Zu den Bildern

Der Blick aus dem Fenster sagt auch für den vierten Tag perfektes Wetter voraus. Zu meinem Bedauern sind die Markthallen verwaist - offensichtlich ist montags kein Markttag. Nun geht es zunächst auf der Autobahn, später auf der gut ausgebauten Landstraße weiter in Richtung Süden. Der Landschaft sieht man die Narben, welche die katastrophalen Waldbrände 2007 geschlagen haben, inzwischen nicht mehr an. Die Mittelgebirge sind grün und vegetationsreich, getupft von verschwenderischem Ginstergelb. Die Ebenen werden intensiv bewirtschaftet - friedliches Arkadien.

Einige Kilometer vor Spárta erhebt sich unvermittelt die mächtige und schroffe Wand des Táÿgetos-Gebirges aus der Ebene. Dass auf seinen knapp 2500 Meter hohen Gipfeln noch Schnee liegt, hatte ich angesichts der Hitzeperiode, die im April und Anfang Mai herrschte, nicht erwartet.

Wanderer, kommst Du nach Spa... Wie die Tradition es befiehlt, ist hier eine Pause angesagt. Die Stadt ist unverändert, eine zeitlose Mischung aus vergammelt, lässig, lebhaft und modern. Leerstehende oder abbruchreife Ladenlokale zwischen Esprit- und Ray-Ban-Filialen habe ich hier schon vor elf Jahren gesehen - lange vor der Krise! Ich bummele einmal quer durchs Zentrum und nehme mir diesmal sogar die Zeit, zum Denkmal des Leonidas zu spazieren, dem bekanntesten Bürger der traditionsreichen Stadt. Dann geht es weiter, bis Gýthio ist es weniger als eine Stunde Fahrt.

In Gýthio steuere ich zielstrebig das Hotel Leonidas an, welches ich von 2009 kenne. Als Einzelperson zahle ich hier 35 € und schreibe mich für zwei Nächte ein. An dem mit Tavernentischen voll gestellten Platz am Hafen lasse ich mir einen griechischen Salat kommen. Die Portion für 5 € ist gigantisch und hält mich problemlos bis zum Abend satt. Es ist schön hier, Gýthio ist einfach ein stimmungsvoller Ort und auf dem schattigen Platz mit Blick auf Stadt und Meer könnte man alt werden. Aber ich habe heute noch einiges vor...

Gegen 13:00 Uhr fällt der Startschuss für meine Máni-Rundfahrt. Diese Tour hatte ich bereits vor sechs Jahren zusammen mit den Kindern geplant, wir mussten aber mit Rücksicht auf Davids nicht kurvenfesten Magen frühzeitig abbrechen. Heute wird mich nichts hindern.

Auf der Fahrt nach Süden ändert sich schon bald das Landschaftsbild: Die Berge werden karg, steil und abweisend, dazwischen ducken sich die ersten typischen Máni-Dörfer mit ihren burgartigen, wehrhaften Häusern. Die schmale Straße windet sich kurvenreich und holperig durch eine abgelegene und einsame Landschaft.
(Viktor Keimes, 2009)

Meine Beschreibung von damals ist nach wie vor gültig und ich muss ihr nur wenig hinzufügen: Von den steppenähnlichen Bergflanken fällt heute ein heißer, austrocknender Wind. Winzige, halbverlassene Weiler reihen sich aneinander, in der Ebene mühen sich staubige Olivenbäume ihre Existenz ab. In ihrem spärlichen Schatten langweilen sich traurige Schafe. Eine abgelegene, eintönige, gottverlassene Gegend!

Geroliménas, der erste Ort, der einer Erwähnung würdig ist, wirkt wie eine Oase in der Wüste. In dem kleinen Fischerhafen hat sich ein wenig Tourismus etabliert, es gibt einige Tavernen und ein Hotel. Eine mittelkräftige Brandung sorgt am grobkiesigen Strand für eine stimmungsvolle Geräuschkulisse. Auf der Westseite ist die Bucht von einem schroffen Hang begrenzt, auf der flachen, gegenüberliegenden Seite zieht sich der Ort entlang. Manche Häuser sind liebevoll renoviert, viele jedoch verlassen und verfallen. Die Szenerie erinnert an ein altes Piratennest, nur dass die Einwohner inzwischen friedlich von den Individualtouristen leben können, die hier Ruhe suchen (und finden) oder - wie ich - nur auf einen Kafé frappé verweilen. Immerhin sitzt man sehr schön hier in Gischtweite der donnernden Brandung.

Wenige Kilometer südlich erreiche ich Váthia, den bekanntesten Ort der Máni. Er war fast vollständig verlassen, inzwischen sind einige Häuser renoviert und wieder bewohnt oder werden als Unterkünfte an Touristen vermietet. Die typischen Máni-Häuser, die hier so dicht gedrängt beieinander stehen, erinnern an gnadenlose Zeiten, in denen sich die Mitglieder einer Sippe aus Angst vor Blutrache in ihren wehrhaften Wohnburgen verschanzten. Heute wirkt Váthia wie ein Freilicht-Museum. Viele der leer stehenden Häuser sind unverschlossen, was einen Blick ins Innere erlaubt. Zurückgelassenen Möbel, 60er-Jahre Küchenzeilen und zeitgenössische Sanitärinstallationen zeigen, dass viele der Häuser bis ins späte 20. Jahrhundert bewohnt waren. Andere Entdeckungen wie die steinerne Olivenpresse beweisen allerdings, dass auch archaische Arbeitsbedingungen nicht lange zurückliegen.

Vom Ortsrand kann man seinen Blick über die Westküste der Máni schweifen lassen. Auf den letzten Kilometern nach Süden wird die Küste noch schroffer, felsiger und einsamer. Am Ende der asphaltierten Straße liegt Pórto Kágio, eine winzige Siedlung, deren wenige Häuser sich an der unbefestigten Strandpiste entlangziehen. Die Tavernentische stehen so nah am Wasser, dass eine nur wenig größere Welle für nasse Füße sorgen würde. Ich lasse mich für ein Erfrischungsgetränk nieder - kaum zu glauben, aber der Wind, der vom Meer her weht, ist so frisch, dass man beinahe einen Pulli überziehen möchte. Hektik ist hier ein Fremdwort - ein idealer Platz für Aussteiger!

Die Zeit scheint hier nicht zu vergehen: sie ist einfach da. Alles in allem ein bemerkenswerter Ort.
(John Ronald R. Tolkien)

Für die Rückfahrt wähle ich die Route entlang der Ostküste. Diese ist noch abgelegener als ihr westliches Pendant, da sich die Straße kurvenreich an die auf dieser Seite steileren Hänge schmiegt. Trotzdem wirkt sie wesentlich einladender - liegt das an der reicheren Vegetation oder an den lebendigeren und hübscheren Dörfern? Die Fahrt macht jedenfalls viel Spaß und an den Kriterien meiner Bergstraßen-Bewertungsskala gemessen, gibt es keine abzuziehenden Punkte. Immerhin benötige ich fast zwei Stunden bis ich wieder in Gýthio eintreffe.

Am Abend schlendere ich wieder Richtung Hafen. Bevor ich mir darüber Gedanken machen kann, wo ich zum Essen einkehre, lachen mich die Oktopoden an, die vor einer Taverne an der Leine baumeln. Da kann ich nicht nein sagen! Für ein gegrilltes Exemplar samt Tsatsíki, Pommes, Mýthos und einer großen Portion Röstbrot mit Olivenöl und Kräutern lege ich 20 € auf den Tisch. Das ist zwar nicht gerade günstig, aber der Krake ist zart und delikat und ich sitze so nah am Wasser, dass ich die Olivenkerne auf die Fischerboote spucken könnte. Zum Abschluss des gelungenen Tages spaziere ich eine Weile am Ufer entlang.

Árgos:


Táÿgetos-Gebirge:


Spárta:


Gýthio:


Máni:


Geroliménas:


Váthia:


Máni - Westküste:


Pórto Kágio:


Máni - Ostküste:


Gýthio: