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Eine graue Wolkendecke liegt wie ein Leichentuch über dem Land und - ja, ich muss es zugeben - dies beeinträchtigt meine Stimmung. Mit einem ofenfrischen Schokocroissant setze ich mich zunächst auf meine Loggia, schaue in den beginnenden warmen Regen und überlege mir, wie ich den gerade erst gestern ausgearbeiteten Tourplan an die aktuelle Wettersituation anpassen kann.

Ursprünglich hatte ich vor, die Mumie des heiligen Ioannis tou Rossou erst bei meiner Rückfahrt am Sonntag anlässlich der jährlichen Gedächtnisfeier in der Kirche von Prokópi zu besichtigen. Angesichts der gestern schon bemerkenswerten Anzahl von Pilgern kommen mir allerdings Zweifel, ob ich das nicht lieber schon heute in Ruhe erledige. So ist es entschieden: Ich fahre zunächst nach Prokópi. Während der Fahrt entwickelt sich der Regen zu einem wahren Wolkenbruch, die wandernden Pilger sind ausnahmslos bis auf die Haut durchnässt, was ihrer guten Stimmung aber nicht abträglich ist. Diejenigen, die den Ort schon erreicht haben, müssen zumindest nicht darben: Die Anzahl an Cafés, Tavernen und Souvenirgeschäften kann mit Delphi oder Olympia ohne Weiteres mithalten - der Ort scheint von seinem Heiligen gut leben zu können.

Als ich die Pfarrkirche erreiche, geht eben ein Gottesdienst zu Ende, zahlreiche Menschen verlassen gerade die nach reichlich Weihrauch duftende Kirche. Das Erste, was mir auffällt, ist die prächtig verzierte Altarwand aus weißem Marmor, durch die der Innenraum trotz der kleinen Fenster ungewöhnlich hell wirkt. An der Seite befindet sich die hoch verehrte Reliquie: In einem silbernen Schrein ruhen die mumifizierten Überreste des Heiligen, die sichtbaren Körperteile pietätvoll mit goldenen Masken bedeckt. Die Leute zeigen ihren Glauben in vielfältiger Weise: Der Schrein wird gestreichelt, geküsst und tausendfach bekreuzigt, manche schreiben ihre Bitten auf bereitliegende Zettel und reiben mit diesen über die Glasscheibe. Ein junges, russisch sprechendes Pärchen kniet beinahe eine halbe Stunde reglos im Gebet vertieft vor dem Heiligen. Die Andacht der Menschen ist fast mit Händen greifbar.

Was nützt es dem Menschen, wenn er schnell vorankommt, seine Seele aber auf der Strecke bleibt.
(Petrus Ceelen)

In der Nähe der Stadt sind zwei botanische Raritäten zu bewundern. Die Erste ist eine "siamesische" Zwillingsplatane, zwei Bäume, die sich einen gemeinsamen Ast teilen. Sie steht am Ortsausgang, am Rande eines Campingplatzes und ist leicht zu finden. Anders die Zweite. Hierbei handelt es sich um eine der ältesten und größten Platanen Europas, nach griechischen Quellen sogar die Älteste und Größte. Einige Kilometer außerhalb des Ortes weist ein mit "Megalos Platanos" beschriftetes Schild in den Wald. Nach ein paar Metern kreuzt der Weg den Fluss Kireas, der mittels einer Furt durchquert werden muss. Während ich mir überlege, wie ich die Wassertiefe messen kann, um zu entscheiden, ob mein Wagen das schafft, kommt mir ein Waldarbeiter entgegen. Obwohl sein Pick-Up höher gelegt ist, reicht ihm das Wasser bis zum Schweller. Für meinen kleinen Franzosen bedeutet das ein unüberwindliches Hindernis.

Der seit dem Morgen andauernde Regen macht im Augenblick eine Pause. Barfuß und mit hoch gekrempelten Hosenbeinen durchwate ich den Fluss. Obwohl die Wassertiefe maximal 30 Zentimeter beträgt, habe ich Mühe, mich auf den Beinen zu halten, so stark ist die Strömung. Auf der anderen Seite führt der Pfad weiter in den Wald. Nach ungefähr einem Kilometer kommen mir Zweifel: Zu unsicher ist das Wetter, der Weg wird zunehmend schlammiger und ich habe keine Ahnung, wie weit das Ziel noch entfernt ist. Als an einer Weggabelung keine eindeutige Ausschilderung erkennbar ist, beschließe ich den Abbruch der Mission und kehre um. Keine Sekunde zu früh: Kaum bin ich am Auto angekommen, geht der nächste Wolkenbruch nieder.

Nach kurzer Fahrt erreiche ich Agía Ánna, wo ich eine Kaffeepause einlege, um die weitere Entwicklung des Wetters abzuwarten. Im Augenblick sieht es nicht gut aus. Der Besuch der der Nähe befindlichen Sehenswürdigkeiten wie der versteinerte Wald von Kerasiá oder die Niléas-Schlucht fällt also buchstäblich ins Wasser.

Ich hätte es gerne gesehen an jenem Tag. [...] Komme ich noch einmal im Leben dorthin, dann will ich gewiss danach spähen.
So bleibt mir ein Wunsch.
(Erhart Kästner)

Also setze ich die Fahrt bis an die Nordküste fort, wo das Wetter deutlich freundlicher ist. Die langen Strände an der Bucht bei Pefkí kommen mir komisch vor. Sie sind zwar sauber, wirken aber irgendwie unaufgeräumt und passen in ihrer Unprofessionalität überhaupt nicht zu den unzähligen Tavernen und Cafés an der kilometerlangen Promenade. Außerdem ist hier kein Mensch. Gut - es ist Mittagszeit und dann ist es überall ziemlich ruhig, aber hier ist wirklich kein Mensch, es wirkt wie das Filmset für "28 Days Later". Immerhin ist es trocken und warm, fast schon ein bisschen sonnig und in einer Taverne bekomme ich eine ordentliche Portion gebratener Fische und ein gut gekühltes Amstel-Bier. Und ich kann zum gegenüberliegenden Pílion hinüber grüßen, der zum Greifen nahe erscheint.

Wo Land und Wasser zusammentreffen. Wo Erde und Luft zusammentreffen. Wo Körper und Geist zusammentreffen.
Wir lieben es, auf jeweils einer der beiden Seiten zu stehen und die andere zu betrachten.
(Douglas Adams)

Um das Wechselgeld zu besorgen, muss der Wirt zuerst einmal mit dem Mofa wegfahren, irgendwie passt das ins Gesamtbild. Die ganze Küste zeichnet sich durch einen leicht gammeligen Charme aus, die Strände haben durchaus Potenzial, aber anscheinend gibt es kein größeres Interesse, einen professionelleren Tourismus zu etablieren. Obwohl Artemísio, der Fundort einer der bedeutendsten antiken Bronzestatuen, nur einen Steinwurf entfernt liegt, finde ich nicht mal ein Souvenirgeschäft, wo man eine Nachbildung dieses Kunstwerks erstehen könnte.

Für den Rückweg entscheide ich mich wieder gegen die Küstenstraße, sondern wähle zwischen Istiéa und Roviés die Nebenstrecke über das Gebirge. Diese Straße hat es wirklich in sich: Auf wenigen Kilometern sind sämtliche Gefahrensituationen, von denen man in der Fahrschule jemals gehört hat, vorhanden: Steinschlag, Bergrutsche, Randabbrüche, Engpässe, Schlamm, Tiere, starke Gefälle, Serpentinen, Querrinnen, es fehlt wirklich an nichts.

In Límni wird es zum Abend hin richtig schönes Wetter. Das verleitet mich zu einem langen Spaziergang zu den Stellen, die ich gestern schon vorgemerkt hatte. Auf dem Weg komme ich mit einem kontaktfreudigen Tintenfisch-Angler ins Gespräch, der hier die Ware an Land zieht, die man am nächsten Tag geschmort, gebraten oder gegrillt serviert bekommt. Er ist von der Ergiebigkeit dieser Jagdgründe sichtlich begeistert und präsentiert mir stolz und bereitwillig seinen reichen Fang (dessen größter Teil bereits in einer Plastikwanne verstaut ist).

Auch im Hinblick auf meine ursprüngliche Absicht ist der Spaziergang erfolgreich. Neben persönlichen Erinnerungsbildern bietet die abwechslungsreiche Uferstraße genügend Motive für schöne Bilder der von mir so geliebten Sonnenuntergänge.

Nach der Photosession habe ich richtig Appetit. Was passt da besser, als eine riesige Fleischportion: Kontosoúvli vom Schwein, zart und saftig und ein knoblauchgesättigter Tsatsíki. Wie wäre die Welt ärmer ohne Tsatsíki! Mit zusätzlichen Pommes und einem kalten Mythos wird das Abendessen abgerundet und dafür sind knapp 14 € ein Preis, der mich keineswegs unglücklich macht.

Prokópio:


Pefkí:


Límni: