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Ich will wieder Berge sehen - Berge, Gandalf;
und dann irgendeinen Ort finden, wo ich ruhen kann.
(John Ronald R. Tolkien)

Auch heute beginnt der Tag mit einem Blick auf das Wetter. Es sieht gut aus und die Prognose ist dieselbe wie am Vortag: Bis mittags freundlich, dann zunehmende Bewölkung und später Schauer. Für die geplante Gipfeltour reicht mir das aus.

Um 8:30 Uhr fahre ich zunächst mit dem Auto zum "Velouchi Ski Center". Das Wintersportzentrum befindet sich am Westhang des Tymphristós auf 1840 Meter Höhe. Es wurde 1974 eröffnet und ist damit eines der ältesten des Landes.

Die Vielfalt der Namen, die im Zusammenhang mit dem Berg verwendet werden, hat mich zu Beginn verwirrt. Als Orientierungshilfe kann man sich Folgendes merken:
• "Tymphristós" ist der Name des ganzen Gebirgsmassivs und die international gebräuchlichste Bezeichnung.
• "Veloúchi" wird vor allem im Griechischen verwendet, wenn der höchste Berg des Massivs gemeint ist.
• "Seidani" wiederum bezeichnet den mit 2313 Metern höchsten Gipfel des Veloúchi und damit des gesamten Massivs.

Schon ab dem Stadtrand geht es steil und kurvenreich den Berg hinauf. Kurz vor dem Erreichen des Wintersportzentrums hat man bereits einen tollen Panoramablick über Karpenísi und die Bergwelt im Süden. Ich lasse den Wagen auf dem Parkplatz des verwaisten Zentrums stehen, schultere meinen Rucksack und marschiere los.

Glaub daran, dass du es kannst, und du hast es halb geschafft.
(Theodore Roosevelt)

Bis gut 150 Höhenmeter unterhalb des Gipfels gibt es einen präparierten Weg. Die Bedingungen sind gut, in der Sonne ist die Temperatur angenehm und der Wind zumeist schwach, da ich mich im Windschatten des Berges befinde. Die Flora verleiht dem Aufstieg viele bunte Momente. Zunächst dominieren wilde Stiefmütterchen, aber je höher ich komme, desto mehr gesellen sich andere Arten dazu. Oberhalb der Skilifte gelange ich schließlich auf einen Bergrücken, der nach Süden in ein Geröllfeld abbricht. Hier wurde oder wird offensichtlich Almwirtschaft betrieben, was zahlreiche getrocknete Kuhfladen beweisen.

In einigen Mulden haben sich Reste von Schneefeldern erhalten, aber es sind weniger, als ich erwartet hatte. Dafür haben sich Krokusse und Blausterne in großer Zahl ihren Platz erobert, was die Wiese auf fast 2200 Metern wunderschön ziert. Nun liegt der finale Abschnitt vor mir, der aufgrund seiner Steigung auch der anspruchsvollste ist. Ich gehe in sicherem Abstand parallel zum Grat, hinter dem die Bergflanke sehr steil abfällt. Außerdem muss ich die Schritte vorsichtig setzen, da der Boden unter dem dichten und oft verfilzten Gras von Wühlmausgängen wie ein Käse durchlöchert ist.

Ich habe das Ziel bereits vor Augen, als sich von der Nordostflanke kommend die Wolken mehr und mehr verdichten. Aber das Glück bleibt mir hold. Der Wind reißt immer wieder Lücken in die Wolken, sodass ich den Seidani-Gipfel schließlich gegen 10:30 Uhr ohne Probleme erreiche. Ein Rundum-Panorama ist mir zwar verwehrt, aber es ergeben sich bisweilen Sichtfenster, die den Blick in die Welt unter mir ermöglichen. Jetzt ist Zeit für eine kleine Stärkung.

Nichts bringt uns auf unserem Weg besser voran als eine Pause.
(Elisabeth Barrett-Browning)

Der Rückweg geht etwas zügiger vonstatten. Zur Mittagsstunde erreiche ich den Parkplatz am Ski-Center, wo ich auf ein österreichisches Paar treffe, das jedoch keine Anstalten macht, den Gipfel erklimmen zu wollen, und bald wieder in Richtung Karpenísi aufbricht. Mein Weg führt in die entgegengesetzte Richtung, also nach Norden. Ich möchte das gesamte Gebirgsmassiv umrunden.

Die Straße ist anfänglich recht gut ausgebaut und hat nominell zwei Fahrspuren. Das bedeutet jedoch nicht, diese durchgehend nutzen zu können. Hindernisse und Gefahrenstellen gibt es in breiter Auswahl: Felsbrocken auf der Fahrbahn, breite Risse im Asphalt und tiefe Schlaglöcher sind eher die Regel als die Ausnahme. Stellenweise haben Randabbrüche ganze Arbeit geleistet, dann fehlt schon einmal die komplette zweite Spur. Weiter unten liegt ein großer Baumstamm quer über der Straße. Man hat zwar in der Mitte einen Durchgang gesägt, aber für einen Abtransport fehlte wohl das notwendige Gerät. Das klingt alles dramatischer, als es ist, denn da mir während der gesamten Zeit kein einziges Fahrzeug entgegenkommt, kann ich beide Fahrspuren nach Belieben verwenden.

Die asphaltierte Straße endet weiter im Norden in der letzten bewohnten Siedlung Ágia Triáda. Da ich eine Rundfahrt machen möchte, muss ich vorher abzweigen. Die Straße, die von hier aus zunächst nach Neochóri und dann weiter nach Mavrílo an die Ostflanke des Massivs führt, würde in Deutschland lediglich als Waldweg durchgehen, hier ist es eine offizielle Straße. Für die 24 Kilometer messende Strecke vom Ski-Center bis Mavrílo benötige ich folglich eine gute Stunde. Gegenverkehr gab es weiterhin nicht.

In Mavrílo tröpfelt es ein wenig, aber dafür existiert eine geöffnete Taverne. Ich lasse mir einen Käse-Schinken-Toast und einen Kafé frappé bringen und unterhalte mich mit dem Wirt. Er hat genug Zeit für mich, da er keinen weiteren Gast bedienen muss. Am Wochenende und in den Sommermonaten wäre hier deutlich mehr los, klärt er mich auf.

Seine Blütezeit erlebte Mavrílo im 18. Jahrhundert. Die vielen wasserreichen Bäche in der Umgebung des Dorfes ermöglichten den Betrieb mehrerer Pulvermühlen, die einen Großteil des Schwarzpulvers für die Befreiungskämpfe der Griechen produzierten. Daher resultiert der heutige Name des Ortes: Mavrílo kommt von "Mavra Yli", was auf Deutsch "Schwarze Substanz" bedeutet.

Über kurvenreiche, jetzt aber wieder durchgängig asphaltierte Straßen gelange ich schließlich nach Karpenísi zurück. Es fallen immer wieder ein paar Tropfen, und später wechseln sich kurze, aber kräftige Schauer mit sonnigen Abschnitten ab, doch die Luft ist mild genug, um in geschützter Lage ein Mýthos an freier Luft zu trinken und einen kleinen Spaziergang durch die Straßen zu machen. Dabei gibt es immer etwas zu entdecken, kreativ sind die Griechen allemal.

Am Abend esse ich in der gemütlichen Taverne "Foliá" erneut einen Klassiker der griechischen Volksküche: Für Moschári Kokkinistó wird Rindfleisch in Tomatensoße langsam geschmort. Zwiebeln, Knoblauch, Zimt, Lorbeer und Piment sind typische Gewürze, die dabei Verwendung finden. Zu diesem Gericht werden, wie gewöhnlich, Nudeln und geriebener Hartkäse serviert. Ein Vergína-Bier vervollständigt den Genuss.

Karpenísi:


Tymphristós / Veloúchi:


Unterwegs:


Mavrílo:


Karpenísi: