Zu den Bildern

Bereits am ersten Tag habe ich die Tickets für einen Ganztagesausflug nach Albanien gebucht. Das Land interessiert mich schon länger, die archäologische Stätte von Butrint hat Weltruf und von Korfu aus ist Albanien näher als Griechenland. Heute ist es also soweit.

Glück ist, was passiert, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft.
(Seneca)

Der Treffpunkt der Ausflugsgruppe ist das Zollgebäude im internationalen Teil des Hafens. Die Intensität der Zollkontrolle hängt von der Nationalität des Reisenden ab. Mit meinem deutschen Pass kann ich unbeachtet durchgehen. Genau wie auf einem Flughafen werden wir mit einem Bus zum Einsteigen gefahren. Uns erwartet eine Schnellfähre der "Flying Dolphins". Die kleinen Fähren wirken neben den sonst hier liegenden Schiffen zierlich wie Rettungsboote.

Obwohl Albanien an der schmalsten Stelle des Meeres nur drei Kilometer von Korfu entfernt liegt, beträgt die Entfernung zwischen den Häfen von Kérkyra und Saranda 30 Kilometer. Dank der Tragflügel-Technik schaffen die fliegenden Delphine die Strecke in einer halben Stunde. Im Innenraum wirken die Boote wie Flugzeuge, sogar die "Fasten seat belts"-Schilder an den Rückenlehnen der Vordersitze fehlen nicht, obwohl überhaupt keine Gurte vorhanden sind. In der Kabine ist es stickig und warm und auch wenn der Aufenthalt im Außenbereich während der Fahrt offiziell verboten ist, sieht das hier niemand so eng. Neben merklich besserer Luft hat man dort viel schönere Sicht und deutlich mehr Spaß.

Bei Kaiserwetter erreichen wir den Hafen von Saranda. Eine Einreise-Zoll- oder Passkontrolle fehlt vollständig, auch ansonsten stellt sich in dem unbekanntesten Land Europas keinerlei fremdartiges Gefühl ein. Die Geschäfte nehmen ausnahmslos und gerne Euro entgegen, die Autos sind im Durchschnitt genauso modern, wie überall sonst und die Tatsache, dass der Pantokrátor von hier aus näher ist als von Kérkyra, trägt auch nicht gerade zum Auswärts-Gefühl bei. Nach einer kurzen Rast geht es im Reisebus zum ersten Tagespunkt, der archäologischen Stätte von Butrint.

Auf dem Weg dorthin fällt mir vor allem die enorme Bautätigkeit überall im Land auf. Am Stadtrand von Saranda sind bereits zahlreiche neue Hotels zu sehen und auch in der Stadt Ksamil sieht man Baustellen in sehr großer Zahl. Es ist offensichtlich, dass die Entwicklung des Tourismus als wirtschaftlicher Wachstumstreiber in Albanien oberste Priorität hat. Unsere knapp 70-köpfige Reisegruppe (ich bin der einzige Deutsche) wird von zwei Albanierinnen geführt und man kann wählen, ob man sich lieber der russisch- oder der englischsprachigen Führung anschließt.

Die Stadt Butrint wurde ungefähr 1000 Jahre vor unserer Zeitrechnung von Griechen gegründet, erreichte aber erst in römischer Zeit ihre größte Bedeutung. Später hinterließen Byzantiner, Venezianer und Osmanen ihre Spuren. Die Siedlung befindet sich auf einer Halbinsel, die den flachen und fischreichen Butrintsee vom Vivar-Kanal trennt, einer natürlichen Wasserstraße, die durch die lagunenartige Landschaft führt.

Unsere Führerin Larissa spricht hervorragendes Englisch und weiß uns mit interessanten Informationen zu fesseln. An den architektonischen Eigenarten lässt sich die Abfolge zweieinhalbtausendjähriger Besiedlung gut erkennen. Durch eine Absenkung der Halbinsel liegt das ursprüngliche Straßenniveau heute bis zu einem halben Meter unter Wasser, was entsprechende neue Bewohner anlockt. Neben archäologischen "Standards" wie dem Odeon oder den römischen Thermen gibt es viele spannende Details zu entdecken: Die Maskenreliefs im Theater zum Beispiel, oder das Baptisterium, dessen phantastischer Mosaikboden zum Schutz vor Beschädigung wieder vollständig mit Sand bedeckt wurde.

Ich hüte mich, meine Freude zu zeigen. Sie würden mich nicht verstehen. Hier ist alles so alt.
(Erhart Kästner)

Da das Stadtgebiet heutzutage unter Bäumen liegt, ist fast überall reichlich Schatten gegeben, was die 100-minütige Führung zu einem angenehmen Spaziergang werden lässt. Wir sehen die sehr gut erhaltene frühchristliche Basilika, ein Nymphäum, die mächtige hellenistische Stadtmauer mit engen, gut zu verteidigenden Toren und hören unterhaltsame Episoden, wie die vom "Löwentor". Das Relief auf dem Türsturz zeigt einen Löwen, der einen Stier besiegt hat. Der Löwe sollte die Bewohner der Stadt symbolisieren und der Stier ihre Feinde. Der Tordurchgang wurde nachträglich auf halbe Höhe, also auf 1,40 Meter reduziert, sodass Besucher sich demütig bücken mussten, um die Stadt zu betreten.

Auf dem höchsten Punkt der Halbinsel liegt ein venezianisches Kastell, von dem man die umgebenden Wasserwege und die Meerenge von Korfu hervorragend überwachen konnte. Heute befindet sich hier ein kleines Museum. Die gesamte archäologische Anlage ist hervorragend beschildert, wunderschön, interessant, zählt zu Recht zum UNESCO Weltkulturerbe und ist eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten im "Land des Adlers", wie Albanien (Shqipëria) in der eigenen Sprache benannt ist.

Zum Mittagessen werden wir nach Saranda zurück kutschiert und lassen uns dort auf der Terrasse eines Restaurants nieder, von der aus man einen schönen Blick auf die Stadt hat. Im Ausflugspreis ist ein landesübliches Buffet enthalten, das sich in seinen Gerichten nicht von typisch griechischen Speisen unterscheidet. Es gibt griechischen Salat, Tirópita, Tsatsíki, Oliven, Reis, gebratene Kartoffelachtel, Fleischbällchen und kleine Schweineschnitzel. Dazu bestelle ich ein Tirana-Bier, welches nach dem langen Vormittag von meinem Körper mit Freude aufgenommen wird. Auf der Terrasse könnte ich es mit einem zweiten Bier längere Zeit aushalten, aber die Tour geht weiter.

Am Nachmittag besuchen wir einen Nationalpark in den Bergen, 30 km nördlich von Saranda. Hier liegt die "Syri i Kaltër" oder "Blue Eye"-Quelle, die in Albanien sehr bekannt ist, weil sie zu Zeiten der kommunistischen Diktatur ein beliebter Sommeraufenthaltsort der Parteiführung war.

Die Fahrt dorthin führt durch eine schöne, großenteils naturbelassene Mittelgebirgslandschaft. Auf den letzten Kilometern ist die Straße so schmal, kurvig, löchrig und abschüssig, dass ich mit meinem Kleinwagen Skrupel gehabt hätte, hier zu fahren. Ich bewundere den Busfahrer, der das riesige Gefährt mit sicherer Hand führt. Trotz der nicht einfachen Anfahrt sind wir alles andere als alleine. Ganz im Gegenteil: Der Park ist von Besuchern, allen voran Schulklassen, geradezu überlaufen.

Dessen ungeachtet ist es sehr schön: Überall plätschern Bachläufe, die ganze Gegend erstrahlt in frischem, saftigem Grün und große Blauflügel-Libellen setzen blau glitzernde Kontrastpunkte. Im Park gibt es insgesamt 18 Quellen, von denen die "Blue Eye" mit fast 7 m³/s die wasserreichste ist. Das kühle Nass quillt von unten in einen kleinen Teich, was ihr den Namen gegeben hat, denn die weiß-blauen Lichtspiele erinnern tatsächlich ein wenig an ein Auge. Die Bäche und Flüsschen laden mit ihrem kristallklaren Wasser zum Hineinspringen ein (was nicht verboten ist), aber bei einer Wassertemperatur, die ganzjährig 12°C nicht übersteigt, können sich die meisten beherrschen. Wenn ich nicht in den letzten Jahren im Épirus den Voidomátis entdeckt hätte, müsste ich sagen, solche Farben im Leben noch nicht gesehen zu haben. So jedoch erkenne ich die Gemeinsamkeiten dieser Landschaften, die, geologisch gesehen, unmittelbare Nachbarn sind.

Er erzählt mir nichts darüber, [er] war zu weise, um Worte zu verschwenden; vielleicht begriff er auch, wie unmöglich es war, diesem Anblick gerecht zu werden.
(Lawrence Durrell)

Zurück in Saranda haben wir eine Stunde Zeit zur freien Verfügung, die ich mit einem Stadtbummel ausfülle. Die neue, nicht ganz fertige Promenade verleiht der Stadt ein einladendes Gesicht, aber der Spaziergang dort wird durch unangenehm aufdringlich bettelnde Kinder ("One Euro, manschare!") ein wenig verdorben. Ich möchte nicht bezweifeln, dass sie armen Verhältnissen entstammen, aber vom gesamten Erscheinungsbild wirken sie bei Weitem nicht so, dass ich ihrem fordernden Betteln Glauben schenke.

Am Ende der Promenade entdecke ich eine kreative Idee, die mich begeistert: Mit minimalen finanziellen Mitteln hat man hier ein Schwimmbad mit acht 50-Meter-Bahnen geschaffen, indem man lediglich zwei entsprechend entfernte Molen mit Startblöcken bestückt hat. Als am späten Nachmittag der Ruf des Muezzins die Stadt durchdringt, bin ich überrascht. Das Stadtbild wirkt so westlich, dass man den knapp 60%igen muslimischen Bevölkerungsanteil fast vergisst. Der überall willkommene Euro und die extrem europäisch gestalteten Nummernschilder (auf denen lediglich der EU-Sternenkreis fehlt) tun das ihrige dazu.

Auf der Rückfahrt entfallen die Zollkontrollen vollständig. Da ich jetzt weiß, dass der beste Platz am Heck der Schnellfähre ist, verbringe ich die gesamte Überfahrt dort. Das dröhnende Röhren des Motors, der Fahrtwind, die Gischt... hier spürt man die hohe Geschwindigkeit mit allen Sinnen und ich genieße die Überfahrt noch mehr als am Morgen. Kurz vor der Einfahrt in den Hafen von Kérkyra kommt es beinahe zu einer Kollision mit einem Angler, die nur durch eine Notbremsung der Fähre verhindert wird. Beeindruckend, welche Bremsleistung auf dem Wasser möglich ist!

Zum Abend erinnere ich mich an die unerledigte Sache mit dem Kokorétsi. In Gedenken an Véria verlagere ich meine Suche in die nicht touristischen Bereiche der Innenstadt, die ich von meinem Hotel aus mühelos erreiche, indem ich an der Neuen Festung entlang gehe. Und das Glück ist mir heute Abend hold: Unmittelbar am San-Rocco-Platz finde ich ein Restaurant, das außen Tische und innen einen Holzkohlengrill aufweist. Und an Letzterem dreht sich unverkennbar ein Kokorétsi-Spieß! Eine Portion davon, frisch und saftig direkt vom Grill: Da hört man das Schaf noch schreien. Mit einem Tsatsíki und einem Bier ist das Glück perfekt! Dass man hier am zentralen Platz der einzige Ausländer im Restaurant ist, konnte man in Kérkyra wirklich nicht erwarten. Da ich an solchen Plätzen gerne sitze, bleibe ich länger und gönne mir ein zweites Heineken. Beim Begleichen der Rechnung über knapp 19 € lasse ich mir vom Chef erklären, dass es Kokorétsi auch hier nicht jeden Tag gibt, das nächste Mal voraussichtlich Montag oder Dienstag. Ich merke es mir vor.

Zurück im Hotel genieße ich auf dem Balkon den Blick über den Hafen mit seinem lebhaften Treiben. Es ist noch immer 24°C warm - seit meiner Ankunft war jeder Abend ein Grad wärmer als der vorherige. Die erste Hälfte des Urlaubs war ohne Einschränkung perfekt!

Fähre nach Albanien


Saranda


Butrint


Saranda


Syri i Kaltër


Saranda


Kérkyra