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Der morgendliche Blick aus dem Hotelzimmer offenbart perfektes Wetter. Wo gestern Abend noch ein gigantisches AIDA-Kreuzfahrtschiff vor Anker lag, liegt nun ein kleineres. Weitere Fähren, die Korfu mit Italien und den anderen ionischen Inseln verbinden, ergänzen das Bild. Zunächst gehe ich auf den Markt, um mich mit frischem Obst einzudecken, dann steige ich in den Wagen und fahre wenige Kilometer die Küste entlang nach Norden bis Gouviá. Die kleine Siedlung ist heute ein reiner Badeort, vor 300 Jahren war das noch anders. Aus dieser Zeit stammen die Ruinen einer venezianischen Werft, die nur auf den ersten Blick wie ein moderner Betonbunker wirken. Die Wiese, auf der sich die photogenen Rundbögen befinden, grenzt direkt an den Strand, der um diese Uhrzeit fast menschenleer ist und sich somit für ein gemütliches Frühstück anbietet.

Ich fahre weiter an der Ostküste entlang, die in ihrer gesamten Länge vollständig touristisch erschlossen ist. Bei Ípsos führt die Uferstraße an einem langen Sandstrand entlang und wird von einer Palmenreihe gesäumt, was malerisch mit den sich dahinter erhebenden waldbedeckten Bergen kontrastiert. Danach führt die Straße immer kurvenreicher etwas höher in die Berge, entfernt sich aber nie wirklich weit von der Küste, was immer wieder die Gelegenheit für schöne Blicke eröffnet.

Schneller als erwartet erreiche ich mein nächstes Ziel: Der Ort Kassiópi an der Nordostküste ist ein Bilderbuch-Städtchen, das sich malerisch um seine Hafenbucht schmiegt und von einer venezianischen Burgruine beherrscht wird. Bei diesem Anblick muss ich nicht lange nachdenken, setze mich in ein Ufercafé und lasse zunächst bei einer Tasse heißer Schokolade die Seele baumeln. Das Wetter ist ein Traum. Vor mir liegt die Bucht mit bunten Fischerbooten, gegenüber die alte Burg, zu meiner Linken erhebt sich der Pantokrátor, der höchste Berg der Insel. Und zu meiner Rechten erstrecken sich die mächtigen Berge der albanischen Alpen so weit das Auge reicht. Mehr kann man nicht erwarten!

Wenn dies alles wäre, wäre es genug.
(Lawrence Durrell)

Nach diesem entspannten Tagesstart mache ich einen Spaziergang um die Halbinsel, die sich nördlich des Ortes ins Meer schiebt. Die Luft duftet nach Rosen, Ginster und Feigenbäumen. Wo die Bebauung endet, beginnt eine Abfolge kleinerer Buchten und Strände, die paradiesisch ins Blau der Adria greifen. Auf den Hügeln wachsen Oliven und andere Bäume, dazwischen bedecken wilde Minze und Stacheliger Bärenklau den karstigen Boden. Es gefällt mir hier so gut, dass ich mich spontan entscheide, später zum Baden hierher zurückzukehren.

Zunächst setze ich jedoch die Umrundung der Halbinsel fort, was nicht viel Zeit benötigt. Dann gehe ich zur Burg hoch, um von dort die Aussicht auf die Bucht zu genießen. Durch die kürzlich renovierten mächtigen Außenmauern gelange ich ins Innere, das mit seiner wuchernden Macchie und alten Olivenbäumen einem verwilderten Garten Gethsemane gleicht. Erst nach einiger Zeit finde ich den Zugang auf die Mauern, von denen ich einen schönen Blick auf den Ort werfen kann.

Ich kehre an den Kanoni-Strand zurück, wo es Sonnenliegen zu mieten gibt. Nach einem Sprung ins erfrischende, aber nicht unangenehm kalte Wasser kann ich hier eine wunderbare Mittagspause im Schatten eines Olivenbaums verbringen.

Das Meer ist, von einer Klippe aus betrachtet, platonisch in seiner Art, azur, chromgrün oder wie ein Türkis, Smaragd oder Lapislazuli zu schillern.
(Louis de Bernières)

Auf diese Weise gut erholt steuere ich mein nächstes Ziel an: den Pantokrátor, mit gut 900 Metern Korfus höchsten Berg. Dazu folge ich der Küstenstraße bis Acharávi, einem sehr zersiedelten Badeort, der mir beim Durchfahren gar nicht gefällt und zweige dann nach Süden ab. Die Nebenstrecke ins Gebirge, die im Reiseführer als "betörend wild" charakterisiert wird, schürt natürlich meine Erwartungen. Und ich werde nicht enttäuscht: Auf meiner eigenen Bewertungsskala erreicht die Straße neun von zehn möglichen Punkten, aber Anfänger sollten sich erst nach einiger Übung an diesen Fahrspaß herantrauen. Einen Zusatzpunkt vergebe ich für die Tatsache, dass ich 50 Meter zurücksetzen muss, als ein Linienbus entgegenkommt - und das auf freier Strecke und nicht mal innerhalb einer Ortsdurchfahrt!

Die Straße verläuft über weite Strecken durch Olivenwälder, oder besser gesagt, durch Haine, denn nirgendwo sind sie verwildert oder vernachlässigt. Gleichzeitig verläuft sie ungefähr entlang der Wachstumsgrenze dieser Bäume, und dementsprechend wandelt sich das Landschaftsbild, kaum dass ich hinter Sgourádes die Route zum Gipfel einschlage. Zunächst dominiert noch mannshohe Macchie, aber bald werden die karstigen Felsen nur noch von Gras und zahlreichen Wildblumen bedeckt. Besonders das leuchtend gelbe Strauchige Brandkraut und der weiße Venuskamm gedeiht hier üppig, aber auch viele weitere Arten, die ich nicht alle zuordnen kann.

Der Gipfel des Pantokrátors ist von moderner Technik in Beschlag genommen: Antennenanlagen, soweit man blickt! Zum Glück (und ungewöhnlich in Griechenland) sind die Anlagen nicht weiträumig abgesperrt, sondern man kann sich frei bewegen, sodass der Ausblick in alle Himmelsrichtungen ungehindert ist. Und alleine deswegen lohnt sich die Fahrt hier herauf. Im Osten liegt Albanien zum Greifen nah, man kann bis Saranda und Ksamil sehen. Nach Süden reicht der Blick weit über Kérkyra, bis er im Süden der Insel im Dunst verschwimmt.

Hat man sich nicht ringsum vom Meer umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff von Welt und seinem Verhältnis zur Welt.
(Johann W. von Goethe)

Auf dem Gipfel, welcher seit 300 Jahren von einem kleinen Kloster gekrönt wird, bietet sich mir ein grotesker Anblick: Aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grund war es offensichtlich wichtig, den mit Abstand größten aller Antennenmasten genau im Vorgarten des Klosters zu platzieren. Wäre es wenige Meter zur Seite nicht auch möglich gewesen? Zum Kloster gehört eine kleine Kirche, deren Wände und Decke über und über von wertvollen alten, aber schön restaurierten Fresken bedeckt sind. Es dauert einige Zeit bis sich das Auge an das Schummerlicht gewöhnt hat, denn außer einer funzeligen Glühbirne erhellt nur ein einziges Fenster im Altarbereich das Innere.

Neben dem Kloster befindet sich eine kleine Snack-Bar. Ich lasse mir ein großes Stück Baklava servieren - die aus Fett, Nüssen und Zucker bestehende Süßigkeit reicht aus, den Hunger bis zum Abendessen zu vertreiben. Trotz der exponierten Lage ist es erstaunlich wenig windig, was die Zeit hier oben auf der Panorama-Terrasse sehr angenehm vergehen lässt.

Der Rückweg führt über ungezählte Serpentinen an der steilen Südflanke des Berges hinab und so erreiche ich an der Bucht von Ípsos wieder das Meer. Von hier zum Hotel in Kérkyra ist es nur noch ein Katzensprung.

Am Abend wähle ich wieder ein Restaurant an der Uferstraße aus - wegen des frischen Winds allerdings ein Stück weit vom Wasser entfernt. Hier steht Bourdéto auf der Speisekarte, eine korfiotische Spezialität, für die Fischstücke (Drachenkopf, Glatthai oder Rochen) in einer leicht scharfen Tomatensoße geschmort werden. Auf Nachfrage erfahre ich, dass es heute Stechrochen ist. Passend dazu wähle ich als Vorspeise Domatokeftédes (frittierte Tomaten-Féta-Bällchen) und ein Mythos-Bier. Beide Speisen sind pikant, lecker und großzügig portioniert. Vor der Rechnung, die mir heute fast 19 € abfordert, wird ein Stück Schokoladen-Biskuit-Parfait serviert.

Satt, zufrieden, aber noch nicht müde spaziere ich zum Liston, das vom Restaurant nicht weit entfernt ist. Hier nehme ich unter den Arkaden direkt an der Promeniermeile Platz und beobachte die Volta, das abendliche Sehen-und-Gesehen-Werden, das in keiner griechischen Stadt fehlen darf. Der Oúzo-Preis von 4,50 € ist dem Renommee des Ortes anpasst. Trotzdem ist er jeden Cent wert, denn das tägliche Zelebrieren dieser "unerträglichen Leichtigkeit des Seins"... in dieser Perfektion können das nur die Griechen!

Es war der ideale Ort, um über die Eitelkeit alles Menschlichen nachzusinnen.
(Lawrence Durrell)

Kérkyra Hafen


Gouviá


Kalámi


Kassiópi


Pantokrátor


Kérkyra