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Auf dem Markt und im Supermarkt kaufe ich heute nicht nur Proviant, sondern auch sämtliche Mitbringsel für die Lieben zu Hause. Dann starte ich die letzte Tagestour in Richtung Nordwesten. Der Weg nach Sidári ist - angesichts der touristischen Bedeutung - überraschend schlecht ausgeschildert, sodass ich mein Ziel erst nach einem kleinen Umweg erreiche.

Das wichtigste aber war, dass er jeden Tag den Traum seines Lebens verwirklichen konnte: zu reisen. [...]
Wenn möglich, suchte er sich immer neue Wege.
(Paulo Coelho)

Sidári macht keinen einladenden Eindruck auf mich, es ist ein seelenloser Neubau-Ort, dessen ursprünglicher Kern kaum noch zu erkennen ist. Aber hier will ich mich eh nicht lange aufhalten, sondern fahre zunächst ein paar Kilometer weiter nach Perouládes, wo ich den Wagen am Ortsrand stehen lasse und die unbefestigte Piste zum Kap Drástis zu Fuß einschlage. Der Weg ist gut zu gehen und wenn man die Böschung zur Linken erklimmt, hat man atemberaubende Ausblicke auf die Steilküste. Die Redensart "einen Blick riskieren" trifft hier wörtlich zu, denn es ist zugegebenermaßen nicht ganz ungefährlich, da die Abbruchkante in landestypischer Art völlig ungesichert und unter der dichten Vegetationsdecke nicht eindeutig zu erkennen ist.

Etwas weiter befindet sich ein offizieller Aussichtspunkt, von dem man - ganz ohne Risiko - einen wundervollen Blick auf die pittoreske Klippenlandschaft werfen kann. Wie auf dem Foto zu erkennen ist, gibt es auf dem Gipfel des Kaps einen weiteren, hoch gelegenen Aussichtspunkt, aber es erweist sich, dass das gesamte Gebiet Privatbesitz und zur Zeit geschlossen ist. Schade...

Also gehe ich hinab zum Meer, wo laut Reiseführer eine winzige Bucht sein soll. Winzig ist keine Untertreibung: eigentlich ist es nur ein Spalt, den ein aus den Hügeln kommendes Rinnsal in die Steine gegraben hat. Von den Felsenplatten kann man zwar ins Wasser, aber es reizt mich hier nichts zum Baden. Außerdem kommen bald mehr und mehr Leute an, die sich von hier aus mit einem kleinen Bötchen um die Klippen schippern lassen. Auf dem Rückweg zum Auto machen mich die entgegenkommenden Menschenmassen geradezu sprachlos!

Ich fahre zurück nach Sidári, um die dortige Sehenswürdigkeit in Augenschein zu nehmen. Zunächst lege ich jedoch eine kleine Pause in einem Strandcafé ein, dessen schöne Terrasse im Schatten dichter Bäume liegt. Der Kafé frappé ist mit 3 € zwar überteuert und wird zudem ohne Wasser serviert, aber man sitzt hier tatsächlich wunderbar. Die Schattenseite des übermäßigen Tourismus zeigt sich jedoch deutlich, sogar einheimische Badegäste sonnen sich "oben ohne", was ich in Griechenland bislang nirgendwo erlebt habe.

Die Attraktion Sidáris liegt nur wenige Meter entfernt: Der "Canal d'Amour" nährt die Legende, dass Frauen vom Mann ihres Herzens bald zum Altar geführt werden, wenn sie beim Durchschwimmen des kleinen Fjords an ihn denken. Dass dies nicht ganz ungefährlich ist, beweist ein kleines Denkmal zu Ehren eines jungen Mannes, der hier vor wenigen Jahren bei der Rettung einer jungen Frau selber ertrunken ist. Mehr als der Kanal ist für mich jedoch die benachbarte Küste die eigentliche Attraktion des Ortes. Klippen, Felsen, Buchten und Sandstrände wechseln sich auf engstem Raum ab - der ganze Küstenabschnitt ist wie aus einem Bilderbuch! Ein Fußweg führt so nah an der Felskante entlang, dass ich die Kirschkerne mühelos ins Meer spucken kann.

Jede Biegung ist hier eine Liebkosung, eine Enthüllung für die verzückten Augen, eine Zärtlichkeit.
(Lawrence Durrell)

Schließlich entscheide ich mich, zum letzten Baden dieses Urlaubs noch einmal nach Kassiópi zu fahren. Auf dem Weg dorthin bilden sich in der schwülheißen Mittagsluft Quellwolken, sodass ich zunächst in einer Taverne auf dem Hafenkai einkehre, um bei einem kleinen Snack die Entwicklung des Wetters abzuwarten. Der georderte "Greek Burger" mit viel Fleisch und einer großzügigen Scheibe Féta ist nicht gerade ein "kleiner Snack", da er von Pommes und Salat begleitet wird. Auch auf ein großes Alfa-Bier vom Fass muss ich nicht verzichten.

Fischerboote dümpeln träge vor mir im Hafen und über den gegenüberliegenden Bergen Albaniens braut sich ein Gewitter zusammen, fernes Donnergrollen dringt herüber. Die Stimmung passt wie bestellt zu meiner leichten Abschiedsdepression. Erst als ich sicher bin, dass Kassiópi vom Regen verschont wird, spaziere ich weiter zum Kanoni-Strand. Gegen 16 Uhr haben sich die letzten Wolken verzogen und es wird wieder richtig schönes Badewetter.

Die kleine Bucht ist verzaubert, von ihrer eigenen außergewöhnlichen Vollkommenheit betäubt - einer Verschwörung von Licht, blauem Meer und Zypressen.
(Lawrence Durrell)

Als ich am Abend nach Kérkyra zurückkehre, fallen mir viele große Pfützen am Straßenrand auf. Die Stadt wurde vom Regen offensichtlich nicht verschont und kurze Zeit später geht hier erneut ein kräftiges Gewitter nieder. Da es ebenso plötzlich endet, wie es begann, kann ich das Abendessen jedoch bereits wieder unter freiem Himmel genießen. Meine Hoffnung, in dem Grillrestaurant am San-Rocco-Platz erneut Kokorétsi zu bekommen, erfüllt sich leider nicht. Ich tröste mich mit klassischem Hähnchen-Souvláki, Tsatsíki und einem großen Mythos vom Fass, was meine Börse um nicht mal 16 € erleichtert.

Den Abend lasse ich mit einem Alfa-Bier im Liston angemessen ausklingen. Auch die letzte Dose Mythos aus dem Hotelkühlschrank will ich nicht mit nach Hause nehmen. Das Gefühl des nahen Abschieds ist wie in jedem Jahr nicht schön...

Kap Drástis


Sidári


Kassiópi


Kérkyra