss entwickelte. Sowohl die Gans als auch die Nymphe wurden von diesem Wasser verschlungen, weshalb der Fluss ihren Namen trägt.

Am Bach liegt zudem auch der Krýa-Park, eine für Griechenland außergewöhnliche Grünanlage mit vielen kleinen Wasserfällen, Steinbogenbrücken und jahrhundertealten Platanen, die das Ufer säumen. Das neben der historischen Wassermühle fallende Nass wirkt wie eine zusätzliche Klimaanlage. Ich kann mir vorstellen, dass der Park während der sommerlichen Hitze ein äußerst beliebter Ort ist.

Noch ist jedoch nicht die Zeit zum Ausruhen gekommen. Ich steige zur mittelalterlichen Festung hinauf. Dazu geht es steil in die Altstadt hoch, wo die Häuser Wohlstand ausstrahlen und die Vorgärten intensiv nach Rosen duften. Die Festungsruine besteht vorwiegend aus einem Zypressenwald, der von der mächtigen Befestigungsmauer umgeben ist. Die Lage der Festung war natürlich nicht zufällig gewählt, man hat von hier eine strategisch gute Aussicht über die Stadt. Ich muss dabei allerdings aufpassen, dass der äußerst kräftige Wind mich nicht von der bröckelnden Mauer weht.

Nachdem ich wieder zum Flüsschen hinabgestiegen bin, folge ich ihm gegen seinen Lauf in die kleine Schlucht, die sich direkt an die Stadt anschließt. Der Weg führt an einem antiken Amphitheater vorbei und dann auf mittelalterlichen Treppen die Felswand empor.

Schließlich kamen sie zu dem jähen Steilhang [...] und schauten hinauf zu der Felswand und den unebenen Stufen, die zu der hohen Felsplatte führten.
(John Ronald R. Tolkien)

Hatte ich vorhin "steil" gesagt? Das hier ist steil! Und es fühlt sich endlos an. Das tiefe Blutrot des Klatschmohns am Rand der Treppen erinnert mich an das, was mein Herz gerade verzweifelt durch meine Lungen zu pumpen versucht.

Warum tut man sich so etwas eigentlich an? Nur um wieder einmal zu einer weiteren Kapelle zu gelangen, die irgendwelche Fanatiker vor langer Zeit in die nächstbeste Felsennische gebaut haben? Nein, es ist natürlich der Ausblick. Nach einiger Zeit bin ich auf der Höhe der Festung, die sich nun auf dem gegenüberliegenden Berg befindet. Noch liegt das Ziel ein gutes Stück über mir. Als ich es erreiche, bin ich überrascht, nicht der Einzige hier oben zu sein. Drei jugendliche Mädchen haben es ebenfalls hierher geschafft und nutzen vermutlich die Abgelegenheit, um Themen zu besprechen, die kein Erwachsener hören soll. Offensichtlich vertrauen sie darauf, dass ich kein Wort verstehe, und sie behalten Recht damit.

Diese Aussicht lohnt jeden Tropfen Schweiß. Am Grund der Schlucht erkenne ich das Amphitheater, links die mittelalterliche Festung und hinter dem Ausgang der Schlucht erstreckt sich die Stadt. In der klaren Luft ein herrlicher Anblick. Ich gönne mir eine kleine Pause, steige hinab und spaziere schließlich zu meiner Unterkunft.

Zum Abendessen kehre ich an das Flüsschen zurück. Allerdings nehme ich einen anderen Weg und folge dem Flusslauf ein gutes Stück durch die Stadt. Es gibt einige malerische Ecken, die mich an Städte wie Freiburg oder Colmar erinnern. Seltsam, dass Livadiá außerhalb von Griechenland vollkommen unbekannt ist. Ich ergänze die Liste der Küchenklassiker mit der Wahl von frittierten Zucchini, drei Souvlákia und einem Mythos-Bier.

Die Luft war warm. Laut klang das Geräusch von fließendem und fallendem Wasser, und der Abend war erfüllt von einem schwachen Duft von Bäumen und Blumen [...].
(John Ronald R. Tolkien)

Zum Abschluss des Tages und des Urlaubs bummle ich durch das Stadtzentrum und setze mich in der Fußgängerzone in eine Bar. Bei einem Tsípouro kann ich wunderbar das pulsierende Treiben beobachten, das hier herrscht. Viele Menschen, vor allem junge Leute, flanieren durch die abendlichen Straßen, aber kein einziger ausländischer Tourist ist auszumachen.

Náfpaktos:


Aráchova:


Livadiá: