Zu den Bildern

Es ist sonnig und nur ein leichter Hauch von Morgendunst liegt über dem Meer. Ideales Wetter für mein heutiges Vorhaben: Die Wanderung durch die Vouraïkós-Schlucht. Vor 29 Jahren bin ich mit der Zahnradbahn durch diese Schlucht gefahren. Seitdem hatte ich den Wunsch, noch einmal hierher zurückzukehren. In den Jahren 2004 und 2007 habe ich es bereits versucht. Beide Male war die Bahn wegen der kompletten Modernisierung der Strecke außer Betrieb. Heute soll nichts dazwischen kommen - bereits gestern habe ich ein Ticket für den ersten Zug gelöst. Da mich meine Vorfreude viel zu früh auf die Beine getrieben hat, nutze ich die Wartezeit zum Proviantkauf und schlendere um den Bahnhof. Auf einem Nebengleis stehen noch die alten Wagen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fast 50 Jahre lang ihren Dienst auf der anspruchsvollen Bergstrecke verrichteten.

Pünktlich um 8:45 Uhr steht der moderne Triebwagen zur Abfahrt bereit. Schon in der Vorsaison ist der Zug gut besetzt - die mit 75 Zentimeter Spurweite schmalste Zahnradbahn der Welt hat viele Fans. Zunächst geht es durch die Gärten des Ortes, in denen neben Zitrusfrüchten und Feigen viele Mispeln in der Sonne leuchten. Hinter dem Ort geht es kurz durch die Ebene, dann steigt die Bahn rasch in die Schlucht ein.

Begleitet von den staunenden Ahs und Ohs der Fahrgäste wird es schnell richtig alpin. Obwohl die neuen Wagen klimatisiert sind und es penetrant viele Hinweisschilder gibt, die Fenster nicht zu öffnen, hält sich kaum jemand daran und jeder versucht einen optimalen Aussichtsplatz zu erhaschen. Dabei muss man wirklich vorsichtig sein, sich nicht allzu weit hinauszulehnen. Zwischen Wagen und Felswand sind oft nur zehn Zentimeter Abstand, während man auf der anderen Seite senkrecht in die Schlucht hinunterschauen kann. Die Bahn klettert immer höher, auf flacheren Abschnitten konventionell, auf den steileren mit Zahnrad-Unterstützung. Vereinzelt treffen wir auf entgegenkommende Wanderer, die etwas breitere Stellen nutzen, um den Zug passieren zu lassen.

Nach 40 Minuten Fahrzeit erreichen wir die Zwischenstation in Zachloroú auf 650 Metern Höhe. Es steigen bereits viele Fahrgäste aus, die meisten wandern von hier weiter zum Kloster Méga Spíleo, welches ich 2004 per Auto besucht hatte. Ich dagegen trete den Rückweg zu Fuß an.

Der europäische Fernwanderweg E4 führt offiziell entlang der Bahntrasse durch die Schlucht. Da nicht überall Platz ist, um den Zug vorbeifahren zu lassen, sollte man einen Fahrplan dabei haben. Bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 20 km/h ist das zwar nicht wirklich gefährlich, aber die Begegnung mit einem Zug genau auf einer Brücke ist für beide Parteien nicht angenehm. Da die Züge im Pendelverkehr fahren, kann man auf dem zwölf Kilometer langen Streckenabschnitt mit vier Begegnungen rechnen.

Es wird immer gleich ein wenig anders, wenn man es ausspricht.
(Hermann Hesse)

Die Wanderung durch die Vouraïkós-Schlucht lässt sich nicht mit Worten beschreiben. Selbst Fotos geben die Wirklichkeit nicht adäquat wieder. Zunächst beginnt es ganz sanft. Die frühlingsfrische grüne Waldlandschaft könnte auch in der Eifel liegen. Schon bald führt der Weg zum ersten Mal durch einen Tunnel. Zum Glück sind diese alle so kurz, dass ich an keiner Stelle in vollkommener Finsternis unterwegs bin. An einigen Stellen ist die Schlucht nur wenige Meter breit. Die Felswände ragen hoch hinauf und am Grund des Cañons gurgelt der Vouraïkós, der jetzt im Frühling reichlich Wasser führt. Jedes Jahr bin ich aufs Neue erstaunt, ich welch winzigen Felsspalten die Rote Spornblume Halt für ihre verschwenderische Blütenpracht findet.

Nach einer Stunde habe ich meine erste Zugbegegnung, doch an der Stelle, an der ich mich gerade befinde, ist die Trasse verhältnismäßig breit und damit unkritisch. Der spannendste Abschnitt liegt zwischen den Streckenkilometern vier bis neun (von der Talstation gemessen) und führt abwechselnd durch Tunnel, über Brücken und Felseinschnitte. Meter für Meter ist atemberaubend schön! Nach jeder Kurve entdeckt man ein neues Bild, das man fotografieren möchte. Das strahlende Wetter macht die Wanderung zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Er sah keine Farben außer denen, die er kannte, Gold und Weiß und Blau und Grün, aber sie waren frisch und strahlend, als nehme er sie in diesem Augenblick zum ersten Mal wahr und erfinde neue und wunderbare Namen für sie.
(John Ronald R. Tolkien)

Mehrfach überquere ich den Fluss, sodass der Abgrund sich mal rechts, mal links vom Weg befindet. Obwohl es sich um einen offiziellen Wanderweg handelt, ist an jeder Brücke ein "Fußgänger verboten"-Schild installiert. Das ist grotesk, da es wirklich keine Alternative gibt. Allerdings muss man zugeben, dass es sicher nicht jedermanns Sache ist, auf den schmalen Trittblechen Dutzende Meter über dem schäumenden Fluss zu balancieren.

An den etwas breiteren Stellen der Schlucht ist der Talgrund mit dichtem Laubwald bedeckt, wodurch der Fluss nicht zu sehen ist. Doch sein Gurgeln, Rauschen, Donnern oder Flüstern ist ein allgegenwärtiger Begleiter.

Nach anderthalb Stunden finde ich ein ausgezeichnetes Plätzchen für ein zweites Frühstück. Ein kleiner Bach stürzt hier gut 10 Meter in die Tiefe und hat eine Felspfanne ausgewaschen, die beim aktuellen Wasserstand genügend trockene Sitzmöglichkeiten bietet. Wunderschön ist es hier!

Wie sollte all dies unbeschädigt und rein in meiner Erinnerung bleiben, um weiterhin jene Ergriffenheit zu erzeugen, die sie uns ins Gedächtnis eingeprägt hatte?
(Nikos Themelis)

Gelegentlich trifft man andere Wanderer. Es sind wenige genug, um die grandiose Natur ungestört zu genießen und ausreichend viele, um sich im Notfall keine Sorgen machen zu müssen. Ich bin froh, den Fahrplan im Hinterkopf zu haben, sonst hätte ich mich bei meiner zweiten Zugbegegnung genau auf der längsten Brücke befunden.

Auf diese Weise vergehen die Kilometer und Stunden; jeder Schritt und jede Minute ein uneingeschränkter Genuss. Nach vier Stunden ändert sich allmählich die Landschaft, das Tal öffnet sich und die Felswände sind weniger hoch. Nun kann man ohne Gefahr zum Fluss hinabsteigen und sich sie heißgelaufenen Füße kühlen. Hier finde ich einen Platz, an dem ich an eine Platane gelehnt, im Duft von Kiefern und Pfefferminzkraut eine weitere Pause einlege. Eingelullt vom Rauschen des Wassers nicke ich für eine halbe Stunde ein.

Die letzten Kilometer sind nicht mehr als ein leichter Spaziergang. Um Punkt 15:00 Uhr erreiche ich wieder den Bahnhof in Diakoftó. Zur Stärkung gönne ich mir ein Mýthos und eine große Mesédes-Platte mit Gurke, Tomate, Oliven, Pommes, Fleischbällchen, Bratwurst, Schweinebraten und Brot - geschenkt für 4 €. Den Rest des Nachmittags verbringe ich am Strand des Dorfes, der grob kiesig ist. Diakoftó ist nicht als Badeparadies bekannt.

Vor dem Abendessen mache ich einen Spaziergang zum Dorf hinaus in Richtung Westen, immer am Ufer entlang. Mehrere Angler versuchen ihr Glück, während ein malerischer Sonnenuntergang diesen grandiosen Tag beendet. Ich kehre im "Kochíli" am Hafen ein und suche dort einen Fisch zum Grillen aus, der mit 17 €/kg überraschend preiswert ist. Dazu nehme ich frittierte Paprikas als Vorspeise, Pommes und einen halben Liter offenen Weißwein, welcher genauso ausgezeichnet schmeckt, wie das gesamte Essen. Ich beschließe das Mahl mit einem großzügig eingeschenkten Tsípouro und bezahle für die Schlemmerei nicht mehr als 16 €. Manche Tage sind bis zum letzten Augenblick perfekt!

Wieder ein wunderbarer Tag in meinem Leben, ein Tag, der rot angekreuzt werden muss!
(Henry Miller)

Diakoftó:


Zahnradbahn-Fahrt:


Vouraïkós-Schlucht:


Diakoftó: