Athén 30.04.2022

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Das Leben geht weiter. Und wo geht es lebendiger zu, als auf einem großen Markt? Da wir heute zurückfliegen, wollen wir einige frische Lebensmittel mit nach Hause nehmen. Unsere Koffer deponieren wir bis zum Abend im Hotel und spazieren los.

Um den Rummel der Mode- und Souvenirstraßen zu vermeiden, wählen wir eine alternative Route, die uns an den Überresten der Hadriansbibliothek vorbei führt. Die wenige Meter darauf beginnende Athinás-Straße verbindet den Monastiráki- mit dem Omónia-Platz und ist die Heimat unzähliger Geschäfte für Haushalt und alltäglichen Bedarf. Dementsprechend lebhaft geht es zu. Chaotisch wäre wohl die treffendere Beschreibung, vor allem in Bezug auf den Autoverkehr. Die Bausubstanz ist eine typisch griechische Mischung aus leerstehenden, nur im Erdgeschoss genutzten Ruinen, gesichtslosen Betonbauten und modernen Glaspalästen.

Ziemlich genau in der Mitte zwischen den beiden großen Plätzen befindet sich der Zentralmarkt. Gegenüber gibt es einige Trödelläden bei deren Anblick ich mich zum wiederholten Mal frage, ob es Menschen gibt, die in einem solchen Chaos gezielt etwas suchen, oder ob man nur auf gut Glück etwas finden kann. Der nicht weiter benannte Zentralplatz ("Central Square") ist baustellenbedingt umzäunt. Nur eine Handvoll Obst- und Gemüsestände bieten ihre Waren an. Wir schaffen es, die Athinás-Straße lebendig zu überqueren und betreten die große Markthalle.

Als krasser Gegensatz zum gestrigen Straßenmarkt ist der Zentralmarkt ein Alptraum für Vegetarier. Hier wird ein Großteil der Fleisch- und Fischversorgung für die Innenstadt sichergestellt. Ich hatte mir zwar vorgenommen, nicht schon wieder Unmengen von Marktfotos zu schießen, halte den Vorsatz aber nur wenige Minuten durch. Schweine und Lämmer, teilweise auch Rinderviertel werden dem bekennenden Carnivoren in großem Umfang präsentiert. Und wer Kleine-Ferkel-Videos niedlich findet, muss sich hier an weniger für Instagram geeignete Anblicke gewöhnen.

Mehr als die Stände der Fleischer nimmt mich jedoch die zentrale Fischhalle gefangen. Das Angebot kann selbst mit dem berühmten Fischmarkt von Catania in Sizilien konkurrieren. Und das will schon etwas heißen! Immer wieder bin ich auf mediterranen Märkten davon fasziniert, mit welcher Akkuratesse die Waren präsentiert werden. Nur die kleinsten Fischchen liegen wahllos in Kisten, größere Exemplare werden liebevoll drapiert. Dass auch nur ein einziger Kopffüßler gegen die Masse schwimmt oder auch nur eine einzige Dorade nach unten schaut - undenkbar. Und wie verführerisch mich die großen Taschenkrebse anflehen, sie mitzunehmen...

Frischer Fisch im Handgepäck ist leider nicht ganz unkritisch und so begnügen wir uns mit den erfahrungsgemäß unproblematischen Produkten. Guter Myzíthra-Käse ist in Deutschland schwer erhältlich, genauso wie eine ordentliche, mild geräucherte Panséta. Ein Meter grober Bauernbratwurst (Loukániko) passt dazu ebenso in den Rucksack, wie Fáva-Erbsen und verschiedene Sorten von Oliven. Nach einigen Runden über den Markt entdecken wir in einem Café zwischen Halle und Straße einen freien Tisch und gönnen uns einen griechischen Kaffee.

Ich setzte mich in ein Kaffeehaus, um alle Sorgen hinter mir zu lassen. Das Stimmengewirr, das Geschrei am Kartentisch, die auf dem Tavlibrett kullernden Würfel taten mir wohl und lenkten mich ab.
(Petros Markaris)

Zum Mokka wird etwas Loukoúmi gereicht, eine typisch orientalische Süßigkeit, die gerne mit Rosen- oder Orangenblütenwasser aromatisiert wird. Der sonst üblicherweise "Ellenikó" genannte kleine Schwarze wird hier nach guter alter Tradition im kleinen Kupferkännchen auf dem heißen Sandbad zubereitet und läuft unter der Bezeichnung "Ibrik". Genau wie beim "Kebab" ist die Verwendung türkischer Namen offensichtlich in Athén nicht so tabu, wie im übrigen Griechenland. Vielleicht ist es ein Erbe der Nachkommen zahlreicher Flüchtlinge aus den ehemaligen Siedlungsgebieten an der kleinasiatischen Westküste.

Von reichlich Koffeïn und Zucker erquickt bummeln wir durch weitere, bisher unentdeckte kleine und größere Straßen des Stadtzentrums. Wie es sich für einen sonnigen Samstag gehört, sind Straßen und Geschäfte voller Menschen. Nach zwei Jahren Corona-Einschränkungen tut uns dieses Aufkeimen von Normalität richtig gut.

Macht mir kein Getümmel, O Ihr Männer von Athen.
(Sokrates)

Als eine der letzten Sehenswürdigkeiten dieser Reise steht die "Athener Trilogie" auf meiner Liste. An der Panepistimíou-Straße, mittig zwischen Syntágma- und Omónia-Platz befinden sich drei sehenswerte klassizistische Gebäude, die bis in das 20. Jahrhundert das intellektuelle Zentrum der Stadt darstellten. Im Mittelpunkt steht das Hauptgebäude der Universität, welches zur Linken von der Nationalbibliothek flankiert ist. Besonders repräsentativ erscheint mir die an der rechten Flanke gelegene Akademie der Wissenschaften, die stilvoll von Athena (Göttin der Weisheit) und Apollon (Gott der schönen Künste) beschützt wird. Alle drei Bauwerke richten sich streng nach antiken Architekturprinzipien und sind - wie ihrer Vorbilder - vollständig aus Pentelischem Marmor errichtet.

Da absehbar ist, dass uns heute keine Gelegenheit für ein Abendessen bleibt, beschließen wir nun, mitten am Nachmittag, eine für den Rest des Tages ausreichende Mahlzeit einzunehmen. Die Uhrzeit ist dabei kein Problem, zwischen 10 Uhr und 4 Uhr morgens ist im Stadtzentrum so ziemlich jede Taverne durchgehend geöffnet. Schwieriger wird es einen freien Tisch zu finden, aber es gelingt uns irgendwann. Neben Fáva und Kebab wählen wir den Tagestipp: Es ist Soutzoukákia Smyrnéika, ein aus Smýrna, dem heutigen Izmir stammendes Traditionsgericht aus Hackfleischröllchen, die in einer würzigen, üblicherweise recht öligen Tomatensoße geschmort werden. Je ein Álfa- und ein Vergína-Bier gleichen den Flüssigkeitsverlust aus. Mit der Rechnung wird eine Art "Kalter Hund" in Form einer Schoko-Keks-Salami serviert, die "Mosaïkó" bezeichnet wird. Der Nährwert dieser populären Nachspeise lässt mich unwillkürlich an Tolkiens "Lembas" denken.

Einer davon wird einen Wanderer einen anstrengenden Tag lang auf den Beinen halten, selbst wenn er einer der großen Menschen ist.
(John Ronald R. Tolkien)

Um nach dem opulenten Mahl nicht in eine Art Bewusstlosigkeit zu fallen, spazieren wir anschließend auf einen Kaffee zur Apostel-Paulus-Straße und bummeln die verbleibende Zeit mehr oder weniger ziellos durch die Innenstadt. Für letzte Souvenirs ist etwas Geld in der Reisekasse verblieben. Schließlich holen wir unser Gepäck im Hotel ab und fahren mit der Metro zum Flughafen. Da wir etwas zu früh eintreffen, sitzen wir eine Zeit lang vor dem Terminal unter freiem Himmel und lassen die Sonne ein letztes Mal vor uns untergehen.

Bis zum Check-in läuft alles planmäßig, aber dann wird eine um 45 Minuten verzögerte Ankunft unseres Fliegers angekündigt. Die Verspätung wächst nach und nach an und selbst beim Boarding kommt es zu weiteren, nicht offensichtlich begründeten Wartezeiten. Schließlich heben wir erst kurz nach Mitternacht ab. Nichts ist nervtötender als ein verspäteter Nachtflug.

Was mich an Athen begeistert, ist die Widersprüchlichkeit dieser Stadt. Sie zeigt jeden Augenblick ein anderes Gesicht, das einen mal abstößt und dann wieder magisch anzieht.
(Petros Markaris)

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