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Nach einer Woche traumhaftem Wetter präsentiert sich an diesem Morgen ein ganz anderes Bild. Es ist deutlich kühler, diesig und der Himmel ist von dichtem Hochnebel verhangen. Vorerst steht eine weitere Besichtigung auf meinem Urlaubsprogramm. Die Burg Chlemoútsi ist nicht weit von Kyllíni gelegen. Die fränkische Kreuzritterfestung gilt als eine der stärksten und besterhaltenen Griechenlands. Alleine schon durch ihre Lage auf dem Gipfel eines etwa 250 Meter hohen Hügels beherrscht sie das weite Flachland der Halbinsel.

Zunächst steht man vor dem äußeren Mauerring der Anlage. Dieser wirkt bereits abweisend, ist aber nichts gegen das, was den Besucher im Inneren erwartet. "Ich bin hier und du bleibst draußen!" - nie zuvor habe ich ein Bauwerk gesehen, welches diese Botschaft so unmissverständlich vermittelt. Die Gebäude im inneren Hof sind zwar zerstört, die sechseckige Burg selbst aber gut erhalten. Der Aufstieg auf das Dach ist leider nicht mehr möglich, da inzwischen Restaurierungsarbeiten begonnen haben und baufällige Bereiche abgesperrt sind. Da angesichts des Wetters von einer tollen Aussicht ohnehin keine Rede sein kann, stört mich das nicht weiter. Dafür ist im Inneren eines der riesigen Gewölbe neuerdings ein kleines Museum eingerichtet, das die Geschichte der Burg und der hier gefundenen Stücke erklärt. Während ich auf einer Steinmauer im Hof mein Spanakópita-Frühstück zu mir nehme, fällt eine Horde Drittklässler lautstark in die Burg ein. Die Sonne müht sich währenddessen weiterhin vergeblich, die Wolkenschicht zu durchdringen. Das missfällt nicht nur mir, sondern auch der Schildkröte, die ihr morgendliches Sonnenbad vermisst.

Im benachbarten Dorf Kástro hat sich die gesamte männliche Rentnergemeinschaft des Ortes im zentralen Kafeníon versammelt und kommentiert das Dorfleben. Ein immer seltener werdendes Bild. Anschließend steuere ich mein nächstes Ziel an: Die Strände von Kalógria im äußersten Nordwesten der Pelopónnes.

Schon auf der Fahrt dorthin ist die Landschaft ungewöhnlich: Auf feuchten Weiden grasen Kühe in der brettflachen Ebene. Weiter in Richtung Meer durchfährt man einen Streifen unwirklich schöner Pinienwälder. Da auf ihrem Grund so gut wie kein Unterholz wächst, wirken die Wälder aufgeräumt wie eine Parklandschaft. Dazwischen finden sich Sumpfzonen mit offenen Tümpeln und Wasserlöchern, die eine vielseitige Fauna anlocken: Wunderschöne schneeweiße Seidenreiher und Stelzenläufer kann ich identifizieren und eine kürzlich überfahrene Panzerschleiche liegt leblos auf der Straße. In den feuchten Uferzonen wachsen Acker-Gladiolen und rosafarbener Reiherschnabel - ein Naturparadies, das zum Glück unter Schutz steht.

Eine besondere Faszination geht von dieser Landschaft [...] aus. Etwas Weibliches, Fruchtbares und gefährlich Bezauberndes.
(Nikos Kazantzakis)

Kalógria ist eigentlich gar kein richtiger Ort, sondern lediglich eine lose Ansammlung einiger Hotels, Ferienwohnungen und Tavernen, deren Zustand auf einer weiten Skala von zerfallen bis luxuriös-chic variiert. Schließlich erreiche ich die endlosen Strände, für die die Gegend berühmt ist.

Schon beim Landeanflug des Flugzeuges fiel mir eine kleine Bucht auf, die von dem langen Strandabschnitt durch einen Hügel getrennt ist. Jetzt möchte ich gerne versuchen, ob ich sie erreichen kann. Dazu muss ich zunächst eine riesige Düne erklimmen, die sich bei geschätzt 45° Steigung 30 Meter hoch an den Hügel schmiegt. Das ist leichter gesagt als getan. Mit jedem Schritt, den man setzt, rutscht man im feinen Sand direkt wieder um 90% zurück. So komme ich nass geschwitzt und mit einem Puls von 160 oben an. Dort finde ich tatsächlich einen schwach erkennbaren Pfad, der um den Hügel führt. Er ist unangenehm zu gehen, Spinnenweben spannen sich quer über ihn und Horden von hässlich aussehenden und böse summenden Insekten mit spitzen Hinterteilen freuen sich über frisches Blut. Schließlich erblicke ich zwar eine wunderbare kleine Sandbucht, muss aber erkennen, dass es keinen Pfad gibt, der einen Abstieg risikolos ermöglicht. Ich breche also ab und kehre an den Kalógria-Strand zurück. Die große Sanddüne hinunter zu rutschen macht deutlich mehr Spaß, als der beschwerliche Weg hinauf. In der Strandbar "Sandhill" erfrische ich mich mit einer eiskalten Cola. Später erkenne ich, dass es gar nicht die Bucht war, die ich vom Flugzeug aus gesehen hatte. Um diese zu erreichen, hätte ich mich zwei Kilometer und drei Hügel weiter durch die Wildnis schlagen müssen.

Was mache ich mit dem angebrochenen Tag? Da das Wetter nicht zum Baden einlädt entscheide ich mich, den letzten Nachmittag in Pátras zu verbringen, das nur 40 Kilometer entfernt liegt. Als Erstes besichtige ich die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt, die St. Andreas-Basilika. Die große Kirche wurde erst in den 1970er Jahren im traditionellen Stil erbaut, um dem Schädel des Apostels Andreas eine würdige neue Heimat zu geben. Letzterer wurde genau hier an das nach ihm benannte Schrägkreuz geschlagen.

Beim Bau der Basilika hat die orthodoxe Kirche keine Kosten gescheut. Das gesamte Innere ist mit kunstvollen Mosaiken ausgeschmückt, viele davon in der aufwändigen und teuren Goldmosaik-Technik. Die riesige Kuppel mit dem klassischen Pantokrator-Motiv beherrscht den Raum ebenso wie der prächtige hölzerne Kronleuchter. Besonders gut gefallen mir die blau-goldenen Mosaike mit Naturornamenten, die in der Ostkirche eine uralte Tradition haben. In einem Seitenschiff befindet sich ein fein geschnitzter Marmorschrein, der ein Silbergefäß mit der heiligen Reliquie birgt. Weiterhin befindet sich hier eine X-förmige Vitrine mit uralten Holzplanken, die vom originalen Andreaskreuz stammen sollen. Unabhängig, was man vom Reliquienkult hält ist die Kirche äußerst sehenswert.

Die Farbe weicht aus dem Gesicht des Tages und das Licht findet keine Statue, sich einzuschließen, zu rühmen, zu besinnen.
(Jannis Ritsos)

Als Nächstes stärke ich mich mit einem doppelten Pomm-Döner in einer Filiale der Fast-Food-Kette "Kasper". Zusammen mit einem halben Liter Cola sind dafür 5,20 € fällig. Danach erkunde ich gut gesättigt die im Schachbrettmuster angelegte Innenstadt. Pátras ist eher dafür bekannt, lebhaft, laut und hektisch als schön und sehenswert zu sein. Dem kann ich zustimmen, dennoch ist der Stadtbummel interessant. Der zentrale Platía Georgíou wird von zwei schönen Bronzebrunnen symmetrischen eingerahmt, während der kleinere Platía Ólgas eine grüne Oase mit der größten Birkenfeige ist, die ich je gesehen habe. Überreste alter Pracht in Form kunstvoller Deckenmalereien sind in den endlosen Arkadengängen der Innenstadt zu entdecken. Ein bisschen Antike ist in Gestalt des römischen Odeons vertreten, das bei meiner Ankunft leider seit gerade 10 Minuten geschlossen hat. Schließlich spaziere ich am alten Hafen entlang, wo die letzten "Tickets to Italy"-Läden unverändert seit meiner Interrail-Zeit überlebt haben, während der Großteil des Fährgeschäfts sich in den modernen Südhafen verlagert hat. Die einzigen wirklich schicken Orte der Stadt sind die zahlreichen kreativ gestalteten Studenten- und Szene-Cafés, die allesamt gut besucht sind. Was soll man bei schwülen 27°C auch Besseres machen? Also gönne ich mir ebenfalls einen Kafé frappé, bevor ich mich auf den Rückweg nach Kyllíni mache.

Vor dem Abendessen unternehme ich einen längeren Spaziergang, der mich aus dem Dorf hinaus führt. Am Ortsrand campieren Roma, von denen am späteren Abend mehrere versuchen, durch Verkauf von Tand oder Musizieren ein paar legale Euros zu verdienen. Mein Gang führt mich weiter in die Felder und Olivenhaine, der Wegrand ist gesäumt von abertausenden blühenden Disteln und einer verschwenderischen Blumenfülle. Im Gebiet der spärlichen Überreste der mittelalterlichen Ansiedlung Glaréntza verliert sich der Weg allmählich im mannshohen Gras. Eine Schlange raschelt und verschwindet sekundenschnell im Dickicht - lebend konnte ich sie bisher nie fotografieren. Es ist still, windstill und das Wetter ist ein Spiegel meiner melancholischen Abschiedsstimmung.

Zurück im Ort nehme ich auf meinem Balkon einen deutlichen Geruch von gebratenen Meeresfrüchten wahr, der aus der unter mir liegenden Tavernenküche stammt. Folgerichtig lasse ich mir etwas später am Tisch aufzählen, was heute frisch eingetroffen und empfehlenswert ist. Ich nehme eine Portion Baby-Kalmare, dazu Tsatsíki und ein Mýthos. Die frittierten Kopffüßler sind zart und delikat und 6 € für die üppige Portion ist ein lächerlicher Preis. Das zweite Mýthos geht eingedenk der Tatsache, dass ich hier ein Zimmer habe, aufs Haus und auch der abschließend bestellte Tsípouro taucht später auf keiner Rechnung auf. So bezahle ich für das denkwürdige Abschiedsessen lediglich 12 €.