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Am Morgen ist das Wetter erneut herrlich. Ich spaziere quer durch die Innenstadt, decke mich mit Spanakópita und einer Dauerwurst ein und betrete als erster Besucher des Tages die Alte Festung. Zunächst gehe ich auf direktem Weg zum höchsten Punkt der Anlage, einem steilen, von einem Leuchtturm gekrönten Hügel. Von den umgebenden Mauern hat man einen 360°-Rundumblick, der einem den Atem verschlägt: Vor mir die Stadt Kérkyra, rechts der Pantokrátor, links der Blick weit bis in den Süden der Insel und im Rücken die Berge Albaniens und des Épirus. Einen vollkommeneren Ort für das Frühstück werde ich heute nicht finden: Hoch über der Welt, in einsamer Ruhe, nur der Wind und eine Dohle leisten mir Gesellschaft. Lange lasse ich meine Augen schweifen - an dieser Aussicht kann ich mich nicht satt sehen.

Nach dem Frühstück besichtige ich den Rest der Festung. Viel ist es nicht, haben die Engländer doch den größten Teil der inneren Bauten aus venezianischer Zeit geschleift, um Platz für ihre eigenen Unterkünfte und Verwaltungsgebäude zu schaffen. Erwähnenswert finde ich die ehemalige Garnisonskirche Saint George nach Art eines dorischen Tempels. Obwohl inzwischen orthodox, wirkt sie in ihrer klaren Schlichtheit von innen eher wie eine Ausstellungshalle, als wie eine Kirche. Wie ich es schon oft erlebt habe, treffe ich die nächsten Besucher erst, als ich bereits auf dem Weg zum Ausgang bin.

Da mein Auto auf dem Hotelparkplatz steht, habe ich auf dem Weg dorthin zurück die Gelegenheit, einen weiteren Stadtbummel zu unternehmen. Über den Kanal, der die Festung von der Stadt trennt und vorbei am Schulenburg-Denkmal komme ich in die Altstadt. Das Denkmal stellt Johann von der Schulenburg dar, der Korfu 1716 erfolgreich gegen die osmanische Übernahme verteidigte. Im Park warten bereits die Droschkenkutscher auf die Fahrgäste des Tages - offensichtlich ein Andenken an die früher oft hier weilende Kaiserin Elisabeth von Österreich. Um diese Uhrzeit ist die Stadt besonders schön. Ob am Liston oder auf dem Platia Theotoki mit dem Rathaus aus dem 17. Jahrhundert: alles glänzt und strahlt im klaren Morgenlicht.

Als Hauptprogramm des Tages habe ich jedoch nicht die Stadt, sondern den Süden der Insel vorgesehen. Zunächst verläuft die Straße dorthin direkt am Meer, durchquert einige mehr oder weniger reizvolle Badeorte, wendet sich dann ins ländliche Innere und führt schließlich durch die flacheren Hügel Südkorfus bis Lefkímmi. Da die Kleinstadt zwei Kilometer von der Küste entfernt liegt, findet man hier kaum Tourismus. Einzig an der Hauptsehenswürdigkeit des Ortes, einem zum Kanal ausgeschachteten Flusslauf, der wie eine Gracht wirkt, finden sich einige Tavernen und Kafeníons. In diesen stellen Touristen jedoch nicht die Mehrheit, was sich in den Preisen niederschlägt, die deutlich geringer als in der Hauptstadt sind. Ein ausgezeichneter Platz für einen Kafé frappé!

Nichts durfte übereilt werden, denn das wäre dem Geist dieser Gegend feind gewesen.
(Lawrence Durrell)

Nachdem ich genügend Beschaulichkeit geatmet habe, fahre ich weiter und finde keine fünf Kilometer entfernt das krasse Gegenteil vor. Der kleine Ort Kávos wird durch die Bezeichnung "Briten-Grill" am treffendsten charakterisiert. Griechische Beschriftung in den Schaufenstern fehlt hier vollständig, und wer älter als 25 Jahre ist oder mit mehr als Badeshorts oder Bikini über die Straße läuft, macht sich verdächtig. Zu Dutzenden knattern 50 cm³ Quads über die Straße und ich bezweifele ernsthaft, ob alle Fahrer nüchtern sind. Für mehr als einen Proviantkauf halte ich mich hier jedenfalls nicht auf!

Mein Ziel liegt wenige Kilometer weiter. Hierzu muss ich allerdings den Wagen stehen lassen und zu Fuß gehen. Nach 15 Minuten steht eine schwierige Entscheidung an: Zuerst zum Arkoudílas-Strand oder zur gleichnamigen Klosterruine? Ich wähle den Strand. Es geht weitere 20 Minuten bergab, dann stehe ich auf einem feinen, langen Sandstrand, dem südlichsten Strand Korfus. Er ist wunderschön und alles andere als überfüllt. Doch leider gibt es so gut wie nichts, was ein wenig Schutz vor der brennenden, jetzt sehr hoch stehenden Sonne bietet. Zum Glück entdecke ich in der Felswand einige winzige Grotten, die gerade eben ausreichen, um diesen Zweck zu erfüllen. Der Strand fällt extrem flach ins Meer ab, als Folge ist das Wasser relativ warm und so halte ich es hier badend und ruhend die heißesten zwei Stunden des Tages aus.

Der Rückweg ist erwartungsgemäß schweißtreibend, aber die Wasservorräte reichen. An der Gabelung zweige ich nun zum Kloster ab und bin vom Weg angenehm überrascht. Der halbstündige Gang hat kaum noch Steigungen und verläuft zum überwiegenden Teil durch einen dichten üppig-grünen Wald aus Lorbeer, Akazien, Stechpalmen und vielen anderen Bäumen. Am südlichsten Punkt, dem Kap Asprókavos, hat man eine schöne Aussicht über das Meer bis hin zur Nachbarinsel Paxós. Die Klosterruine, die das Ende des Weges markiert, steht hier oben einsam und romantisch im Wald. Da der Nachmittag inzwischen fortgeschritten ist, wird der Rückweg zum Auto zum Spaziergang.

Der Zauber der schönen, aber herben griechischen Landschaft ist ihre unendliche Vielfalt. Das Auge wird dauernd überrascht.
(Nicholas Gage)

Südlich von Kérkyra lasse ich den Wagen ein weiteres Mal stehen. Von hier aus lässt sich die Halkiopoulos-Lagune auf einer Fußgängerbrücke überqueren, die zur gegenüberliegenden Halbinsel führt. Von dem dort befindlichen Aussichtslokal hat man den besten Blick auf das winzige Kloster Vlachérna, dem Wahrzeichen und meistfotografierten Motiv Korfus. Da unmittelbar nebenan die Landebahn des Flughafens beginnt, kommen die Flugzeuge hier auf Augenhöhe herein, was sich inzwischen zu einer Attraktion der besonderen Art entwickelt hat. Da ich mir das Spektakel ohnehin morgen in Ruhe anschauen will, begnüge ich mich für heute mit der ungewöhnlichen Perspektive von der Brücke und genieße dann ein erfrischendes Mythos-Bier im Aussichtslokal. Die Tatsache, dass die Fischerboote hier nicht nur zur Dekoration liegen, und die üppige Flora verleihen dem Ort einen zusätzlichen Zauber.

Am Abend spaziere ich lange durch die Stadt. Anders als sonst, kann ich mich heute schwer entscheiden, wo ich essen möchte. Nichts sagt mir zu, alle Lokale sind mir zu voll, zu leer, zu teuer, zu touristisch, zu abgelegen... irgendwas finde ich immer. So dauert es geraume Zeit, bis ich letztendlich doch irgendwo einkehre. Und ich werde es nicht bereuen. Zuerst begeistert mich die gemischte Vorspeisenplatte: Tsatsíki, Taramosaláta (Fischrogen-Püree), Galotíri, Oliven, Tomaten, Gurken, Peperoni und gefüllte Weinblätter finden sich darauf. Dazu wird ein warmer Pita-Fladen gereicht, der mit Oregano und Olivenöl verfeinert wurde. Nach diesem hervorragenden Start geht es mit Sofríto weiter, einer korfiotischen Spezialität. Ein butterzart marinierter Rinderbraten in einer Weißwein-Knoblauch-Kräuter-Soße, der zum Glück nicht nur mit Pommes, sondern auch mit Reis serviert wird, sodass man die delikate Soße gut aufnehmen kann. Dieser Höhepunkt der einheimischen Küche wird mit einem Mythos abgerundet und bleibt erstaunlicherweise knapp unterhalb der 20 €-Grenze.

Mit einer kleinen Dose Mythos lasse ich den sehr gut ausgefüllten Tag auf dem Hotelbalkon Revue passieren. Das Thermometer an der Imbissbude nebenan zeigt 26°C.

Kérkyra


Lefkímmi


Kap Asprókavos / Arkoudílas


Kérkyra