Pelopónnes 15.05.2015

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Hellas... Hier begann alles und hier wird alles enden.
(Dschalal ad-Din Rumi, 1207-1273)

Der erste Urlaubstag beginnt mitten in der Nacht, das ist offensichtlich ein Gesetz. Auch in diesem Jahr ist es weit vor 3:00 Uhr, als der Wecker mich aus dem Schlaf reißt. Genau wie vor zwei Jahren lasse ich mich von meinem Sohn David zum Düsseldorfer Flughafen chauffieren, dem ich im Gegenzug für diesen Dienst eine Woche lang mein Auto anvertraue. Von Köln aus gibt es derzeit keine Direktflüge nach Pátras.

Die Vorbereitung dieser Reise lief unter dem Codenamen "SWAT-Tour": Special Wishes And Targets. Anders als sonst nämlich, habe ich eine Reihe von Zielen zu einer - für meine Verhältnisse - ziemlich konkret geplanten Tour verbunden. Die meisten dieser Ziele habe ich seit vielen Jahren im Fokus, doch ließen mannigfaltige äußere Umstände wie schlechtes Wetter, mangelnde Zeit oder renovierungsbedingte Schließungen die Erfüllung meiner Wünsche bisher nicht zu. In diesem Jahr möchte ich die Lücken weitgehend schließen.

Am Flughafen bestimmen unzählige Abiturienten mit Ziel "Malle" das Bild. Mehrere Flüge sind bereits verspätet, weil die jungen Leute nicht beim Boarding erscheinen. Daher bin ich froh, dass der Altersdurchschnitt der Passagiere meines TUIfly-Fluges nach Pátras eher oberhalb der 50 Jahre liegt. Wie in jedem Jahr sind es in der Vorsaison überwiegend ältere Paare, die den Weg ins Land der Götter suchen. Es ist stark bewölkt, lediglich am Horizont gibt es eine Wolkenlücke, durch die bei Startfreigabe die aufgehende Sonne einen Strahl schickt.

Während des gesamten Fluges bleibt die Wolkendecke geschlossen, erst weit über der südlichen Adria gehen die Wolken in allmählich durchsichtiger werdenden Dunst über. Korfu und Léfkas sind bereits schemenhaft zu erkennen und als wir zur Landung ansetzen, ist der Himmel lichtblau. Die Ebene, in welcher der Flughafen Pátras-Áraxos liegt, wird intensiv bewirtschaftet: Felder, Plantagen und großflächige Treibhäuser bestimmen das Bild. Es handelt sich um einen Militärflughafen, der nebenbei zivil genutzt wird. Folglich ist das Terminalgebäude nicht größer als eine Dorfgrundschule. Immerhin ist der AVIS-Mietwagenschalter exklusiv für mich besetzt und so starte ich gegen 11:00 Uhr mit einem roten Mazda 2 meine Tour. Auf der Straße nach Pátras werde ich von vertrauten Farben begrüßt: Sonnengelber Ginster, blutroter Mohn und rosa Oleander säumen den Fahrbahnrand.

Wo haben wir den Mohn so tiefrot blühen gesehen wie auf den Bergen des Peloponnes? Wo solche Orgien von Ginstergelb?
(Edda Neumann-Adrian)

Zuallererst stürze ich mich ins Zentrum der lebhaften Hafenstadt und stärke mich mit einer Spanakópita und einem Kafé frappé. Ein kleiner Spaziergang lässt mich ein wenig Hafenatmosphäre schnuppern und gibt mir Gelegenheit, am Bahnhof Erinnerungen an meine Interrail-Tour aufzufrischen. Schließlich führt mich der Weg die steilen Treppen zur Burg hinauf, von wo ich einen schönen Blick über die Stadt und den Golf von Kórinth bis zu den gegenüberliegenden Bergen des Festlands habe.

Nach diesem Appetithäppchen bin ich bereit für mein erstes Ziel: Die Río-Andirrío-Brücke (offiziell Charílaos-Trikoúpis-Brücke) verbindet seit 2004 die Pelopónnes mit dem griechischen Festland. Um die Faszination zu verstehen, die dieses weltweit einmalige Bauwerk auf mich ausübt, muss man die Geschichte dahinter kennen.

Eigentlich dürfte es eine Brücke an dieser Stelle gar nicht geben. Noch zu Beginn der 1990er-Jahre kam eine Expertenkommission zu dem Ergebnis, der Bau einer Brücke an dieser Stelle sei unmöglich. Die Gründe hierfür waren ebenso vielfältig wie scheinbar unüberwindlich: Das Meer ist an dieser Stelle knapp 2,5 Kilometer breit und bis zu 65 Meter tief. Es gibt sehr starke Strömungen, ebenso heftige Winde und regelmäßig Erdbeben. Bei einem kräftigen Beben kann sich der Abstand zwischen Pelopónnes und Festland im Extremfall gleich um ein bis zwei Meter vergrößern. Bei all dem muss die Durchfahrtshöhe wegen des Schiffverkehrs mindestens 50 Meter betragen.

Am schwersten wog aber die Tatsache, dass der Meeresboden hier ausschließlich aus Sand, Schlick und Geröll besteht und selbst bei Bohrungen bis in über 100 Meter Tiefe kein ausreichend tragfähiger Fels gefunden werden konnte.

Zur Lösung dieser Probleme mussten zahlreiche Verfahren aus Brücken- und Offshore-Technik kombiniert und eine Reihe vollkommen neuer Wege beschritten werden. Kurz gesagt: Die Brücke steht alleine durch das unvorstellbare Eigengewicht ihrer zur Basis hin enorm verbreiteten Pfeiler ohne Fundament frei auf dem Meeresboden.

Wer mehr dazu lesen möchte, dem empfehle ich die Lektüre der Internetseite von Bernd Nebel.

Nicht nur der technische Hintergrund ist äußerst interessant, sondern ich finde die Brücke auch ästhetisch sehr gelungen. Außerdem ist sie von Fußgängern und Radfahrern benutzbar und damit eine der wenigen Großbrücken der Welt, die ein solches Erlebnis ermöglichen. Seit mich im Jahre 2007 strömender Dauerregen an der Überquerung zu Fuß gehindert hat, möchte ich dies nachholen.

Von Pátras aus sind es nur wenige Minuten Fahrt. Länger dauert es, den Fußgängeraufgang zur Brücke zu finden. Der erste Versuch scheitert vor einem verschlossenen Gatter. Während ich mit dem Gefühl tiefer Enttäuschung kämpfe, sehe ich zwei Passanten und einen Fahrradfahrer auf der gegenüberliegenden Seite. Tatsächlich finde ich dort einen geöffneten Zugang.

Ich betrete die Brücke also auf der Westseite. Die vier Pylonen mit ihren schneeweißen Tragseilen sind ein beeindruckender Anblick. Die beiden mittleren sind 230 Meter hoch - alleine der sichtbare Teil über der Wasseroberfläche ist höher als der Kölner Dom. Erst wenn man zu Fuß unterwegs ist, nimmt man die wirklichen Dimensionen der Brücke wahr. Auch eine der oben erwähnten Herausforderungen - die heftigen Winde - erfahre ich am eigenen Leibe. Mehr als einmal bin ich froh, dass mein Sonnenhut ein Kinnband hat, er läge sonst schon nach wenigen Augenblicken im Meer.

Im Fußweg sind hin und wieder Gitterroste als Wartungszugänge für Bauarbeiter eingelassen. Durch diese auf die 55 Meter unter einem schimmernde Meeresoberfläche zu schauen, ist definitiv nichts für Menschen mit Höhenangst. Gut zu erkennen sind die Sollbruchstellen, die wie riesige Stoßdämpfer aussehen. Im Normalfall stabilisieren sie die Brücke gegen den Wind, bei einem Erdbeben brechen sie gezielt und ermöglichen somit der Fahrbahn, frei zu schwingen.

Auf der Festlandseite lässt sich schließlich ein schöner Blick auf die venezianisch-osmanische Festung von Andirrío werfen. Gegenüber erhebt sich der fast 2000 Meter hohe Panachaïko. Der Gang über die Brücke, hin und zurück fast 6 Kilometer, ist wirklich toll - ich bin begeistert. Dieses Bauwerk ist in jedem Detail und jeder Hinsicht ein Meisterwerk menschlicher Ingenieurkunst.

Wenn ich zurückdenke an die Zeit, die ich dort oben war, so weiß ich nicht, ob mich die Erde noch trug, oder ob es Flure aus Licht waren, auf denen ich schritt.
(Erhard Kästner)

Nach diesem Erlebnis fahre ich auf der Küstenstraße weitere 45 Kilometer zu meiner ersten Unterkunft. In Diakoftó habe ich im Hotel Panorama für zwei Nächte reserviert. Das Hotel befindet sich in ruhiger Lage am östlichen Ortsrand direkt am Meer. Vom Balkon habe ich einen schönen Blick über den Golf von Kórinth.

Zum Abendessen spaziere ich ins Ortszentrum und besuche die Taverne "Kóstas", in der ich direkt in die Küche gebeten werde, um angesichts großer duftender Töpfe und verführerisch gefüllter Auflaufformen meine Wahl zu treffen. Diese fällt auf Moussaká, begleitet von Tsatsíki und einem Mýthos-Bier. Das ist zwar nicht besonders originell, aber die hervorragende Qualität des Moussaká gibt mir Recht. Der Preis von 15 € zeigt, dass der Wirt den Wert seiner Küche kennt. Später nehme ich in einem Café gegenüber des Bahnhofs Platz. Bei einem weiteren Mýthos-Bier genieße ich den milden Abend und freue mich über den gelungenen ersten Urlaubstag.

Anflug:


Pátras:


Río-Andirrío-Brücke:


Diakoftó: