Heute endet mein Aufenthalt in Karpenísi. Ich checke aus und nehme zunächst denselben Weg wie gestern. Das am Vortag noch zahlreich auf der Straße liegende Geröll ist bereits vollständig geräumt, aber wesentlich schneller kann man auf dieser alpinen Strecke eh nicht fahren. Am Ortsausgang von Prousós lasse ich den Wagen am Straßenrand stehen. Ich habe beim Studium der Karte am Vorabend gesehen, dass die gestern vorzeitig abgebrochene Wanderroute an dieser Stelle die Straße kreuzt, sodass man in ihren letzten Abschnitt hier einsteigen kann. Ich habe mir zwar nicht vorgenommen, heute bis zur Höhle am Ende der Strecke zu gehen, jedoch soll vorher ein sehenswerter Wasserfall am Weg liegen.
Ich muss jeden Tag einmal in der Natur sein, sonst ist es kein guter Tag.
(Anestis Tsionis)
Mich erwartet ein angenehm zu gehender Waldweg ohne nennenswerten Anstieg, was sich eher nach Spaziergang denn nach Wanderung anfühlt. Es muss ja nicht immer anstrengend sein. Schon bald lässt sich das rauschende Wasser vernehmen. Mitten im dichten Wald stürzt der Bach etwa 15 Meter tief in einen Pool, der einen in Versuchung führt, sich die Kleider vom Leib zu reißen und hinein zu springen. Allerdings nur, solange man nicht die Wassertemperatur geprüft hat. Der wegen seiner Nachbarschaft zur Höhle Mávro Spiliá (dt.: "Schwarze Höhle") ebenso genannte Wasserfall ist ein märchenhaft schöner Fleck. Ich höre nur den tosenden Fall, die Vögel des Waldes und meinen eigenen Herzschlag. Schließlich kehre ich zum Auto zurück.
In unmittelbarer Nähe gibt es eine Kuriosität, die ich nicht verpassen möchte. Einsam inmitten der Wildnis, am Ende eines steilen und schmalen Fahrwegs, liegt die Metzgerei Stremménos.
Der Gründer Christós Stremménos, ein Professor für physikalische Chemie an der Universität Bologna, ließ sich von den Wurst- und Schinkenprodukten aus Parma inspirieren. Er beschloss 1992, eine kleine, aber moderne Wurstfabrik im Dorf Prousós zu gründen, wo die klimatischen Bedingungen zur natürlichen Reifung denen von Parma vergleichbar sind. Es ist bis heute der einzige luftgetrocknete Schinken, der in Griechenland hergestellt wird. Mit ihm und einigen weiteren Produkten (Salami, Pancetta, Loukániko) beliefert er vorwiegend die anspruchsvolle Gastronomie, verkauft vor Ort aber auch an Kleinkunden.
Mein erster Gedanke ist "Hier kann man nie und nimmer etwas kaufen.“ Ich stelle dem Mann, der freundlich auf mich zukommt, eine entsprechende Frage. "Ja, natürlich!", lautet seine Antwort, mit einer Betonung, als sei selbstverständlicher nichts auf der Welt, als mitten in der Einsamkeit ein Einzelhandelsgeschäft anzutreffen. Er leitet mich durch eine nicht auf Anhieb erkennbare Türe in einen kleinen Raum und öffnet die Jalousie zu einem Kühlregal. Verschieden gewürzte Salami und Loukániko, Pancetta und Schinken liegen in handlich verschweißten Paketen bereit. Ich lasse mir die Produkte erklären und entscheide mich letztendlich für ein Kilogramm Schinken und eine Salami. Das Hochfahren des brandneuen Kassensystems dauert länger als alles andere und kann erst mit Hilfe des telefonischen Supports eines IT-Spezialisten gelöst werden. Wer kennt das nicht?
In Prousós habe ich nun alles erledigt, was ich vorhatte, und setze meine Fahrt fort. Während von Karpenísi bis hier noch sporadisch Autos entgegenkamen, habe ich während der folgenden Stunde die Straße für mich allein. Alles andere hätte die Fahrt anstrengend werden lassen, denn auf diesem Abschnitt ist sie äußerst kurvig, eng oder in schlechtem Zustand. Meistens alles gleichzeitig!
Bald geht es bergab, ich lasse das Gebirge hinter mir, die Landschaft ist nur noch hügelig und der Wald weicht Phrýgana und Olivenhainen. Gegen Mittag erreiche ich Thérmo. Eigentlich ist es eher ein großes Dorf, aber da es im weiten Umfeld keine Alternativen gibt, ist es lebhaft wie eine Kleinstadt. Der von Jasminduft erfüllte und von zahlreichen Cafés umsäumte Zentralplatz tut sein Übriges dazu. Es ist die perfekte Gelegenheit für einen Kafé frappé.
Angenehm warm und sonnig wie es ist, kann ich endlich einmal im T-Shirt draußen sitzen. Immer wieder aufs Neue schöne Plätze zu entdecken, auf denen man die Seele baumeln lassen kann, macht mir heute noch genauso viel Freude wie vor 20 Jahren. Leider kündigt die allmählich zunehmende Bewölkung schon die nächste Regenfront an. Da diese nicht nur den heutigen Abend, sondern auch den ganzen nächsten Tag andauern soll, entschließe ich mich, vorher eine weitere kleine Wanderung zu unternehmen.
Nur eine fünfminütige Fahrt benötigt es, bevor ich den Startpunkt dazu finde. Laut Hinweisschild an der Landstraße bei Agía Sophía sollen es bis zu den Mokistiános-Wasserfällen knapp zwei Kilometer sein, während eine Kommot-Tour sogar weniger als anderthalb Kilometer angibt. Beide Angaben sind rundweg falsch (wie ich später durch eine eigene Messung belegen kann).
Der Pfad ist vorbildlich markiert, an jeder Verzweigung ist ein kleiner Wegweiser angebracht, sodass man nicht fehlgehen kann. Er verläuft zunächst direkt am Mokistiános-Bach entlang, dann wieder tiefer in den bildschönen Laubwald mit Eichen und knorrigen Platanen hinein. Brombeeren ranken an oder über den Weg, der Duft von Kamille, Holunder und Minze erfüllt die Luft. Nach 40 Minuten sehe ich einen Wasserfall tief unter mir im grünen Dickicht des Waldes leuchten.
Als ich losging, habe ich einen Abschnitt wie den folgenden nicht erwartet, denn von der Straße sieht die Landschaft sanft und leicht hügelig aus. Doch nun geht es über viele Stufen in Kehren sehr steil einen Hang hinab. Aber es lohnt sich. Ich stehe schließlich vor dem Wasserfall, der in einen großen Pool mündet. Die Zwillingsfälle sind mit einer Höhe von mehr als 20 Metern größer als der am Morgen gesehene. Auch ist die Atmosphäre der großen Lichtung nicht mit ihm vergleichbar. Blau schimmernde Libellen schwirren umher. Ich mag diese leuchtenden Diamanten.
Es gibt unendlich viele Momente zum innehalten, um die Schönheit und Vielfalt unsere Natur, ganz
bewusst wahrzunehmen.
(Manuela Dankemeyer)
Der Rückweg ist naturgegeben schweißtreibend, und da ich den verschiedenen Entfernungsangaben von Beginn an misstraut habe, zeichne ich ihn per GPS auf und komme auf 3,4 Kilometer bei einer deutlich größeren Höhendifferenz. Da kommt das alte Wissenschaftlerherz wieder hervor: Traue keiner Messung, die du nicht selbst gemacht hast.
Mit dem letzten Abschnitt meiner Fahrt bis Agrínio liegen nun 25 Kilometer langweilige Strecke durch eine schmucklose Landschaft und ebensolche Dörfer in der Ebene nördlich des großen Trichonída-Sees vor mir.
Agrínio ist ein Albtraum für Autofahrer, jedenfalls die Innenstadt. Da mein Hotel im Zentrum von Fußgängerzonen umgeben ist und demzufolge mit dem Auto nicht erreichbar, ist das Google-Navigationssystem beleidigt und verfällt in Schweigen. Ich nähere mich so gut es geht an, finde einen Parkplatz in irgendeiner Seitengasse und verlasse mich auf meine Beine.
Das Hotel "Leto" bietet weit mehr, als der günstige Preis hätte erwarten lassen. Vom modernen und geräumigen Zimmer habe ich einen direkten Blick auf den zentralen "Platz der Demokratie". Ich mache mich kurz frisch und breche zu einem Stadtbummel auf. Agrínio hat zwar eine bis in die Antike zurückreichende Geschichte, ist heutzutage jedoch eine moderne Großstadt und genauso unprätentiös wie alle griechischen Städte, die mit Tourismus nichts zu tun haben.
And even though the sun is shining
Well I feel the rain, here it comes again.
(Roger Hodgson / Supertramp)
Am Abend beginnt der angekündigte Regen. Die Temperaturen bleiben jedoch angenehm, um draußen zu sitzen, und ich finde nicht weit vom Hotel einen überdachten Tavernenplatz. Als Vorspeise bekomme ich eine mit Tomaten gefüllte und mit Féta gratinierte Aubergine, anschließend Hähnchenfilets in einer leicht süßen Karotten-Senf-Salsa. Ein Mamós-Bier darf dazu ebenso wenig fehlen wie der abschließende Tsípouro. Trotz allem fällt die Rechnung geringer aus als in den vergangenen Tagen und eine Eiswaffel gibt es obendrauf. Ich mag Städte ohne Touristen.
Der Regen gönnt sich eine kleine Pause, sodass ich einen Verdauungsspaziergang im Trockenen machen kann. Jetzt, im Dunkeln, mit geöffneten Geschäften und dem erwachten Leben auf den Straßen, wirkt die Stadt gar nicht mehr so hässlich.