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Am heutigen Tag habe ich zwei Ziele: Den Besuch von Mystrás und eine lange Autofahrt zurück in den Norden. Zunächst fahre ich bis Spárta, um dort nach Westen abzuzweigen. Auf einem Hügel zu Füßen des Táÿgetos-Gebirges liegt das byzantinische Mystrás, ein UNESCO Weltkulturerbe, dem einst schon Goethe im Faust II ein literarisches Denkmal setzte. In der Nacht hat es hier offensichtlich kräftig geregnet, wovon Pfützen auf den Straßen zeugen. Doch nun ist das Wetter wieder postkartenschön; die letzten Wolkenreste haben sich hoch zu den Gipfeln des Táÿgetos zurückgezogen. Als ich gegen 8:30 Uhr eintreffe sind erst wenige Besucher dort und der große Parkplatz wird noch von keinem Reisebus verschandelt.

Um diese frühe Uhrzeit nimmt sich der Mann am Kassenhäuschen sogar die Zeit, mir ausgiebig die optimale Route für den Rundgang zu erklären. Das ist sehr vorteilhaft, denn da sich das Gelände über den ganzen Hügel erstreckt, könnte man sehr viel Energie vergeuden. Sein Tipp ist, vom Haupteingang aus nur die unteren und mittleren Teile zu besichtigen, dann mit dem Auto weiter zum zweiten Eingang an der oberen Festung zu fahren und von dort aus die höher gelegenen Teile zu erkunden.

Die Geschichte Mystrás beginnt mit dem vierten Kreuzzug (1202-1204 n. Chr.) und endet mit der Zerstörung im griechischen Freiheitskampf im Jahre 1825. Heute ist es eine Ruinenstadt, in der zahlreiche Reste von Kirchen, Palästen, Klöstern und Häusern sowie die hoch oben gelegene Burg erhalten geblieben sind. Was ich hier vorfinde ist wirklich beeindruckend: Byzantinische Architektur vom Feinsten. Kein anderer mir bekannter Ort vermittelt eine derart zusammenhängende Vorstellung einer Stadt während des byzantinischen Reiches. Vor allem die Kirchen sind dank ständiger Pflege in einem guten Zustand und berühmt für ihre original erhaltenen Fresken.

Schon in der ersten Kirche, Ag. Dimitrios, finde ich die von acht Heiligen umgebene Pantokrator-Darstellung in der großen Hauptkuppel bemerkenswert. Auch während des weiteren Rundgangs weiß ich kaum, was mir besser gefällt: Die Gebäude von außen, ihre Integration in die Hanglage oder die Innenansichten mit ihrem Basilika-typischen zweigeschossigen Aufbau. Jetzt - vor dem Eintreffen der ersten Reisebusse - ist es vollkommen still, nur das gelegentliche Brummen von Motorsensen der Arbeiter schallt über den Hang. Das Wetter ist herrlich, die Sonne strahlt, ein leichter Wind weht und nach dem nächtlichen Regen duftet es umso intensiver nach Kräutern, Heu, Feigen- und blühenden Paternosterbäumen.

In der Kirche des Pantanassa-Klosters gefallen mir die Fresken besonders gut, die früher dem nicht lesekundigen Volk die Geschichten der Bibel vermittelten. Im Hof des von Nonnen bewohnten Klosters räkeln sich zahlreiche Katzen in der Morgensonne. Am schönsten liegt jedoch die Perivleptos-Kirche, die direkt an eine Felsenhöhle angebaut ist. Die Höhle ist nicht zugänglich, weil sie als Materiallager genutzt wird, wie mir der Wächter zeigt, der sie extra für mich aufschließt. Aber die Lage der Kirche zwischen Felsen und Wald ist so zauberhaft, dass ich sie mir als Märchenkulisse vorstellen kann.

Keine archäologischen Beschreibungen, keine historischen Erklärungen vermochten vor dem stillen Andrang des weither kommenden Nahens zu bestehen. Alle mitgebrachten Kenntnisse und Meinungen versanken als Zutat von Spätergekommenen ins Leere.
(Martin Heidegger)

Zum Abschluss fahre ich wie empfohlen zum Festungseingang hoch. Die obere Burg ist ziemlich zerstört, doch die weite Aussicht über die Lakonische Ebene ist auch die letzte Stufe wert. Die Besichtigungstour hat den gesamten Vormittag in Anspruch genommen, so viel war zu sehen. Nun wird es Zeit für eine lange Autofahrt in Richtung Norden.

Auf die erste Etappe der Fahrt freue ich mich: Der Pass über das Táÿgetos-Gebirge gehört bezüglich Landschaft und Fahrspaß zu den großartigsten Straßen Griechenlands, keine überflüssigen Leitplanken versperren den Blick und die Straße ist zudem ordentlich ausgebaut. Auf der Passhöhe haben sich die Wolken bis jetzt gehalten. Um 13:00 Uhr erreiche ich Kalamáta. Hier ist es hektisch und schwül und so fahre ich ohne Pause bis Kaló Neró an die Westküste. Als ich dort eintreffe ist es 14:00 Uhr. Das war in dieser Zeit nur zu schaffen, weil ich mich seit Kalamáta hinter einem LKW gehalten habe, dessen Fahrer die Strecke offensichtlich aus der Westentasche kannte und wie vom Teufel gejagt Gas gegeben hat.

In Kaló Neró kehre ich am Bahnhofsplatz in eine Taverne ein und bekomme für 5 € ausgezeichnete Spaghetti Bolognese. Das Dorf wirkt sehr verschlafen. Die wenigen Menschen bewegen sich langsam in der schwülen Hitze, zwischen den Häusern kräht ein Hahn. Wenn jetzt ein loser Strauch im Wind über die Straße rollen würde, fände mich niemand verwundert.

Weiter geht es die Küste entlang. So reizlos sich die Landschaft präsentiert, so einträglich ist sie offensichtlich für die Landwirtschaft: Felder und Wiesen, Haine und Weine, das Land wird auf alle erdenklichen Arten genutzt. Mein nächster Halt ist Pírgos. Diese Stadt ist ein Phänomen: Obwohl sie mit ungefähr 40.000 Einwohnern nicht zu den kleinen Städten des Landes zählt, findet sich selbst im sehr detaillierten Michael-Müller-Reiseführer nicht eine einzige Sehenswürdigkeit vermerkt. Dabei gefällt es mir hier gar nicht so übel: Zum einen ist wieder strahlende Sonne, zum anderen behagt mir der große Zentralplatz vor dem im Tempelstil errichteten Rathaus, der von fast zwei Dutzend Cafés umgeben ist. Hier lässt sich die heißeste Stunde des Tages hervorragend verbringen. Ein leichter Wind weht und der Kafé frappé ist mit 1,50 € deutlich preiswerter, als in anderen vergleichbar großen Städten.

Am späten Nachmittag führt mich die letzte Etappe dieser langen Fahrt nach Kyllíni, wo ich gegen 18:00 Uhr eintreffe. Direkt am Hafen entdecke ich die Taverne "Sea Garden", die mir mit ihrer liebevoll gestalteten Terrasse auf Anhieb sympathisch ist. Über der Taverne vermietet die Wirtin Privatzimmer, in denen ich mich für 30 € pro Nacht für den Rest der Reise einquartieren kann.

Kyllíni existiert nur durch seinen Hafen, welcher für die Versorgung der ionischen Inseln eine wichtige Rolle spielt. Die riesigen betonierten Flächen am Fährkai sind viele Fußballfelder groß. Hier wird alles verladen, was auf Zákynthos und Kefaloniá benötigt oder gewünscht wird. Vor dem Abendessen mache ich einen Hafenrundgang und setze mich dann auf die hohe Mauer der Mole. Gerade trifft ein Truck ein, der eine Ladung US-Oldtimer auf die Inseln bringen soll. Mein Sitzplatz in der Abendsonne ist großartig: Auf der einen Seite kann ich beobachten, wie eine Fähre nach der anderen einläuft und der Hafen jedes Mal für kurze Zeit zum Leben erwacht und dann wieder zur Ruhe kommt - wie ein Pulsschlag. Und auf der anderen Seite geht die Sonne hinter den Bergen von Zákynthos unter.

Das Abendlicht reift langsam seinen warmen, zitronenfarbenen Tönen entgegen.
(Lawrence Durrell)

Ich esse dort, wo ich schlafe. Es gibt gegrillte Paprika und gefüllte Tomaten, dazu ein Mýthos, was mich insgesamt um 12 € erleichtert. Mit einem zweiten Mýthos beende ich den Tag.

Mystrás:


Lakonische Ebene:


Táÿgetos-Pass:


Pírgos:


Kyllíni: