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Auch am dritten Tag steht ein Ziel an, das ich schon einmal besuchen wollte. Vor acht Jahren machte mir der Dauerregen einen Strich durch die Rechnung. Da ich am Morgen von gleißender Sonne und blauem Himmel geweckt werde, sieht es für heute vielversprechend aus. Beim Aufstehen schrecke ich allerdings erst einmal zusammen: Das gestrige vierstündige bergab Gehen über Schotter hat einen ordentlichen Muskelkater hinterlassen.

Über die Autobahn ist Kórinth nur eine Stunde von Diakoftó entfernt, sodass ich den großen Besucherparkplatz von Archéa Kórinth um 9:00 Uhr anfahre. Schon bevor man das Kassenhäuschen erreicht, präsentiert sich der Apollon-Tempel bildschön vor dem Hausberg. Von der großen antiken Stadt ist im Wesentlichen das Zentrum freigelegt, die äußeren Stadtteile sind vom heutigen Dorf zum Teil überbaut.

Ich finde eine sehr interessante, aussagekräftige und gut dokumentierte Ausgrabungsstelle vor. Noch ist die Anzahl der Besucher überschaubar, aber ich weiß aus Erfahrung, dass sich dies in einer Stunde ändern wird. Beherrscht wird der Komplex vom Apollon-Tempel, dem Wahrzeichen der Stätte. Die sieben wieder aufgerichteten dorischen Säulen sind jeweils aus einem Stück Fels gemeißelt. Ebenfalls monolithisch ist der Überrest des Glauke-Brunnens, dessen Ursprünge in der griechischen Mythologie wurzeln: Jason trennte sich von Medea, um Glauke zu ehelichen. Die verschmähte Medea schenkte ihrer Rivalin ein verzaubertes Brautkleid, das in Flammen aufging, als sie es anzog. Sie stürzte sich in die später nach ihr benannte Quelle, um die Flammen zu löschen, dennoch starb sie.

Die weitaus meisten Sehenswürdigkeiten stammen allerdings aus römischer Zeit, in der Korinth die zweitgrößte Stadt Griechenlands war, reich, luxuriös und lasterhaft. Schön anzusehen sind die korinthischen Säulen des Octavia-Tempels, interessant die Ladenlokale am Rand der Agorá, imponierend die Eindrücke auf der breiten gepflasterten Lechaion-Straße, die die Stadt früher mit dem Hafen verband. Daneben finden sich viele Statuen, die von hoher Handwerkskunst zeugen. Die Faltenwürfe der Gewänder sind so fließend und realistisch, dass man sie berühren möchte, um sich ihrer steinernen Natur zu vergewissern.

Über der ganzen Stätte liegt der Duft von Heu, Kamille und blühenden Paternosterbäumen; Mohnblumen setzen farbige Akzente. Von der nahe gelegenen Dorfkirche schallt der Popengesang des Sonntagsgottesdiensts herüber, was der Besichtigung einen stimmungsvollen Hauch verpasst. Besonders gekennzeichnet ist die römische Rednertribüne, von der herab Apostel Paulus möglicherweise gepredigt hat. Wahrscheinlicher ist, dass er sich an dieser Stelle gegen den Vorwurf der Volksverhetzung verteidigen musste. Damit ist Kórinth auch ein christliches Pilgerziel, wie eine polnische Reisegruppe beweist, die im Schatten eines Baumes einen katholischen Freiluftgottesdienst zelebriert.

Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.
(2. Korinther 4.18)

Am schönsten empfinde ich die Peirene-Quelle, die ebenfalls mythologische Ursprünge hat: Peirene war eine Nymphe, die sich aus Kummer über den Tod ihres Sohnes in Tränen auflöste und zur Quelle wurde. Die Römer bauten diese zu einer prächtigen Anlage mit mehreren großen Schöpfbecken aus. Noch heute hört man das Plätschern der nie versiegten Quelle.

Zum Abschluss besuche ich das kleine, aber feine Museum. Prunkstücke sind die berühmten römischen Dionysos- und Pan-Mosaike, die perfekt erhalten sind. Wenn ich etwas mitnehmen dürfte, würde ich den Weinkrug mit seinen Tiermotiven und filigranen Ornamenten aussuchen. Auch die Barbie-Vorläufer, Spielzeugpuppen aus Terrakotta, finde ich bemerkenswert.

Außerhalb der Ausgrabungsstätte zieht sich eine Straße voller Souvenirgeschäfte durch das heutige Dorf. Ich nutze die Gelegenheit und schaue nach einer Darstellung des "Poseidon von Artemision", die ich schon seit einigen Jahren suche, wegen meiner sehr genauen Vorstellungen bzgl. Größe, Material und Finish leider bislang erfolglos. Im dritten Laden werde ich zwar immer noch nicht fündig, der Besitzer versichert mir jedoch, dass er in seinem zweiten Geschäft eine Statue vorrätig habe, die exakt meinen Vorstellungen entspräche. Er telefoniert kurz und bestätigt mir, seine Tochter sei in fünf Minuten mit dieser hier. Leider gab es am Telefon wohl ein Missverständnis, denn es trifft nicht die gewünschte Statue, sondern eine Poseidon-Büste ein. Getreu dem Motto "wenn es funktionieren soll, mach es selber" will er sich höchstpersönlich auf den Weg machen. Ich frage, ob es nicht sinnvoll sei, wenn ich mitkäme. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass sein anderer Laden keineswegs nur ein paar Meter weiter, sondern am Ortsrand liegt und er sich mit einem Moped dorthin aufmachen will. Mir kommen jetzt Zweifel, doch nun lässt er sich nicht mehr abhalten: Moped an, ich als Sozius hinten drauf und ab geht die Post. Der besagte Laden ist ein riesiges Lager mit Unmengen von Kunsthandwerk für den Export. Und so führt die Aktion neben einer abenteuerlichen Moped-Fahrt auch zum gewünschten Erfolg und ich erhalte meine lange gesuchte Poseidon-Statue. So etwas verbindet - der Abschied ist wie der von alten Freunden!

Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt.
(Albert Einstein)

Was wäre ein Besuch von Kórinth ohne die Besichtigung der Festung Akrokórinth, die hoch auf dem Gipfel des gleichnamigen Berges liegt? Mit dem Auto kann ich bis zum Burgeingang fahren, doch von dort bis zum Gipfel sind es etliche weitere Höhenmeter und die Sonne steht inzwischen bedrohlich hoch. Schon während des steilen Aufstiegs wird klar, dass die zu erwartende Aussicht jede Anstrengung lohnt. Die Überreste der einst ausgedehnten Festungsanlage, die sich über beide Gipfel des Berges erstreckt, sind eher bescheiden und ihnen gilt nicht mein Hauptinteresse. Die Ruinen einer Moschee, von Wohnanlagen und Zisternen verblassen gegenüber der Aussicht. Selbst die prächtigen Wildblumenwiesen mit ihren kleinen tierischen Gästen fesseln mich heute nur am Rande. Es ist das uneingeschränkte 360°-Panorama, weswegen ich hier oben bin. Und trotz der nicht ganz klaren Luft ist der Ausblick unbeschreiblich: Über die Stadt Kórinth, den Isthmus und den Golf, im Süden weit über das Land bis zum Arachnéo-Gebirge. Und im Westen sind im fernen Dunst die Schneereste auf den Gipfeln des Chelmós-Gebirges zu erkennen. Das ist jeden Tropfen Schweiß wert!

Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken.
(Friedrich Schiller)

Nach dem Abstieg kehre ich in das Café am Burgtor ein und gleiche den Flüssigkeitsverlust mit einem Kafé frappé aus. Erfrischt setze ich mich wieder hinters Steuer und bringe die knapp 60 Kilometer bis Árgos hinter mich, wo ich im Hotel Palladion für 45 € eine Nacht verbringe.

Ähnlich wie Kórinth wird auch Árgos von einer hoch auf einem Berg gelegenen Festung beherrscht. In Árgos ist es die Burg Lárissa, zu der eine reparaturbedürftige Straße hochführt. Die Burg hat ebenfalls eine Restaurierung nötig, doch die laufenden Arbeiten wurden vermutlich mangels finanzieller Mittel eingestellt. Daher ist der Zugang zur Burgruine aus Sicherheitsgründen leider nicht möglich. Beim Rundgang finde ich allerdings eine Leiter an das Gemäuer angelehnt, sodass ich einen Blick hinein werfen kann. Im Inneren ist jedoch nichts Interessantes zu entdecken. Der Blick von den Mauern über die argolische Ebene bis zum Meer und zur Stadt Náfplion ist hingegen wunderbar. Die zweite grandiose Aussicht heute - was kann man mehr von einem Tag erwarten?

Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug.
(Epikur)

Auf der zur Stadt gewandten Seite mache ich am Fuße der Burg eine Pause unter einem blühenden Olivenbaum. Es weht ein angenehm frischer Wind und von dem abseits gelegenen Glockenturm eines kleinen Klosters kann ich steil in das Zentrum von Árgos hinunter blicken. Schließlich fahre ich in die Stadt zurück.

Bei einem kleinen Bummel finde ich einige attraktive Lokale, sodass ich der allabendlichen Verpflegungsfrage gelassen entgegensehe. Die Markthallen merke ich mir - vielleicht kann ich mich morgen früh hier mit frischem Proviant eindecken. Schließlich besuche ich die Hauptkirche der Stadt, Ágios Pétros. Innen überraschen mich ein deplaziert wirkender Sperrholz-Jesus und ein metergroßer, prächtig silberner Reliquien-Schrein. Er enthält die sterblichen Überreste des Stadtpatrons, eben jenes Hl. Petrus (nicht zu verwechseln mit dem Apostel gleichen Namens), dem die Kirche geweiht ist.

Vor dem Abendessen gönne ich mir ein Kaiser-Pils in einer Bar mit Blick auf die Kirche. In dieser findet am Abend eine Hochzeit statt. Die große Gesellschaft stürmt die Innenstadt mit viel Gehupe, die parkplatzsuchenden Massen verursachen ein Verkehrschaos, die Einparkhelfer sind überfordert. Überall wird begrüßt, gratuliert und umarmt. Kleider werden drapiert, Schlipse gebunden, Blumensträuße aufgefrischt. Was für ein Schauspiel!

Árgos gilt als eine der ältesten Städte der Welt - umgeben von den Touristenmagneten Náfplion, Mykéne und Tíryns ist es heutzutage ihr Schicksal, von den Massen der Besucher vollkommen unbeachtet zu bleiben. Konsequenterweise ist die Speisekarte der Taverne, die ich später aufsuche, nur in Griechisch gehalten. Der Kellner bietet an, für mich zu übersetzen. Als ich das als unnötig ablehne und dennoch korrekt bestelle, ernte ich ein freudig-überraschtes Grinsen. Heute Abend gibt es frittierte und mit geriebenem Hartkäse bestreute Kartoffeln, dazu in einer Tomaten-Kräuter-Soße geschmortes Hähnchenfleisch. Die heimlichen Stars des Abends sind allerdings die Dolmádes: Die Weinblätter sind pikant mit Fleisch gefüllt und werden warm auf einem Bett aus Tsatsíki serviert - köstlich! Auch heute nehme ich dazu einen halben Liter Weißwein. In Summe zahle ich 15,50 €. Als Nachtisch wird mir eine Art gerolltes Baklava mit einer reichlichen Portion Zitronen-Sahne-Quark-Creme gereicht, die bestimmt ebenso viele Kalorien mitbringt wie das Hauptgericht und gleichfalls sehr lecker ist.

Und endlich, dürfen wir nicht müde sein, haben wir nicht so viel Wein getrunken?
(Franz Kafka)

Archéa Kórinth:


Archéa Kórinth - Museum:


Akrokórinth:


Árgos: