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Wieder beginne ich den Tag mit einem Einkauf von Proviant, wozu ich jedoch diesmal nicht den Markt, sondern einen nahe gelegenen Supermarkt aufsuche. Als angenehmen Nebeneffekt bekomme ich hier viele Ideen, welche lokalen Spezialitäten ich später als Erinnerung mit nach Hause nehmen kann. Dann fahre ich wieder nach Norden aus der Stadt hinaus, wende mich aber kurze Zeit später in Richtung Paleokastrítsa an der gegenüberliegenden Westküste. Die Landschaft ist hier besonders schön, zahlreiche steile Felsen und bewaldete Klippen wechseln sich mit Bade- und Hafenbuchten ab, was natürlich jede Menge internationale Besucher anlockt. Und genau diese Menge ist mir vor dem Frühstück zuviel. So fahre ich zwar bis zum Ende der Hauptstraße nach Paleokastrítsa, kehre aber sofort wieder um und zweige auf die Nebenstrecke in Richtung Lákones ab. Der engen und zunehmend kurvigen Bergstraße folge ich bis kurz vor Angelókastro, wo ich an einem abseits gelegenen Hang mit Blick auf die gleichnamige Burg endlich mein Frühstück zu mir nehme.

Die Burg von Angelókastro ist in ihrer über 1000-jährigen Geschichte niemals erobert worden. Das wundert nicht angesichts der Tatsache, dass sie auf einem steilen Felsen erbaut wurde, der nur über einen einzigen mühevoll schmalen Treppenaufstieg erklommen werden kann. Natürlich war sie strategisch von hervorragender Bedeutung, sonst hätte sich wohl niemand die Mühe gemacht, eine Festung in dieser Lage zu errichten. Schließlich ließ sich von hier aus die südliche Adria bestmöglich kontrollieren. Wenn auch in heutiger Zeit dieser Aspekt keine Bedeutung mehr hat, so ist doch die Aussicht, die man nach dem Aufstieg zur Burg erleben kann, erschlagend schön. Die ganze phantastische Küstenlandschaft um Paleokastrítsa liegt einem zu Füßen und auf der Süd- und Westseite geht der Blick über den fast senkrecht abfallenden Felsen in die Weite des Meeres. Wenn nur der Wind etwas weniger grimmig wehen würde, könnte man hier stundenlang sitzen bleiben.

Die Küste war von einem zerstreuten Gott müßig und ziellos mit der Laubsäge ausgeschnitten worden.
(Lawrence Durrell)

Das Innere der Anlage ist ein unrestauriertes Ruinenfeld, lediglich die Kirche am höchsten Punkt der Festung wurde wiedererrichtet. Das interessanteste Detail ist für mich jedoch die Höhlenkapelle, die über eine nicht unmittelbar zu findende Treppe am Rand der äußeren Mauer zugänglich ist. Tief im gewachsenen Felsen finden sich in der Altarnische der zweiräumigen Kapelle Reste eines alten Freskos.

Auf dem Rückweg mache ich in einem Café am Ortseingang von Lákones eine Pause. In den gemütlichen Sesselchen auf der Panoramaterrasse sitzt es sich äußerst angenehm und bei einem Kafé frappé kann ich hervorragend den weiteren Verlauf des Tages planen.

Als Resultat meiner Planung fahre ich weiter in nordwestlicher Richtung und erreiche gegen Mittag die Küste bei Ágios Geórgios. Der mehrere Kilometer lange Strand dieser Bucht ist feinsandig, breit und geht flach ins Wasser - ein perfekter Familienstrand und dementsprechend zu dieser Jahreszeit kaum frequentiert. Da er aber absolut schattenlos ist, scheint er mir beim aktuellen Sonnenstand nicht die richtige Wahl zu sein, sodass ich weiter in den Nachbarort fahre. Afiónas liegt hoch auf einem Felsen, der als Halbinsel weitere zwei Kilometer ins Meer hinein reicht. Vom Ortsende aus ist ein Weg zum Timoni-Strand ausgewiesen, den ich mir als Ziel ausgesucht habe. Der Weg ist nicht mehr als ein Eselspfad, der durch meterhohe, stachelige Phrygana führt und eine nicht unerhebliche Trittsicherheit erfordert. Ein entgegenkommendes Paar bestätigt mir, auf dem richtigen Weg und zu einem lohnenswerten Ziel unterwegs zu sein. Der Pfad erinnert mich an Fakístra, und diese Erinnerung erweitert sich zu einem wahren Déjà-vu, als nach der Umrundung eines Felsens plötzlich der Blick auf den Strand frei wird.

Nicht die Anzahl der Atemzüge machen das Leben aus,
sondern die Momente, die uns den Atem nehmen.
(N. N.)

Gigantisch! Anders lässt sich der Anblick nicht beschreiben. Zwei Buchten nähern sich an dieser Stelle auf wenige Meter einander an und bilden so einen Zwillingsstrand. Grüne Hügel, cremeweißer Strand, makellos blauer Himmel und türkisfarbenes Meer - der Anblick ist überwältigend. An diesem Punkt schöpft der Körper frische Kraft und schafft die verbleibenden Meter des Abstiegs ohne Probleme. Kurz vor dem Ziel werde ich Zeuge griechischer Geschäftstüchtigkeit: Wer nach dem Abstieg und einem entspannenden Badeaufenthalt keine Lust oder Kraft für den Rückweg hat, kann telefonisch ein Taxiboot anfordern. Da hier an der Westküste Deutsche die Mehrheit der Gäste stellen, hat man sich unserer Sprache - fast fehlerfrei - bedient.

Am Ziel angekommen kann man wählen, welcher Strand den eigenen Bedürfnissen mehr entgegenkommt. Da das Schattenangebot an beiden Stränden gleich bescheiden ist, gibt der kräftig aus Westen wehende Wind den Ausschlag, dass ich mich für den Östlichen entscheide. Der Strand ist kiesig, geht aber zum Wasser in Sand über - eine angenehme Kombination, die ich mit einem Dutzend weiterer Besucher teile, allesamt Deutsche. Angesichts des nicht gerade komfortablen Hinwegs überrascht mich die Anzahl.

Das Wasser ist herrlich, die Sonne intensiv, der Lichtschutzfaktor hoch. Nach zwei Stunden Badeaufenthalt mache ich mich auf den Rückweg. Dieser ist erwartungsgemäß heiß, steil, steinig und dornig, aber Rückblicke auf den Strand und die immer wieder wunderschöne Aussicht lassen die Strapaze erträglich werden. Am Beginn des Ortes, am Ausgangspunkt des Weges, belohne ich mich mit einem Besuch des dortigen Restaurants und regeneriere meine Kräfte mittels eines Auberginensalats und eines Heineken-Bieres. Der Blick von der Panoramaterrasse tut sein Übriges: Steil unter mir liegt die Bucht von Ágios Geórgios, und nach Nordwesten reicht der Blick über die Insel hinaus bis zu den Bergen Albaniens.

In solchen Zeiten - ja - hatte ich zu schaffen, damit das unendliche Blau so zärtlich würde!
Und als ich das Gesicht drehte mitten im Licht, ihm gegenüber, starrte es mich an. Gnadenlos!
(Odysseas Elytis)

Anschließend bummele ich durch den kleinen Ort, der sehr gepflegt ist und mich zuweilen an ein Kykladendorf erinnert. Alle Arten von Blumen wachsen in den kleinen Gärten, von Rosen bis zu Kakteen. Vom gegenüberliegenden Ortsrand blickt man weit über das Meer bis zu den Diapóntischen Inseln. Die Rückfahrt nach Kérkyra geht, ähnlich wie am Vortag, durch ausgedehnte Olivenwälder und bietet einige abenteuerlich enge Ortsdurchquerungen. Ich mag solche Fahrten...

Am Abend packt mich der Fleischhunger. Am ersten Abend habe ich auf der Tafel einer Taverne Kokorétsi gelesen und seitdem verfolgt mich der Gedanke daran. Nach kurzer Suche finde ich die Taverne wieder, aber man erklärt mir, dass sie um diese Jahreszeit kein Kokorétsi anbieten könnten. Die genauere Erklärung, die ich infolge des mangelhaften Englisch des Kellners nur teilweise verstehe, scheint mir nicht plausibel, aber das ändert nichts am Ergebnis, dass es heute hier keine am Spieß gegrillten Lamminnereien gibt. Da mir der große Holzkohlengrill jedoch einladend erscheint, bleibe ich dennoch hier und nehme als Alternative Kontosoúvli. Mit einem Tsatsíki und einem Mythos-Bier ist das eine klassische Kombination und außerdem bietet der "große Bruder des Souvláki" nach meiner Erfahrung immer ausreichend Fleisch. Darüber hinaus sitzt man bei dem herrlichen Abendwetter in dem Pavillion am alten Hafen sehr schön. Tatsächlich ist das Essen gut gewürzt und gegrillt, sodass meine Erwartungen erfüllt sind. Nach Begleichen der Rechnung über gut 16 € und einem kleinen Stadtbummel lasse ich den Abend auf dem Hotelbalkon langsam ausklingen.

Aber trotzdem: Die Sache mit dem Kokorétsi bleibt offen...

Paleokastrítsa


Angelókastro


Ágios Geórgios


Timoni-Strand


Ágios Geórgios


Afiónas