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Heute ist Sonntag - Sonnentag und Kulturtag! Auf meinem Programm stehen zunächst die südlichen Stadtteile Kérkyras, die sich über die hügelige Análipsi-Halbinsel östlich des Flughafens erstrecken. Ich beginne im Stadtteil Paleopolis, wo in der fast 1000-jährigen Kreuzkuppelkirche Agíi Iason und Sosipatros gerade die Glocken geläutet werden und ich zum hundertfachen Kyrie Eleison das Innere betrete. Da eine Besichtigung unter diesen Umständen entfällt, bleibe ich nur kurz und spaziere dann zum benachbarten Ausgrabungsgelände, wo aus zahlreichen nichtssagenden Fundamenten nur die Ruine einer frühchristlichen Basilika aus dem fünften Jahrhundert als Sehenswürdigkeit hervorsticht.

Besonders der ausgeschilderte "Artemis-Tempel" ist nur für eingefleischte Archäologen einen Besuch wert, aber alleine der Rundgang durch das hiesige Wohngebiet lohnt sich. Hier lebt offensichtlich die obere Mittelschicht, schöne Häuser stehen in gepflegten Gärten, dazwischen liegen einige freie Grundstücke, in denen Ziegen und Hühner unter Oliven- und Obstbäumen zum idyllischen Gesamtbild beitragen. Die Straße endet am Friedhof, der in unmittelbarer Nachbarschaft zum Flughafen liegt - die Bezeichnung "letzte Ruhe" bekommt hier einen leicht mokanten Anklang.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Halbinsel liegt der große Park Mon Repos mit seinem namengebenden klassizistischen Schlösschen. Hier wurde Philip von Battenberg geboren, was das Schloss zu einem beliebten Ziel für Reisegruppen macht. Wem der Name nichts sagen sollte, kommt vielleicht auf die richtige Fährte, wenn er den Namen - wie einst sein Träger - ins Englische übersetzt. Es ist Prinz Philip Mountbatten, Duke of Edinburgh, Gemahl der britischen Queen. Den Besuch des im Inneren befindlichen Museums erspare ich mir, dafür genieße ich lieber den herrlichen Meerblick und den schattigen alten Park, zusammen mit zahlreichen Joggern und Hunde-Ausführern.

Anschließend fahre ich weiter zur Südspitze nach Kanóni, wo ich bei einem frisch gepressten Orangensaft die grotesk tief einfliegenden Flugzeuge beobachte. Zum Besichtigen bietet das millionenfach fotografierte Vlachérna-Kloster jedoch nicht viel: Die winzige, unscheinbare Kirche wird durch den mehrfach größeren Souvenirladen in den Schatten gestellt. Lediglich die Tatsache, dass nebenan die Fischer ihren nächtlichen Fang direkt vom Boot verkaufen, verleiht der Postkartenszene eine unerwartete Authentizität.

Nicht der Tage erinnert man sich, sondern der Augenblicke.
(Cesare Pavese)

Mein nächstes Ausflugsziel ist das Achílleion, Korfus meistbesuchte Touristenattraktion. Ende des 19. Jahrhunderts ließ die damalige Kaiserin Elisabeth von Österreich ("Sisi") die hoch gelegene Villa ganz nach eigenen Vorstellungen zu ihrem individuellen Refugium im altgriechisch-pompejanischen Stil umbauen. Was ich im Vorfeld darüber gelesen hatte, reicht von "überladenem Kitsch" bis zu "zeitlos begeisternd" - dementsprechend gespannt bin ich, wie mein Urteil ausfallen wird. Um es vorwegzunehmen: Ich bin fast durchgehend positiv überrascht.

Das Bauwerk ist weitgehend im Originalzustand erhalten. In einigen Zimmern werden Möbel von Sisi sowie persönliche Gegenstände des Folgebesitzers, des deutschen Kaisers Wilhelm II. gezeigt. Zwar gibt es einige kitschige Details, aber ein Großteil der Einrichtung ist von zeitloser Schlichtheit oder der Eleganz des frühen Jugendstils. Da fallen Missgriffe wie Puttenfiguren auf pseudoantiken Reliefs kaum ins Gewicht. Auch das Treppenhaus ist ein Gesamtkunstwerk, wenn auch ein wenig überladen. In der obersten Etage wird es von einem monumentalen Fresko gekrönt, das den siegreichen Achill darstellt, wie er, auf einem Streitwagen stehend, den Leichnam Hektors vor Trojas Mauern schleift. Von dort gelangt man in einen Peristyl-Hof mit Statuen der neun Musen sowie einer Galerie antiker griechischer Philosophen, unter die sich amüsanterweise die Büste Shakespeares geschmuggelt hat. Die Kunst der Fotographie an solchen Orten ist, die halbe Sekunde zu erwischen, in der die letzten Russen weg und die ersten Engländer noch nicht im Bild sind...

Vom Hof gelangt man in den Garten mit zahlreichen Skulpturen. Hier konkurrieren der "Sterbende Achill" (die Lieblingsstatue Sisis) und der "Siegreiche Achill" (die Lieblingsstatue Wilhelms II.) um die Gunst der Besucher. Mir persönlich gefallen der kleine Kentaur und die anmutige Aphrodite mit ihren moosbewachsenen Brüsten besser. Vom Ende des Gartens reicht der Blick in der schwül-heißen Mittagsluft über die Hauptstadt und weit über die Insel.

Nach diesem langen Kulturprogramm regt sich der Hunger. Im nahe gelegenen Badeort Benítses, der überwiegend von Russen besucht wird, finde ich eine ansprechende Strandtaverne, in der ich für 4 € einen hervorragenden Mesédes-Teller bekomme. Mit Pommes, frittierten Fleischbällchen, Tomaten, Gurke, Tsatsíki, Féta, Oliven und Hühnchenbrust stillt er meinen Hunger und ein eiskaltes Fix-Bier vom Fass meinen Durst. Da wenige Meter hinter mir Schatten spendende Bäume direkt am Strand stehen, überlege ich mir, ob ich überhaupt weiterfahren oder gleich hierbleiben soll. Ich entscheide mich schließlich, der bislang vernachlässigten Westküste einen Besuch abzustatten.

Reisen [...] erwachsen spontan aus unseren Bedürfnissen oder unserer Natur - und die besten führen uns nicht nur nach außen in den Raum, sondern ebenso nach innen.
(Lawrence Durrell)

Wenige Kilometer weiter gibt es eine Möglichkeit, auf die andere Seite der Insel zu wechseln. Ich steuere den Prasoúdi-Strand an, einen kleinen, aber feinen Sandstrand, an dem man Sonnenschirme und Liegen mieten kann, dekadent, aber gut! Ein leichter Wind macht die zunehmende Luftfeuchtigkeit erträglich, die sich am Nachmittag zu leichten Wolken zusammenballt. Aus diesen fällt später ein wenig Regen, tatsächlich sind es nicht mehr als ein Dutzend Tropfen, die mich treffen. Diese reichen jedoch aus, um die anwesenden Badegäste zu einem schnellen Aufbruch zu veranlassen. Für mich absolut unverständlich, weil die Wolken wirklich so unscheinbar sind, dass man nicht mal mit Sicherheit sagen kann, woher die wenigen Tropfen stammen. Zehn Minuten später scheint die Sonne bereits wieder von einem makellos blauen Himmel und ich bin alleine an diesem wundervollen Strand. Die Schwüle hat sich zusammen mit den Badegästen verflüchtigt und so kann ich in vollkommener Ruhe die leichte Brandung genießen.

Am späten Nachmittag mache ich mich auf den Rückweg, für den ich abweichend von der Hinfahrt die Nebenstrecke wähle, die an der Westseite der Insel auf halber Höhe durch die Berge führt. Hier ist Korfu dünn besiedelt, es gibt nirgendwo Hotels und nur wenige individuelle kleine Appartement-Anlagen liegen verstreut in den weitflächigen Olivenwäldern. Immer wieder hat man herrliche Ausblicke auf die Küste. Eine sehr entspannende Autofahrt!

So viele Ölbäume,
wie sie das Licht mit ihren Händen streuen,
damit es sanft über deinen Schlaf sich legt.
(Odysseas Elytis)

Am Abend gönne ich mir Taramosaláta und gegrillten Oktopus, welcher mit einer Olivenöl-Senf-Zitronensoße serviert wird. Ein großes Mythos vom Fass vervollständigt das Sonntagsessen, welches mit knapp 23 € zu Buche schlägt. Nach dem Essen bummele ich durch die Altstadt, die seltsam leer ist, da zu meinem Erstaunen sonntags alle Geschäfte - sogar die Souvenirläden - geschlossen haben. Das gesamte Leben konzentriert sich auf die Esplanade, an der die zu beiden Seiten befindlichen Cafés so gut besucht sind, dass ich Mühe habe, überhaupt einen Platz zu finden. Zwei Alfa-Bier begleiten mich durch den langen Abend, während ich mich an den neuesten modischen Errungenschaften erfreuen kann, die der weibliche Teil der korfiotischen Bevölkerung flanierend präsentiert. Nur sehr wenige Touristen teilen sich mit mir diese Atmosphäre.

Kérkyra


Achílleion


Benítses


Prasoúdi-Strand


Kérkyra