Kórfu 03.06.2014

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Nachdem ich im vergangenen Jahr den äußersten Südosten des griechischen Einflussgebiets erkundet habe, habe ich mir in diesem Jahr das entgegenliegende Extrem, den äußersten Nordwesten vorgenommen. Über Korfu, das in der Landessprache "Kérkyra" genannt wird, heißt es:

Die Insel liegt wie eine schartige Sichel vor dem Festland. Auf der Landseite siehst du eine große Bucht, vornehm und ruhig und fast völlig von Land umschlossen. Im Norden berührt die Spitze der Sichel beinahe Albanien.
(Lawrence Durrell)

Sehr früh beginnt der Tag: Um 2:15 Uhr klingelt der Wecker und kurz nach drei Uhr betrete ich bereits den Flughafen Köln/Bonn. Im Boarding-Bereich registriere ich, dass mein eigenes Alter weit unterhalb des Durchschnitts der Passagiere liegt. Im Gegensatz zu den Flügen früherer Jahre sind so gut wie keine Griechen an Bord, sondern nur Touristen. Und diese entstammen vorsaison-typisch eher älteren Jahrgängen. Diese Beobachtung erinnert mich daran, dass Korfu das beliebteste Reiseziel Griechenlands ist. Auf jeden Einwohner kommen pro Jahr knapp 20 Touristen.

An Bord angekommen folgt eine angenehme Überraschung: Germanwings will neuerdings sein Billigflieger-Image ablegen und bietet in den vorderen Reihen einen deutlich höheren Sitzabstand als früher. Ich habe fast so viel Beinfreiheit wie in einem ICE. Trotz meiner enormen Müdigkeit weiß ich das zu schätzen. Bei aufgehender Sonne hebt der Airbus A320 ab und überfliegt eine Stunde später die Alpen, während ein kleines Frühstück serviert wird. Weiter geht es an der kroatischen Küste entlang. Die Stadt Split ist sehr schön zu erkennen. Eine weitere Stunde später kommt Korfu in Sicht. Wir überfliegen die Insel, drehen eine Schleife, sodass ich die ganzen Zeit über einen herrlichen Blick auf ihr makelloses Grün werfen kann und setzen dann zur Landung an. Die Tatsache, dass der Landeanflug nur wenige Meter neben dem touristischen Wahrzeichen Korfus entlang verläuft, erlaubt mir ein erstes Bild des kleinen Klosters Vlachérna in der tief stehenden, gleißenden Morgensonne.

Gemessen an der Anzahl der Besucher ist der Flughafen winzig. Innerhalb von zehn Minuten landen drei Maschinen aus Deutschland, was jedoch zu keinerlei Verwirrung führt - alles ist sehr gut organisiert. Eine gute halbe Stunde später nehme ich bereits mein Auto für die nächste Woche in Empfang, einen knallroten Suzuki Alto.

(Anmerkung des Verfassers: Zur Unterscheidung von Insel und Hauptstadt werde ich im Folgenden "Korfu" verwenden, wenn die Insel gemeint ist, während "Kérkyra" die Inselhauptstadt meint.)

Rein von der Entfernung her hätte ich zu Fuß zum Hotel gehen können, so nahe liegt der Flughafen an (oder besser in) der Stadt. Mit dem Auto mache ich ein paar unfreiwillige Umwege und parke wenige Minuten später vor einem der Tore der Neuen Festung. Dort werde ich direkt von einem venezianischen Markuslöwen begrüßt. Erwartungsgemäß ist es zu früh, um das Hotelzimmer beziehen zu können, also starte ich zunächst mit einem Spaziergang. Vorher gönne ich mir eine Spanakópita und auf einem netten Platz unterhalb der Neuen Festung den ersten Kafé frappé. Um Punkt zehn Uhr bemerke ich zu meinem Entzücken, wie das perfekte Urlaubsgefühl bereits einsetzt. So sollte jeder Tag beginnen!

Ich gestattete meinem Geist nicht, diese sinnliche Wonne für sich mit Beschlag zu belegen, sie in seine Formen zu pressen und aus ihnen Gedanken zu machen. Ich spürte am ganzen Leib vom Scheitel bis zur Sohle ein tierhaftes Wohlsein.
(Nikos Kazantzakis)

Auf der entgegengesetzten Seite der Festung findet jeden Werktag ein Markt statt. Er ist zwar nicht groß, aber einen Besuch wert, da er keinerlei touristische Prägung aufweist. Am Eingang befindet sich ein Blumen- und Pflanzenstand, ansonsten wird angeboten, was Land und Meer hergeben: Obst, Gemüse, Oliven sowie Fische und Meeresfrüchte. In der Mitte befindet sich eine kleine Bar, von der aus die Aussteller mit Kaffee und Wasser versorgt werden. Ein wunderbar ursprünglicher und lebendiger Markt!

Dieses Gefühl von pulsierendem Leben begleitet mich beim weiteren Bummel durch die Straßen. Hat es hier überhaupt so etwas wie eine Krise gegeben? Ich sehe kein einziges leer stehendes Ladenlokal, die Cafés sind gut besucht, eine Atmosphäre entspannter Geschäftigkeit liegt in der Luft. Und die Stadt ist schön, was für eine seltene Erfahrung in Griechenland! Die alten Viertel erinnern mich stark an Venedig, die neuen an Thessaloníki. Einige große Straßen sind von alten Alleebäumen gesäumt und überall leuchtet das verschwenderische Farbenspiel üppiger Bougainvilleen und blühender Paternosterbäume.

Im alten Stadtzentrum sind die schmalen Gassen mit Marmor gepflastert und über weite Strecken beidseitig von Arkadengängen gesäumt. Selbst in abseitig gelegenen Gassen überkommt einen das Gefühl, in Italien zu sein: Vespa-Roller stehen vor den Häusern und die Wäsche trocknet quer über die Straße gespannt.

Korfu: Nicht mehr Venedig - und noch nicht Griechenland.
(Barbara Dickenberger)

Zum Meer hin wird die Altstadt von einem äußerst repräsentativen Ensemble begrenzt: Die "Esplanade", eine breite, mit Marmor gepflasterte Straße trennt die lange Arkadenfassade des "Liston" von der "Spianada", einer gepflegten Grünanlage, die Stadtpark und Kricketplatz zugleich ist. Ich beginne zu verstehen, warum Kérkyra als schönste Stadt Griechenlands gilt.

Inzwischen ist die Zeit weit genug vorangeschritten, um mein Hotelzimmer zu beziehen. Während ich dort die Mittagsruhe halte beginnt der Himmel sich zu bewölken und es wird schwül. Ich bummele gemächlich an den Hafenanlagen entlang bis zur Alten Festung. Während die Wolken immer dunkler werden, begebe mich in das unüberschaubare Labyrinth der Altstadtgassen. Sich hier zu verlaufen ist keine Schande! Unter dem gemütlichen Vordach einer Taverne erfrische ich mich mit einem kalten Mythos-Bier, während ein leichtes Tröpfeln einsetzt. Regen - wie vorhergesagt - kann man das nicht nennen. Nach einer halben Stunde ist es wieder trocken.

Auf dem Rückweg zum Hotel komme ich an der Ruine der Kirche Agía Ekateríni vorbei und mache noch einen Abstecher zum spirituellen Zentrum der Stadt: Zur Kirche Ágios Spyrídon, in der die sterblichen Überreste des gleichnamigen Inselpatrons in einem silbernen Sarkophag ausgestellt werden. Schlange stehende Gläubige beweisen die ungebrochene Anziehungskraft solcher Reliquien.

Nach dem langen und gut ausgefüllten Tag bin ich abends zu müde, um viel zu suchen und so beehre ich eine einladend aussehende Taverne am alten Hafen. Nach dem "Regen" frischt die Luft auf und der Himmel wird langsam wieder klar. Trotzdem ist die Temperatur angenehm genug, um draußen zu sitzen. Ich bestelle eine gemischte Vorspeisenplatte und - trotz der Warnung des Wirts ("It's not so small") - zusätzlich eine Portion frittierte Sardellen. Die Warnung verstehe ich erst, als die Platte geliefert wird: Mit Käseteigtaschen, Fleischbällchen, Gyros, Brot mit Galotíri, Tsatsíki, Pommes und frittierten Zucchinischeiben ist die Vorspeisenplatte eine ausgewachsene Hauptmahlzeit. Und die Portion Sardellen ist mit mehr als zwei Dutzend ebenfalls nicht klein bemessen. Was für ein Abendessen! Zusammen mit einem Mythos-Bier zahle ich 18,50 € - einen wundervollen Sonnenuntergang gibt es gratis dazu. Nach der Rückkehr ins Hotel lasse ich den Tag eine Zigarre lang Revue passieren und falle schließlich satt und todmüde ins Bett.

Am Ende des Frühlingstags
verweilt dort, wo Wasser ist
noch das Abendlicht.
(Kobayashi Issa, 1763 - 1828)

Anflug:


Kérkyra:


Auf dem Markt:


Kérkyra - Innenstadt:


Am Abend: