Das Studium der Wettervorhersage wird zur morgendlichen Routine. Für den Nachmittag sind Schauer und Gewitter angekündigt, aber der Vormittag verspricht erneut sonnig zu werden. Da meine Wadenmuskeln einen Ruhetag fordern, steht heute eine Tour mit dem Auto auf dem Programm. Etwa 20 Kilometer westlich von Karpenísi liegt der Kremasta-Stausee, den ich im Laufe des Tages umrunden möchte.
Der Kremasta-See ist der größte Stausee des Landes und mit einer Fläche von 92 km² sechsmal so groß wie der Forggensee, der größte Stausee der Bundesrepublik. Er wird von vier größeren Flüssen gespeist und füllt mehrere Täler, sodass er von keiner Stelle aus vollständig zu sehen ist (ähnlich dem schweizerischen Vierwaldstättersee). Aus Kostengründen und wegen des Erdbebenrisikos wurde keine Staumauer, sondern ein Damm gewählt, welcher mit seinen Abmessungen von 165 m Höhe und 465 m Breite zu den größten der Welt zählt. Hauptzweck ist die Stromerzeugung und Wasserversorgung.
Ich fahre zunächst durch die Bilderbuch-Bergwelt westlich von Karpenísi. Die Landschaft ist unfassbar schön, einsam und waldreich. Die Straße ist gut ausgebaut und ein Traum für jeden, der beim Fahren gerne das Lenkrad bewegt. Dabei vergisst man manchmal sogar das Atmen.
Die Landschaft macht den Eindruck absoluter Dauer. Sie ist nicht feindselig. Sie ist einfach da -
unberührt, still und vollkommen. Sie ist sehr einsam, aber das Fehlen jeder menschlichen Spur gibt dir das Gefühl, du
verstündest dieses Land und könntest deinen Platz darin einnehmen.
(Edmund Carpenter)
Nach 40 Minuten erreiche ich das Tal des Tavrópos, eines der vier Hauptzuflüsse des Sees. Er wird hier von einer einspurigen Stahlbrücke überspannt, die auf den ersten Blick etwas provisorisch wirkt, aber laut Beschilderung für LKW bis 32 Tonnen zugelassen ist. Das reicht für mich.
Eine weitere halbe Stunde später taucht im endlosen Grün eine neue Farbe auf. Blau leuchtet das klare Wasser des Sees in der Sonne. Über die Brücke von Episkopí überquere ich ihn und fahre entlang seiner Südküste weiter nach Westen. Es gibt hier keine nennenswerte Besiedlung, dafür umso mehr Natur. Die ganze Region um den Stausee ist Teil des "Natura 2000“-Schutzprogramms.
Neun Kilometer Luftlinie und 21 Straßenkilometer später nähere ich mich dem Staudamm, aus dem hier der Fluss Achelóos abfließt. Die kleine Wachstation ist von zwei Personen besetzt, die ihre Verwunderung über einen Besucher nicht verbergen. Leider ist aufgrund begrenzter Sprachkenntnisse nur eine rudimentäre Konversation möglich. Immerhin erfahre ich, dass ab hier der weitere Straßenverlauf vollständig asphaltiert ist. Den Grund dafür werde ich wenig später mit eigenen Augen sehen.
Zunächst nehme ich den gigantischen Damm in Betracht. Was muss es in den 1960er Jahren für einen Aufwand bedeutet haben, das beinahe 10.000.000 m³ Material verschlingende Bauwerk in dieser abgelegenen Gegend zu errichten?
Die friedliche Szenerie mit der stillen, spiegelglatten Wasseroberfläche, die von zahlreichen Inselchen unterbrochen wird, bekommt wenige Kilometer später einen krassen Riss. Inmitten der Wildnis breitet sich eine riesige Baustelle aus. Einen nach dem anderen kommen mir auf der inzwischen breit ausgebauten Straße Dutzende Schwerlastkipper entgegen. Was passiert hier? Dank ausgezeichnetem Netzempfang ist eine spontane Internetrecherche kein Problem. Hier entsteht ein Pumpspeicherkraftwerk, mit dessen Hilfe der während des Sommers überreichlich erzeugte Strom aus Sonne und Wind für den Winter bewahrt werden kann. Die zugehörigen Turbinen sollen bald 680 MW Leistung liefern.
An der Tatárna-Brücke, die den See an einer besonders engen Stelle überspannt, lege ich eine kurze Mittagspause ein. Anschließend führt mich die Fahrt im Norden um den See herum. Die Landschaft ist hier nicht mehr ganz so spektakulär und die Quellwolken verdichten sich zunehmend. So fahre ich ohne weitere Unterbrechung bis zum Agrafiótis-Fluss, wo eine skurrile Sehenswürdigkeit wartet. Mitten im flachen nordöstlichen Ausläufer des Sees steht die steinerne Manólis-Brücke.
Die bereits 1659 im epirotischen Stil erbaute Brücke war über 400 Jahre bis zur Schaffung des Stausees eine wichtige Verkehrsverbindung über den Agrafiótis. Wenn der See am Ende des Sommers Niedrigwasser hat, steht die Brücke auf dem Trockenen. Bei mittlerem Wasserstand ragt nur ein Teil ihres Bogens hervor, während sie bei maximalem Füllstand vollständig überflutet wird. Es führt heutzutage leider kein Weg mehr zu ihr.
Von der Straße westlich des Ausläufers geht immerhin ein Pfad in Richtung des Ufers ab. Ich folge ihm, muss später jedoch leider feststellen, dass er ungefähr 50 Meter über dem Wasserspiegel endet und von dort ein Weiterkommen durch die steil abfallende und mit dichtem Dornengestrüpp überwucherte Böschung unmöglich ist. Doch vielleicht gibt es eine Alternative...
Der Mensch kann nicht zu neuen Ufern aufbrechen, wenn er nicht den Mut aufbringt, die alten zu verlassen.
(André Gide)
Ich fahre weiter und parke den Wagen an der heutigen Straßenbrücke. Hier kann man ins Flussbett hinabsteigen und ich will versuchen, mich der knapp 2,5 Kilometer entfernten historischen Brücke so weit wie möglich zu nähern. Ich zögere zunächst, da nördlich von mir ein heftiges Gewitter aufzieht. Nach einiger Zeit Beobachtung der Wolken bin ich jedoch ziemlich sicher, dass es mich verschonen wird. Ich mache mich also auf den Weg durch das naturbelassene Flussbett.
Die Idee war grundsätzlich nicht schlecht, hat jedoch ihre Tücken. Der Fluss spaltet sich bald in zahlreiche kleinere und größere Läufe auf. Mit Badeschuhen kann man diese zwar durchwaten, für das Gehen über die groben Kiesel braucht man allerdings die stabilen Sohlen der Wanderschuhe. Das häufige Wechseln hält auf, und schließlich erkenne ich, dass die Situation weiter vor mir nicht besser wird. Ich schaffe es immerhin bis zu einer Stelle, von der ich die Manólis-Brücke in Gänze sehen und aus ungefähr einem Kilometer Entfernung dank Teleobjektiv ganz passabel fotografieren kann. Schließlich kehre ich genauso mühsam zum Auto zurück. Das Gewitter hat mich tatsächlich nicht erwischt.
Über Fragkísta fahre ich langsam wieder zurück in Richtung Karpenísi. Wenig Verkehr bedeutet nicht wenige Hindernisse. Mehr als einmal überqueren Schildkröten die Straße, und wenn sie erst am Beginn ihrer gefährlichen Passage sind, halte ich gerne an und setze sie an den gegenüberliegenden Straßenrand. Einen dankbaren Blick hat mir das jedoch noch niemals eingebracht.
Auch mit Schaf- oder Ziegenherden ist jederzeit zu rechnen, aber das bin ich aus mehreren Jahrzehnten Verkehrserfahrung in Griechenland gewohnt. Gleichwohl ist es immer wieder interessant zu sehen, wie wenig Respekt die Tiere den Autos entgegenbringen. Offensichtlich passiert ihnen sehr selten etwas Schlimmes.
Mit zunehmender Höhe nähere ich mich allmählich den Wolken, bis sie mich schließlich umfangen. In der Stadt sieht es nicht besser aus und zudem regnet es bei 12°C. Da ist die gemütliche Taverne von gestern der beste Ort, sich aufzuwärmen. Das Chórta, den landestypischen Wildgemüsesalat, lasse ich mir heute gerne lauwarm servieren. Später stehen noch Loukániko (deftige Bratwürste) mit Pommes und ein Vergína-Bier auf meiner Rechnung.