Das Wetter ist kühl, aber freundlich. Die Prognose sagt ab Mittag zunehmende Bewölkung und später eine steigende Regenwahrscheinlichkeit voraus. Ich verlasse also zeitig das Bett und mache mich nach einem kleinen Frühstück auf den Weg in den etwa 15 Kilometer südlich gelegenen Ort Megálo Chorió.
Die Fahrt macht Freude. Am Straßenrand blüht es üppig und farbenfroh. Mehrere sehr gepflegte Ponyhöfe mit Abenteuerspielplätzen lassen vermuten, dass das Umland im Sommer von hitzegeplagten Tieflandfamilien gerne für einen erholsamen Aufenthalt genutzt wird. Für wohlhabendere Gäste sind darüber hinaus einige edle Chalets im Angebot. Der Talgrund ist grün und saftig, die Berghänge bewaldet, ich könnte mich von der Landschaft her im Allgäu befinden. Der Laub- und Mischwald geht in höheren Lagen in Nadelwald über und wird allenthalben von Bergspitzen gekrönt, die sich dem Himmel entgegenstrecken. Ich überquere den kleinen Karpenisiótis-Fluss und erreiche Megálo Chorió.
Das Bergdorf ist mit knapp 300 Einwohnern kleiner, als sein Name vermuten lässt (Megálo Chorió dt.: "Großes Dorf"), was viel über die Bevölkerungsdichte der Region aussagt. Mit seiner herrlichen Lage und dem hübschen traditionellen Dorfbild hat es sich jedoch einen Namen als beliebtes Ausflugsziel gemacht. Am Ortseingang befindet sich ein Besucherparkplatz mit einem Trinkwasserbrunnen, der daran erinnert, seine Feldflasche aufzufüllen. Angesichts der überall um einen herum rauschenden Bäche frage ich mich, ob sich die Schlepperei überhaupt lohnt.
Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein
zweites Hemd.
(Lukas 9,3)
Es sind einige Rundwege verschiedener Länge und Schwierigkeit markiert. Für den ersten Tag habe ich mir eine Tour von knapp acht Kilometern Strecke und gut 350 Metern Höhendifferenz ausgesucht. Die Wege sind im Wesentlichen gut gekennzeichnet, wobei Hindernisse nicht unnötig weggeräumt werden. Die Natur hat immer Vorrang.
Wo es gerade einmal nicht rauscht und plätschert, ist die Luft vom Summen der Bienen erfüllt oder der Gesang des Popen klingt aus dem Dorf herauf. Eine wundervolle Blumenfülle ist zu entdecken und bietet Nektar sammelnden Insekten einen reich gedeckten Tisch. Wo Blumen nicht wachsen wollen, bedeckt ein dichter Moosteppich den Waldboden. Besonders überrascht es mich, dass selbst in einer Höhe von knapp 1000 Metern Thymian blüht und seinen würzigen Duft verbreitet.
Kiefer und Thymian vermischen überall ihre Düfte und füllen die reine Luft des schönen Bergtals mit Wohlgeruch.
(Gerhart Hauptmann)
Am Scheitel- und Wendepunkt der Strecke finden sich eine Kapelle sowie ein gepflegter und - nach dem Geruch zu urteilen - vor Kurzem noch benutzter Grillplatz. Von dort führt ein schmaler Fußpfad steil und fast geradlinig zurück ins Dorf. Offensichtlich ist der Sonntagsgottesdienst eben zu Ende gegangen, denn es empfängt mich von weitem hörbar das lebhafte Geschnatter aus den Gassen und gut besuchten Kafeníons des Dorfplatzes.
Ich lasse mich hier ebenfalls nieder und genieße den ersten Kafé frappé dieser Reise. Trotz aufmerksamen Lauschens kann ich keine weitere Sprache außer Griechisch erkennen. Gestrandet unter Einheimischen - so etwas erlebt man in Griechenland nicht alle Tage.
Nach einer ausgedehnten Pause spaziere ich in den 100 Meter tiefer gelegenen Ortsteil Gávros am Ufer des Karpenisiótis. Ich erkenne zu spät, dass es ein Fehler war, auf dem Weg hinab den mitgenommenen Wanderproviant komplett zu verzehren, denn in der winzigen Straßensiedlung steigt mir der Duft von gegrillten Forellen sowie Kokorétsi in die Nase. Erstere stammen von der am Ortsrand befindlichen Fischfarm. Es wäre tatsächlich seltsam gewesen, wenn bei so vielen sauberen Gebirgsbächen keine Forellenzucht in der Nähe gewesen wäre. Leider habe ich nun keinen Hunger mehr, aber ich bin zuversichtlich, in den nächsten Tagen eine weitere Gelegenheit zu bekommen.
Da sich hinter den gegenüberliegenden Bergen schwere, dunkle Wolken sammeln, halte ich mich nicht lange auf, gehe zum Auto zurück und fahre heim ins Hotel. Nach einer kleinen Siesta bin ich bereit für eine zweite Runde.
Ich liebe die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen.
(Friedrich Nietzsche)
Eine gute halbe Stunde Fußmarsch vom Hotel entfernt liegt südlich der Stadt eine kleine, dem Heiligen Dimítrios geweihte Kirche auf einem Hügel. Von dort soll man eine schöne Aussicht haben. Genau das Richtige für den Nachmittag.
Schon auf dem Hinweg kann ich hinter mir den Tymphristós aufragen sehen. Sein Gipfel war gestern unter Wolken verborgen, und so sehe ich nun zum ersten Mal das Ziel, welches ich mir für morgen vorgenommen habe. Ich bekomme ein wenig Respekt. Hoffentlich hält das Wetter.
Der Weg lohnt sich. Von der kleinen Dimítrios-Kirche habe ich tatsächlich einen schönen weiten Blick auf die beiden Hälften von Karpenísi und die dahinter liegenden Berge. Zurück in der Stadt setze ich mich mit einem Eisbecher auf die Platiá, bis gegen 17 Uhr einige Regenschauer aufziehen. Die Wettervorhersage war präzise.
Zur Zeit des Abendessens klart es ein wenig auf, sodass ich trockenen Fußes ausgehen kann. Da ich schon am Mittag Lust darauf bekommen hatte, gönne ich mir nun Kokorétsi. Zu den am Spieß gegrillten Lamminnereien darf ein Tsatsíki nicht fehlen. Ein Vergína-Bier vervollständigt das Mahl, das mit einem kleinen Eis am Stiel abgerundet wird. Um den Tag draußen ausklingen zu lassen, ist es leider zu ungemütlich, sodass ich erneut zeitig schlafen gehe.