Zentralgriechenland 10.05.2025

Zu den Bildern

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
(Hermann Hesse)

Evrytanía? Der Begriff führt zu fragenden Blicken bei jedem Gesprächspartner. Dabei ist Evrytanía geografisch der Mittelpunkt Griechenlands. Gleichzeitig ist er unter allen griechischen Regionalbezirken der abgelegenste und am dünnsten besiedelte. Folglich nehme ich das frühe Aufstehen in Kauf, habe ich doch im Anschluss an den Flug von Düsseldorf nach Athen eine mehrstündige Autofahrt vor mir, die mich in die Regionalhauptstadt Karpenísi bringen soll.

Eine Stunde nach Sonnenaufgang hebt der Flieger ab und ich nicke bald ein. Beim Aufwachen befinden wir uns bereits über Nordalbanien und der Skutarisee liegt unmittelbar unter mir. Nach einer Schleife über Piräus landen wir pünktlich in Athen. Am Boden geht es langsamer weiter: Mein Trolley lässt fast allen weiteren Gepäckstücken den Vorrang auf dem Kofferband, und als ich endlich den Mietwagenschalter erreiche, steht dort eine lange Schlange vor mir. Kurz vor 13 Uhr bekomme ich die Schlüssel zu einem Jeep Renegade übergeben. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit, im Urlaub einen Kleinwagen zu fahren, habe ich mich in diesem Jahr mit Blick auf die Straßenverhältnisse in meinem Zielgebiet für ein Modell mit etwas mehr Bodenfreiheit und robusterer Bereifung entschieden, denn "Straße" ist dort kein Synonym für "asphaltiert".

Über die Autobahn fahre ich zunächst bis Lamía. Bisher war es sonnig und warm, aber das soll sich im Gebirge ändern. Auf der Weiterfahrt von Lamía nach Karpenísi kommt Urlaubsgefühl auf. Die Straße ist gesäumt von Wänden aus zitronen-butter-sonnengelbem Ginster, getupft mit Klatschmohn, dessen Rot so tief ist, dass Blut daneben blass erscheinen würde. Entlang der Strecke liegen nur wenige Dörfer, doch in beinahe jedem entdecke ich die für den Alltag notwendigen Geschäfte – Bäckereien, Obst- und Gemüseläden, Metzgereien sowie den typischen kleinen "Supermarket".

Zunächst komme ich in der Ebene und durch das Tal des Sperchiós zügig voran, dann plötzlich macht die Straße einen Knick und es reiht sich Serpentine an Serpentine. Ab dem Dorf Tymfristós geht es auf hohem Niveau weiter bis Karpenísi. Es ist 16°C und es weht ein frischer Wind. Kurz nach 17 Uhr erreiche ich mein Hotel. Es ist ein einfaches Haus, und schon der kaminbestückte Frühstücksraum macht deutlich, dass hier viel mehr Wintersportler zu Gast sind, als sporadisch im Sommer einkehrende Naturliebhaber.

Vom Balkon meines Zimmers kann ich Stadt und Umland überblicken. Ich richte mich kurz ein und spaziere los. Besondere Sehenswürdigkeiten hat Karpenísi nicht zu bieten. Es ist das Bild eines typischen Gebirgsstädtchens, in dem die kurvigen, parallel verlaufenden Straßen sich an die Hänge schmiegen und oft durch Treppengänge verbunden sind. Der kleine Zentralplatz hat eine der wenigen ebenen Flächen erobert. Wassermangel ist im Gebirge kein Thema: Die dortige Platane ist von fünf Trinkwasserbrunnen umgeben.

Erwähnenswert finde ich die Dreifaltigkeitskirche am Rand des Platzes. In dieser ist eine Balustrade öffentlich zugänglich, sodass man von oben in den Gebetsraum schauen kann. Das ist in orthodoxen Kirchen eher selten.

In den Straßen entdecke ich mehrere Tavernen, von denen einige zu meinem Erstaunen nicht geöffnet haben. Gibt es hier zwischen Winter- und Sommersaison eine Art Ruhezeit? Insgesamt wirkt das Städtchen recht verschlafen und viele Ladengeschäfte stehen leer. Ich vermute, die klimabedingt von Jahr zu Jahr kürzer werdende Wintersportsaison hat spürbare wirtschaftliche Auswirkungen. Mit dem Kauf von Proviant für die morgige Wanderung trage ich meinen Teil zum Umsatz bei.

Nach kurzer Erholungspause gehe ich zum Abendessen. In einer nahe gelegenen, familiär geführten Taverne entscheide ich mich für das Gericht des Tages: Pastízio. Der Hackfleisch-Makkaroni-Auflauf ist eines der populärsten Gerichte der griechischen Küche. Vorher gibt es einen sehr knoblauchbetonten Tsatsíki und dazu ein Mýthos-Bier.

Nach dem Essen ist es bereits ziemlich kühl, doch dessen ungeachtet ist die Stadt lebendiger als am Nachmittag. Die Menschen sitzen warm gekleidet draußen und auf der kleinen Platiá spielen und toben einige Kinder. Ich bleibe jedoch nur kurz, da ich müde vom frühen Aufstehen und der langen Anreise bin. Für griechische Verhältnisse falle ich früh ins Bett.

Anreise:


Karpenísi: