Die Feuchtigkeit der Nacht hängt noch in den Tälern, aber heute soll es etwas freundlicher werden als in den vergangenen Tagen. Beste Bedingungen für einen Ausflug in den Süden. Ich fahre zunächst den gleichen Weg wie am Sonntag in Richtung Megálo Chorió, biege jedoch nicht dorthin ab, sondern bleibe auf der Hauptstraße. Sie verläuft hier entlang des Tals des Karpenisiótis, das sich zunehmend enger und dramatischer präsentiert.
Ich liebe solche Strecken. Die Straße schmiegt sich demütig in die Landschaft, ohne sie zu verändern oder den Versuch zu unternehmen, diese zu beherrschen. Leitplanken oder Seitenmauern gibt es zwar sporadisch, aber sie vermitteln ein trügerisches Gefühl von Sicherheit. Ich muss an die typischen James-Bond- oder Belmondo-Filme der 60er-Jahre denken, in denen die unsterblichen Supermänner solche Straßen mit sabotierten Bremsen bei 140 km/h meisterten. Ich schaffe hier höchstens 30, schon alleine wegen des Gerölls, das in der regnerischen Nacht zahlreich auf die Fahrbahn gespült wurde.
Zum Schnellfahren ist die Strecke ohnehin viel zu schön. Das Tosen des Flusses ist allgegenwärtig. Die aufdringlichen Ansammlungen von Warn- und Gefahrenhinweisen halte ich zwar für überflüssig, da es auf vielen Kilometern kaum einen Abschnitt gibt, wo solche Gefahren nicht präsent wären. Aber wer möchte sich angesichts solcher Straßenführung darüber schon beklagen?
Wo das Tal sich etwas öffnet und mehr Sonne an die Hänge lässt, wechseln Ginster und Rote Spornblume einander ab. Besonders die letztere gedeiht hier üppiger, als ich sie je anderswo gesehen habe. Schließlich erreiche ich die Dipótama (dt.: "Zweifluss") genannte Stelle, an der sich der Karpenisiótis mit dem Krikelopotamós vereint und später in den Kremasta-See mündet. Im Schatten der Straßenbrücke steht noch immer die alte Steinbrücke, deren Zugang jedoch dem Ausbau der Straße geopfert wurde.
Nun ist es nicht mehr weit zu meinem ersten Etappenziel, das nach einer Kurve, wie erwartet und dennoch überraschend, vor einem auftaucht. Das Kloster Prousós ist ein beliebtes Ausflugsziel und bietet sogar Gästezimmer für Pilger an.
Das im Jahr 829 gegründete und der Gottesmutter geweihte Kloster Prousós ist im Lauf seiner langen Geschichte zum Quell vieler Wunder und Legenden geworden. Wie viele andere Klöster war es ein Zentrum des Widerstands während der Befreiungskriege und diente zugleich als Lazarett. Gesichert ist, dass Geórgios Karaïskákis, einer der großen Anführer, dort von einer schweren Verwundung genesen ist. Im 2. Weltkrieg fanden Partisanen hier Unterstützung, weshalb es im August 1944 von den deutschen Besatzern fast vollständig niedergebrannt wurde. Der Wiederaufbau begann erst nach dem Ende des Bürgerkriegs und dauerte bis in die 1970er Jahre.
Das Kloster schmiegt sich an den steilen Berghang, als suchte es Schutz. Allein die herrliche Lage lohnt einen Besuch. Zwischen den Klostergebäuden und einem freistehenden Glockenturm gähnt ein Abgrund, aus dessen Tiefe das Brausen des wilden Prousiótiko-Bachs dringt.
Inmitten dieser unwegsamen Landschaft, an Felsen gepresst, dem Abgrund schwindelerregend nahe, kann nur
ein Kloster liegen. Der Glockenturm ragt auf einem einsamen Felsen aus dem Tal hervor, die Griechen sagen, wer bisher
nicht an die Mutter Gottes geglaubt hat, tut das spätestens hier.
(Julia Büttner)
Vom gut ausgeschilderten Parkplatz ist das Kloster fußläufig leicht zu erreichen. Besucher werden mit frischem Loukoúmi empfangen und gegen einen kleinen Obolus kann man Bienenwachskerzen bis zu einer Länge von einem Meter erstehen. Oh, dieser Duft! Schade, dass diese Größe nicht ins Reisegepäck passt. Während das Katholikón aus dem 17. Jahrhundert freistehend ist, duckt sich die ursprüngliche byzantinische Kapelle unter einen Felsüberhang. So klein und höhlenartig sie ist, die Innenausstattung ist reich und spart nicht an Gold.
Einige Stufen tiefer findet sich eine Quelle, die in Zeiten der Belagerung das Überleben im Kloster für lange Zeit sicherte. Von einem Marienmosaik gesegnet, kann man sich hier beliebig viel "holy water" für den Eigenbedarf abfüllen. Es ist ein schöner Ort und zu dieser Zeit laufen deutlich mehr Handwerker im Kloster umher als Gäste. Ich frage mich, was es hier so viel zu tun gibt. Die gesamte Anlage ist in einem hervorragenden Zustand, soweit ich sehen kann.
Das Kloster ist nur einer von zwei Gründen für meinen Besuch. Sowohl von ihm ausgehend als auch vom nahegelegenen Ort gibt es die Möglichkeit, in die Schlucht hinabzusteigen und dem Bach aufwärts bis zu einer Höhle zu folgen, die in früherer Zeit den Bewohnern der Gegend als Zufluchtsort diente. Im Dorf finde ich eine entsprechende Hinweistafel. Ich beginne den Abstieg.
Die Route wird im Internet als unkompliziert oder sogar familiengeeignet beschrieben. Ich erwarte also eher einen Spaziergang als eine Herausforderung. Ich werde mich täuschen. Es beginnt bereits kurz hinter den letzten Häusern des Dorfes. Der Weg ist zwar mit Natursteinen ausgelegt, jedoch von hohem Gras und Kräutern so stark überwuchert, dass man diese nur ertasten kann. Zudem sind sie nach dem gestrigen Regen äußerst glitschig. Das fängt ja gut an!
Entweder wir finden einen Weg, oder wir machen einen.
(Hannibal Barca, 247 v. Chr. in Karthago; † 183 v. Chr.)
Am Talgrund bessert sich die Lage zunächst. Der Weg ist breiter und einfach zu gehen, endet jedoch an der Ruine einer ehemaligen Wassermühle. Einige Meter weiter führt eine einfache und teilweise morsche Brücke über den Bach, aber auf der anderen Seite ist kein Pfad mehr zu erkennen. Die einzige Möglichkeit ist, direkt dem Wasserlauf zu folgen, was zu Anfang durchaus möglich ist.
Je weiter ich komme, desto schwieriger wird die Situation. An manchen Stellen ist an keiner Seite des Wassers Platz zum Gehen, und für eine Wanderung durch den Bachlauf bin ich nicht ausgerüstet. Dabei passiert es. Auf den runden und algenglitschigen Kieseln verliere ich das Gleichgewicht und plumpse in den Bach.
Ich würde immer raten, keine blöden Ausreden für die entstandene Situation zu erfinden.
(Joachim Norf)
Mir ist nichts Schlimmes passiert, abgesehen davon, dass ich ziemlich nass bin. Das Gleiche ist mir fast auf den Tag genau vor 20 Jahren schon einmal passiert, und so muss ich nicht lange überlegen, was zu tun ist. Ich suche die nächstbeste Lichtung, ziehe mich aus und breite die nassen Sachen auf den sonnenwarmen Steinen zum Trocknen aus. Nach einer Stunde unfreiwilliger Pause bin ich wieder einigermaßen einsatzbereit.
Ich entscheide, die Tour abzubrechen, und kehre ins Dorf zurück. Auf der kleinen Platiá komme ich bei einem Kafé frappé erst einmal zur Ruhe. Der Himmel bewölkt sich schnell, worauf ich die Idee einer alternativen Wanderung verwerfe. Wenn schon der Bach mich ärgert, können mich wenigstens seine Fische trösten, kommt mir der Gedanke. Ich weiß ja von der Fischfarm in Gávros, und das liegt ohnehin auf meinem Rückweg.
Zunächst mache ich einen kurzen Halt an einem Aussichtspunkt, der mir am Morgen nicht ins Auge gefallen war. Von hier aus kann man das Kloster mit allen Gebäuden einschließlich des Glockenturms auf der gegenüberliegenden Seite der Schlucht unter sich liegen sehen. Ein wundervolles Panorama!
In Gávros angekommen, biege ich auf das Gelände der Fischfarm ab, wo ich sofort von einer sehr freundlichen Mitarbeiterin empfangen werde. Die eigene Gastronomie sei nur am Wochenende geöffnet, muss sie mir auf meine Fragen erwidern, aber sie lieferten täglich fangfrische Forellen an die erste Taverne im Dorf, keine 200 Meter von hier entfernt. Dort kann ich Minuten später wählen, ob ich den Fisch gegrillt oder gebraten bevorzuge. Ich wähle die erste Variante und genieße zusammen mit Pommes und einem Mýthos-Bier die beste Forelle meines Lebens. Zum Nachtisch wird mir ein Stück Revaní serviert, ein weiterer Klassiker der griechischen Küche. Der fluffige Orangen-Grießkuchen mit karamellisierter Kruste steht qualitativ der Forelle in Nichts nach. Auf meine Frage, ob er hausgemacht sei, kommt die unvermeidliche Antwort "Natürlich! Von meiner Mutter!". Natürlich! Ich hätte mir die Frage sparen können.
Als ich wieder in Karpenísi ankomme, haben sich die Wolken größtenteils verzogen und ich kann zum ersten Mal ohne Pullover und dicke Jacke auf meinem Hotelbalkon sitzen und die Aussicht genießen, jedenfalls bis zum nächsten Schauer. Am Abend bleibe ich meinem Hang zur einfachen Volksküche treu: Ich esse geschmortes Lamm in Zitronensoße auf Nudeln und trinke dazu ein Vergína-Bier.