Píndos / Pílion 30.05.2017

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Ich wache früh auf, gerade als die Sonne an einem makellos klaren Himmel bei frischen 15°C über den Bergen aufgeht. Obwohl ich kein Frühstück bestellt hatte, lässt mich Hotelbesitzer George nicht gehen, ohne meine Lebensgeister mit einem doppelten griechischen Mokka und einem großzügigen Stück Kuchen gestärkt zu haben. Wir besprechen gemeinsam die Route, die ich zu fahren gedenke, dann mache ich mich auf den Weg.

Mein erstes Ziel an diesem Tag, das über 800 Jahre alte Kloster Kipína, ist nur eine kurze Fahrt durch die imposante Landschaft entfernt. Es ist nicht mehr bewohnt und um es besichtigen zu können muss ich mir den Schlüssel im Café von Giorgos Vangelis abholen, welches sich ungefähr einen Kilometer vor dem Kloster an der Straße befindet. Bevor ich mein Anliegen zu Ende vortragen kann, bekomme ich selbigen bereits übergeben. Offensichtlich gibt es so gut wie niemanden, der hier vorbei kommt und sich den Besuch des Klosters entgehen lässt. Als kleines Dankeschön überreiche ich einen Screenshot aus der anfänglich erwähnten TV-Reportage, der mit freudig-überraschtem Schmunzeln entgegen genommen wird.

Vom Parkplatz am Straßenrand führt ein in die Felswand gemeißelter Weg zum Eingang des Klosters. Erst von hier aus lässt es sich zum ersten Mal erblicken. Es ist in grandioser Weise in eine natürliche Höhle hineingebaut, sodass seine Front bündig mit der senkrechten Felswand abschließt. Ich bin sehr ergriffen. Der Zugangsweg ist von der eigentlichen Klosterpforte durch einen fast vier Meter breiten Felsspalt getrennt, über den eine Zugbrücke führt. In vergangenen Zeiten wurde diese in der Nacht hochgezogen, die Mönche im Kloster konnten sich dann absolut sicher fühlen.

Im Inneren verteilen sich die Räume auf zwei Etagen. Zunächst betritt man den Vorraum zur Kapelle, der aufgrund seiner Größe vermutlich auch als Werkstatt benutzt wurde. Weiterhin gibt es eine Küche, das Refektorium und zwei erstaunlich gemütliche Schlafzimmer mit Kaminen. Alle diese Räume haben Tageslicht. Der Blick aus den Fenstern nach unten ist schwindelerregend. Die Kapelle selbst ist schmuck- und fensterlos in die ursprüngliche Höhle hineingebaut. Tiefer im Felsen befinden sich eine Krypta und weitere Schlafstätten für Mönche. Letztere sind ohne Taschenlampe nicht zugänglich. Welch eine faszinierende und beeindruckende Anlage!

Wir reisen nicht nur an andere Orte, sondern vor allem reisen wir in andere Verfassungen der eigenen Seele.
(Werner Bergengruen)

Zwischen der Pforte und dem Parkplatz gibt es eine Besucher-"Terrasse" in Form eines kleinen Plateaus unter einem Felsüberhang. Daneben befindet sich ein Häuschen, das ich zunächst für ein Lager halte. Die Tür ist unverschlossen und als ein eintrete erkenne ich, dass es sich um ein Gästehaus mit Küche, WC und Schlafraum handelt. Pilger, die über Nacht bleiben möchten, können diese Räumlichkeiten unentgeldlich nutzen. Was für ein tolles Angebot! Die inzwischen höher gestiegene Sonne entlockt einigen Feigenbäumen ihren charakteristischen Duft, der sich mit dem betörenden Odeur der Orangenblüten mischt. Am Felsrand gedeihen wilde Blumen - es fällt mir etwas schwer, diesen wunderbaren Ort zu verlassen.

Ich schließe hinter mir sorgfältig ab und bringe den Schlüssel zurück, dann setze ich die Reise fort. Von meinem ohnehin schon hoch gelegenen Ausgangspunkt führt die Straße immer weiter hinauf, höher und höher, bis weit über die Baumgrenze, wo nur noch dünnes Gebirgsgras das kalkige Geröll zusammenhält. Trotz der Höhe muss weiterhin jederzeit auch mit lebenden Straßensperren gerechnet werden, welche die Blockade nur unter dem Zwang ihrer Hütehunde aufgeben. Das ist nicht einfach eine Autofahrt, geht es mir durch den Kopf, das ist ein zweistündiger, anhaltender Adrenalinschub. Leitplanken würden hier eine trügerische Sicherheit vermitteln, weswegen man gleich völlig auf sie verzichtet. Ich glaube, ich muss meine Straßenbewertungsskala neu definieren.

Es war eine einsame, herrliche Welt [...], eine ständige Mahnung an die unüberwindliche Macht der Natur und die Bedeutungslosigkeit der Menschen.
(Nicholas Gage)

Weiter im Osten verdichten sich Quellwolken zu kräftigen Schauern, doch später, als die Felsen von Metéora vor mir auftauchen, hat die Sonne bereits wieder die Oberhand. Als ich gegen Mittag Kalambáka erreiche, zeigt das Thermometer 27°C. Im benachbarten Kastráki regeneriere ich bei einem Tsatsíki und einem Mýthos, bevor ich im Dorf mein vorbestelltes Zimmer in Empfang nehme. Im Gegensatz zum trubeligen Kalambáka geht es hier angenehm entspannt vor sich.

Kastráki gilt als das Vorzimmer von Metéora. Kaum hat man den Dorfrand hinter sich gelassen, beginnt die Felsenlandschaft, die mich bei jedem Besuch - und das ist immerhin bereits der vierte - aufs Neue fasziniert. In diesem Jahr lege ich den Schwerpunkt auf den Besuch des Klosters Agía Triáda, welches ich bisher noch nie besichtigt habe. Kurz hinter dem Kloster Roussánou kommt mein Ziel ins Blickfeld und ich bemerke direkt die kleine Seilbahn, die die Kluft zwischen Straße und Kloster überbrückt. Diese ist allerdings lediglich für den Lastentransport vorgesehen. Die werten Besucher müssen weiterhin die Büßertreppe benutzen, die vom Parkplatz zunächst hinab und dann in einer langen Spirale steil am Felsen hinauf zum Kloster führt.

Wie in jedem Metéora-Kloster gibt es eine alte Seilwinde, über die früher Menschen und Material auf den Felsen gehievt wurden. In dem James-Bond-Film "In tödlicher Mission" sieht man Roger Moore, wie er seine Gefährten im Kampf gegen die Bösewichte mittels dieser Winde herauf zieht. In einer Halle huscht mir ein Mönch vor die Kamera, der durch die lange Belichtungszeit auf dem Bild wie ein Geist erscheint. Besonders gut gefällt mir die kleine Kirche, die zwar nicht mehr als 40 m² Grundfläche misst, aber einschließlich ihrer beiden Kuppeln vollständig mit sehr schönen Fresken aus dem 18. Jahrhundert ausgemalt ist. Von der Terrasse hat man einen freien Blick auf Kalambáka. Ich sitze in der Sonne, genieße die Aussicht, den erfrischenden Wind und die wunderbare Ruhe, die nur durch eine Handvoll Besucher gestört wird. Das Kloster ist nicht sehr groß, aber mir gefällt seine burgartig verwinkelte Anlage. Es ist ein fesselnder Ort, für den ich mir viel Zeit nehme.

Die Atmosphäre ist übermenschlich, berauschend bis zum Wahnsinn.
(Henry Miller)

Nach der Besichtigung nehme ich nicht die gleiche Straße zurück, sondern fahre im weiten Bogen östlich um Agíos Stefános herum, sodass ich auf dem Weg zum Hotel durch Kalambáka hindurch komme. Ich nutze die Gelegenheit für einen Kafé frappé und einen Bummel im Stadtzentrum.

Zum Abend gehe ich wie am Mittag in die Taverne Gardenia, da mir dort sowohl das Essen als auch die nette Terrasse zugesagt haben. Diesmal nehme ich Chórta, einen lauwarmen Wildkräutersalat und Loukániko. Vom Salat bin ich etwas enttäuscht, ich hatte mir einen würzigeren Geschmack erhofft. Die kross gegrillten groben Bauernbratwürste sind dagegen hervorragend. Mit Pommes als Beilage, einem Mýthos-Bier und einem abschließenden Stück Kuchen ist es ein gutes Mahl, das die 15 € wert ist. Mit dem Sonnenuntergang verschwinden die letzten Wolken vom Himmel und es wird blau und klar. Auf dem kleinen Ortsplatz lasse ich den Tag eine Weile ausklingen.

Syrráko:


Kloster Kipína:


4

Tzoumérka-Gebirge:


Metéora: