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Heute Morgen möchten wir die Insel überqueren und in Chóra Sfakíon die erste Fähre erreichen. Wir müssen daher bereits kurz nach Sonnenaufgang starten und auf das Hotelfrühstück verzichten. Wir kaufen stattdessen unterwegs Kaffee und Spanakópita, die wir dann bei einer kleinen Rast in der Ímbros-Schlucht zu uns nehmen. Im gegenüberliegenden Schluchthang ist eine Herde Schafe unterwegs, deren Blöken und Glockenklang idyllisch durch das Tal hallen. Kurze Zeit später erreichen wir den Hafen an der Südküste und haben dort genügend Zeit, uns vor der Abfahrt der Fähre einen frischen Orangensaft in einer der Hafentavernen zu genehmigen. Mit nur 10 Minuten Verspätung legen wir ab. Das Wetter ist herrlich!

Der Hafen von Chóra Sfakíon ist - gemessen an der Größe des Örtchens - ziemlich geschäftig. Von hier aus werden mehrere Orte an der Südküste angefahren. Für diese stellt die Fähre die einzige Verbindung zur Außenwelt dar, denn an der steilen Südflanke des Lefká-Óri-Gebirges gibt es keine Straßenverbindungen. Wir passieren den bekannten Sweetwater-Beach, an dem eine unterirdische Flussmündung Baumbestand zulässt. Nach einem kurzen Zwischenstopp im beliebten Ort und Postkartenmotiv Loutró wird die Küste noch unwirtlicher. Die Berge steigen vom Meer steil über 2400 Meter auf. In dieser Höhe liegen selbst auf der sonnenverbrannten Südflanke noch ein paar Schneereste. Eine Stunde nach der Abfahrt sehen wir die Eligiá-Schlucht, die wie eine aufgerissene Wunde in der Erdkruste wirkt. Danach kommt rasch unser Ziel ins Blickfeld: Das winzige Örtchen Agía Rouméli am Ausgang der weltbekannten Samariá-Schlucht.

Wenige Meter vom Fährkai befindet sich das Hotel "Gigilos", in dem ich für die kommende Nacht ein Zimmer reserviert habe. Obwohl es nicht einmal 12 Uhr ist, können wir es bereits beziehen. Das Zimmer hat einen Balkon zur Meerseite, sodass wir sowohl auf den Hafen als auch auf den kleinen Kiesstrand des Ortes blicken. Wir machen uns nur kurz frisch, ziehen die Wanderschuhe an und brechen unverzüglich zur Schlucht auf.

Die Samariá-Schlucht ist mit einer Länge von 17 Kilometern eine der längsten Schluchten Europas. An den höchsten Stellen steigen die Felswände über 500 Meter fast senkrecht auf, der engste Durchgang, die sogenannte "Eiserne Pforte" ist lediglich 3 Meter breit. Bis zu 4000 Menschen pro Tag durchwandern die Schlucht in der Hochsaison.

Entgegen der üblichen Tour, bei der die Schlucht von Nord nach Süd durchwandert wird, habe ich für uns die "lazy"-Variante gewählt. Dabei wandert man von Süden bis zur "Eisernen Pforte" und zurück, was mit sechs Kilometern Weglänge für ungeübte Wanderer deutlich entspannter ist. Der zweite Vorteil ist, dass man nicht die gesamte Strecke als Teilnehmer einer gigantischen Karawane erlebt, sondern die meiste Zeit fast alleine unterwegs ist. Die Mehrheit der von Norden her kommenden Wanderer erreicht die "Eisernen Pforte" nämlich erst am frühen Nachmittag.

Schon am Ortsrand können wir das Rauschen des reichlich Wasser führenden Samariá-Bachs hören, der hier hinter einer alten Steinbogenbrücke dem Meer zustrebt. Zunächst ist der Talgrund noch breit. Wir kommen an einigen Gärten und verlassenen Häusern vorbei, dann wird es allmählich enger und wir erreichen den offiziellen Eingang zur Schlucht. Mit dem Eintrittsgeld werden die Ranger finanziert, welche die Naturschutzauflagen im Samariá-Nationalpark überwachen. Außerdem wird man sicherheitshalber registriert, sodass kein Besucher unbemerkt über Nacht in der Schlucht bleibt.

Das Wetter ist perfekt für eine Wanderung, es ist sonnig und ein leichter Wind weht durch die Schlucht. Der im steinigen Bachbett blühende Oleander ist allgegenwärtig. Das klare, auf den hellen Felsen aquamarinblau sprudelnde Wasser macht Lust, sich hineinzuwerfen, aber ohne Neoprenanzug wäre das ein kaltes Vergnügen. Der Weg führt langsam aber stetig bergauf und ist in diesem Bereich auch für Flachländer problemlos zu bewältigen. Die Felswände werden nach und nach steiler und zeigen Formationen, die jeden Geologen begeistern dürften. Wir gehen wechselnd rechts und links am Bach entlang, der mal per Brücke, mal über sehr einfache wackelige Stege überquert wird. Wir kommen nur langsam voran, da wir oft verweilen, um die Natur, vor allem die Pflanzenwelt zu bewundern. Neben Oleander sind es hauptsächlich Wacholder und blühender Thymian, die weite Teile der Landschaft mit ihrem Duft erfüllen. Nach anderthalb Stunden erreichen wir schließlich unser Ziel, die "Eiserne Pforte".

Das Glücksgefühl kann durch die richtige Umgebung gesteigert werden, aber das wahre Glück kommt von innen.
(Jörgen Andersen)

An dieser Engstelle nimmt der Bach die gesamte Breite ein. Um den Wanderern nasse Füße zu ersparen, hat man einen einfachen Holzsteg montiert. Das als Handlauf dienende Seil hat mehr psychologische Wirkung als dass es echten Halt gäbe. Wir schaffen den Durchgang jedenfalls ohne ins Wasser zu fallen und machen auf der anderen Seite eine Picknickpause. Allmählich steigt die Anzahl der Besucher deutlich an.

Nach der erholsamen Rast beginnen wir mit dem Rückweg und gliedern uns dazu in die inzwischen fast lückenlos entgegenkommende Kolonne ein. Gegen 16 Uhr sind wir wieder in Agía Rouméli. Zur Regenerierung gönnen wir uns ein großes Bier, aber der Wind frischt bald so ungemütlich stark auf, dass wir uns entscheiden, eine späte Siesta im Hotel zu verbringen.

Nach dem Ablegen der letzten Fähre ist es im Dörfchen merklich ruhiger geworden, nur sehr wenige Touristen bleiben über Nacht. Zum Hotel gehört eine Taverne, die eine schöne Terrasse mit Meerblick bietet. Da das Angebot ansprechend ist und wir als Hotelgäste 10% Rabatt bekommen, sehen wir uns gar nicht erst nach einer anderen Lokalität um. Wir nehmen eine fleischlastige Grillplatte für zwei, Tsatsíki und einen Liter roten Hauswein. So üppig wie die Portion, so schmal ist die Rechnung: Mehr als 25 € will man uns nicht abnehmen. Dafür wird die übliche Portion Rakí und ein leckerer Grieß-Apfelkuchen mit Vanilleeis nachgelegt. Satt, müde und zufrieden machen wir einen kurzen Verdauungsspaziergang zum Hafen und fallen früh ins Bett.

Chaniá:


Ímbros-Schlucht:


Chóra Sfakíon:


Fährfahrt:


Agía Rouméli:


Samariá-Schlucht:


Agía Rouméli: