Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.
(Karl Valentin)
Katzen und Hunde, wie der Engländer sagen würde, hat es in der gesamten Nacht geregnet, und auch während des Tages muss immer wieder mit leichtem Regen gerechnet werden. Das Ambiente des Frühstückraums gefällt mir außerordentlich gut und in Anbetracht des schlechten Wetters nehme ich mir viel Zeit für das reichhaltige Büffet. Die Glaswand zur überdachten Loggia ist auf der ganzen Breite geöffnet, sodass man gleichzeitig innen und im Freien sitzt. Wetterbedingt ist der mir zu Füßen liegende Platz leider nur wenig belebt.
Die Reise geht weiter in Richtung Süden. Die Gewerbegebiete am Stadtrand gehen zunächst nahtlos in eine landwirtschaftlich genutzte Ebene über, dann führt die Straße um den Lysimachía-See herum und geht geradlinig auf den Arákynthos-Gebirgszug zu. Von jetzt auf gleich gerät man in die Klissoúra-Schlucht, die von tiefhängenden Wolken auf dramatisch wirkende Weise überdacht wird.
Es wäre überraschend, wenn es in solchen Felswänden kein Kloster gäbe. Das Hauptgebäude des Klosters Panagía Eloúsa befindet sich direkt an der Straße, aber weiter oben sind eine neuzeitliche Kapelle und vor allem die ursprüngliche Klosterkirche gelegen. Letztere drängt sich schutzsuchend in eine natürliche Felsennische. Vom Weg, der hinauf führt, sieht man scheinbar einen See. Tatsächlich ist es bereits das Meer, die flache Lagune von Etolikó.
Die Kirche ist direkt an die Felswand gebaut, welche dadurch zwei der vier Wände bildet. Das spart Baumaterial! Wie üblich steht die wichtigste Ikone der Gottesmutter an prädestinierter Stelle. Direkt daneben befindet sich ein steiler, von einem Gitter geschützter Schacht, an dessen Grund sich die Quelle des Klosters befindet. Trinkwasser hat in Griechenland seit jeher eine besondere Bedeutung. Auf den nationalen Straßenkarten sind Brunnen und Quellen am Wegesrand noch heute besonders markiert.
Vom Kloster ist es nur ein Katzensprung zur nächsten Station. Die Kleinstadt Etolikó liegt inmitten der gleichnamigen Lagune und ist auf beiden Seiten über Brücken mit dem Festland verbunden. Die bis weit hinter Messolóngi reichende Lagune ist ein Meeresschutzgebiet, das für seinen Fischreichtum bekannt ist. Vielleicht bietet sich die Gelegenheit, die lokale Spezialität zu probieren: geräucherter Aal.
Ich parke am Brückenkopf und spaziere in die Stadt hinein. Am Ortseingang grüßen die wachsamen Augen von Geórgios Karaïskákis, jenem General der Unabhängigkeitskriege, dessen Namen ich wenige Tage zuvor bereits im Kloster Prousós begegnet bin. Er wird bis heute im ganzen Land als Nationalheld verehrt und hier scheint man besonders stolz auf ihn zu sein.
Darüber hinaus hat Etolikó überraschend wenig zu bieten. Man sieht offenbar keinerlei Bedarf, aus der außergewöhnlichen Lage touristisches Kapital zu schlagen. Um einmal quer durch die Stadt zu spazieren, benötigt man kaum mehr als fünf Minuten. Immerhin befindet sich am gegenüberliegenden Ufer eine Reihe von Cafés auf der schlichten Promenade, wo ich mir einen Kafé frappé genehmige. Das tiefhängende Wolkendach drückt auf meine Laune und macht den ohnehin nicht besonders hübschen Ort nicht besser. Ich spaziere durch die Gassen und einmal ganz um die Insel herum, finde jedoch keine geöffnete Taverne, die "smoked eel" anbietet. Selbst der kleine Markt auf der Ostseite ist enttäuschend. Hier gibt es weder Fisch noch Fleisch, und obwohl es erst 12:30 Uhr ist, werden die Stände bereits abgebaut. Wenn man hier Fisch essen möchte, ist es vermutlich das Beste, ihn selber zu angeln.
Enttäuschung ist das Ergebnis falscher Erwartungen.
(Andreas Tenzer)
Ich kehre zum Auto zurück und steuere die nächste Station an. Salinenlandschaften sind selten besonders attraktiv, aber bei dieser Düsternis vermögen sie schon eine leicht depressive Stimmung zu verbreiten. Da wirken selbst die schneeweißen Salzberge wenig aufheiternd. Während das Himmelslicht durch einen starken Saharastaub-Eintrag zunehmend einen kränklich-gelblichen Charakter annimmt, nähere ich mich Náfpaktos, wo ich für die nächste Nacht eine Unterkunft reserviert habe. Gegen 14 Uhr checke ich dort ein.
Náfpaktos gehört sicherlich zu den malerischsten Orten des Landes. Der venezianische Hafen, der von einer gut erhaltenen Befestigung umgeben ist, durch deren Tordurchgang man die Stadt vom Strand her betritt, ist ein zentrales Schmuckstück des Ortes. Über alldem wacht seit jeher die Burg, deren Ursprünge in die byzantinischer Zeit reichen und die abwechselnd Venezianern und Osmanen dienlich war. Im düsteren Licht kommt der Charme des Ortes heute leider nur sehr begrenzt zur Geltung, aber immerhin ist es trocken. So kann ich mich in einer Bar am Rand des Hafens niederlassen und das Panorama genießen. Eine Portion gegrillter Fleischbällchen tröstet mich ein wenig und das mir bisher unbekannte Nímfi-Bier entpuppt sich als positive Überraschung. Ungeachtet der Witterung ist der Hafen von Náfpaktos einer der schönsten Plätze, um das Leben zu genießen und die Zeit zu vergessen.
Ein wenig Bewegung schadet nichts und ich starte meinen Spaziergang zunächst am Strand entlang. Dann kehre ich in einer Schleife zurück und schlendere durch die malerischen Gassen der Altstadt, die an manchen Ecken beinahe kykladisch wirken. Fast unbemerkt gelange ich höher, bis ich plötzlich am Uhrturm, an der unteren Ecke der Burgbefestigung stehe. Von hier kann man die Stadt überblicken, vom venezianischen Hafen direkt unter einem bis zur Río-Andirío-Brücke in der Ferne.
Es beginnt erneut zu regnen und ich schlendere zurück. Am Strand setze ich mich unter einen Schirm und betrachte die hohen Berge der gegenüberliegenden Peloponnes, deren Gipfel in den Wolken verschwinden. Am Abend besuche ich ein Grillrestaurant an der Uferstraße. Tsatsíki und ein Mamós-Bier begleiten dort eine käsegefüllte Hähnchenfrikadelle, die doppelt so groß wie erwartet ist. Mit einem Longdrink in einer Bar am Hafen trage ich den nassen Tag zu Grabe.