Thrákien / Chalkídiki 25.05.2008

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Der Tag des Aufbruchs! Das finale Kofferpacken leitet eine gewisse melancholische Grundstimmung ein. Aber immerhin habe ich ja noch den ganzen Tag vor mir und das zentrale Bergland der Chalkidikí ist noch unentdeckt. Zuerst fahre ich nach Polígiros, der Verwaltungshauptstadt der Chalkidikí. Als erstes fällt mir auf, wie grün die Stadt ist. Überall Bäume, Büsche, kleine Parkanlagen - in diesem Ausmaß kenne ich das sonst in Griechenland nicht. Das übersichtliche Stadtzentrum ist recht verschlafen, aber das ist an einem Sonntagmorgen nicht weiter verwunderlich. Tourismus scheint hier jedenfalls, zehn Kilometer fern vom Meer, nicht zu existieren. Aus der Stadtkirche Ágios Nikólaos dringen meditative Gesänge und der typische Weihrauchduft. Der Gottesdienst ist mittelmäßig besucht, ich höre einige Minuten zu und setzte mich dann auf eine Bank im Halbschatten auf dem Kirchvorplatz.

In der Kirche fingen halblaute Stimmen an, Psalmen zu singen, nach einer uralten Melodik. Die Stimmen hoben und senkten sich, es war etwas Endloses, gleich weit von Klage und von Lust, etwas Feierliches, das von Ewigkeit her und weit in die Ewigkeit so forttönen mochte.
(Hugo von Hofmannsthal)

Bei den stundenlangen orthodoxen Gottesdiensten ist es ja nicht so, dass man von Anfang an dabei sein müsste. So ist es auch hier. Unablässig strömen weitere Menschen in die Kirche, die sich mehr und mehr füllt. Je länger der Gottesdienst dauert, desto jünger werden die Besucher. Als schließlich verstärkt Familien mit Kleinkindern erscheinen, mutmaße ich, dass das Ende nicht mehr fern ist. Bevor es soweit ist, verlasse ich den Kirchplatz und setze mich in ein nahe gelegenes Café. Kurze Zeit später ist der Gottesdienst tatsächlich vorbei. Viele Kirchgänger strömen jetzt in das Café, in dem ich sitze, welches sich innerhalb von Minuten füllt. Das Brot der Eucharistiefeier noch in der Hand, der Weihrauchduft noch in den Kleidern, vermischt mit dem Zigarettenqualm im Café - das ist die Atmosphäre, die ich mit nach Hause nehmen möchte und die ich deswegen noch lange einatme. Man muss nur ein paar Kilometer von der Küste weg, und schon erlebt man wieder das pure Griechenland, wie ich es liebe!

Gegen Mittag setze ich meine Fahrt fort. Die nächste Station heißt Arnéa, liegt in Luftlinie 17 Kilometer, auf der Straße knapp das Doppelte, von Polígiros entfernt. Zuerst steigt die Straße die Berge hinauf, dann geht die Fahrt durch die frisch grünen Wälder des Cholomóndas-Gebirges und diese Strecke verdient nur ein einziges Prädikat: Traumhaft! Auf meiner privaten Bergstraßen-Bewertungsskala vergebe ich ohne Einschränkung den Höchstwert von 1,0 Pílion. Wer den Pílion kennt, oder meinen Reisebericht von 2006 gelesen hat, weiß, was das bedeutet.

Nach einer knappen Stunde Autofahrt erreiche ich mein Ziel. Arnéa ist ein Bergdorf im schönsten Sinne des Wortes. Unter der großen Platane des Ortsplatzes sitzen die Alten im Schatten, am Brunnen, dessen Auslaufrohr in den Baumstamm eingewachsen ist, spielen Kinder. Dicht um den Platz drängen sich alte, aber schön restaurierte Häuser in der typischen Gebirgsarchitektur mit vorspringendem Obergeschoß und hölzernen Erkern. Im Erdgeschoss sind Cafés, Tavernen oder Honiggeschäfte eingerichtet, die die Durchreisenden mit den Spezialitäten der Region versorgen. In den Cafés und Tavernen sitzen die Kirchgänger noch beim letzten Ouzo. Da heute Abend der Abflug ansteht, nehme ich hier ein ordentliches Mittagessen zu mir. Der griechische Klassiker - einfach und lecker: Tsatsiki und Souvláki. Die Speisen sind in Geschmack und Qualität ausgezeichnet, das dazu servierte Brot frisch geröstet und mit Basilikum und Knoblauchöl getränkt.

Die einzigen offensichtlich ausländischen Touristen, die ich hier sehe, sind das Seniorenpaar, das ich schon in Polígiros auf dem Kirchplatz getroffen habe. Nach dem Essen lege ich eine kleine Verdauungspause unter der Platane ein. Dass auch hier die Zeit nicht spurlos vorübergeht, merkt man daran, dass die Alten unter der Platane auf ihrem Handy angeklingelt werden.

Von Arnéa aus begebe ich mich auf den letzten Weg, zurück nach Thessaloníki. Quasi am Wegrand befindet sich das Kloster Ágios Anastasías Farmakolítrias, das der hl. Anastasía geweiht und dessen Besichtigung als lohnenswert beschrieben ist. Obwohl zur Nachmittagszeit die Klöster normalerweise geschlossen sind, wage ich den Versuch, schließlich sind es ja nur 2 Kilometer Umweg. Als ich das Kloster erreiche, bin ich erst mal sprachlos: Es sieht von außen mehr nach Hotelburg, als nach Kloster aus, der Parkplatz ist gut gefüllt und im Kloster herrscht drangvolle Enge. Und das, obwohl an der Klostertüre deutlich sichtbar ein Schild steht: Geschlossen von 14 - 16 Uhr. Trotzdem ist die uralte, aber schön mit renovierten Fresken versehene Klosterkirche geschmückt und sie füllt sich zusehends mit Gläubigen.

Das Rätsel löst sich schnell: Es findet hier und heute eine Doppeltaufe statt. Das geschmückte Taufbecken steht schon bereit, die Großfamilien sammeln sich, Fotografen und Videofilmer haben die Kirche in ein semiprofessionelles Fotostudio verwandelt.

Nachdem der Pope die Eltern und Paten eingewiesen und die Vorgebete gesprochen bzw. gesungen hat, bindet er sich das Festgewand hinter dem Rücken zusammen, krempelt die Ärmel hoch und dann geht es zur Sache: Die kleinen, noch gut gelaunten Täuflinge werden zuerst am ganzen Körper eingesalbt und dann dreimal im Taufwasser komplett versenkt. Dass ein Kind dabei nicht schreit, ist ausgeschlossen. Es ist jedenfalls ein tolles Erlebnis, bei so einem Ereignis mal dabei gewesen zu sein.

Bis zum Abflug habe ich noch ein paar Stunden Zeit. Bevor ich diese mit sinnlosem Warten am Flughafen vergeude, stürze ich mich zum Abschluss lieber noch einmal in die heiße Hektik der Metropole Thessaloníki. Ein kleiner Stadtrundgang vorbei an den schönsten Sehenswürdigkeiten, durch die wichtigsten Straßen, über die größten Plätze und vorbei an den bekanntesten Wahrzeichen darf nicht fehlen, bevor ich den Abschiedsschmerz mit einem allerletzten Kafé frappé in einem Straßencafé auf der Aristoteles-Straße ertränke.

Er hatte den Geschmack von Abschied auf der Zunge, der ihm keineswegs süß erschien.
(Ioanna Karystiani)

Als ich am Flughafen eintreffe, bescheinen die letzten Sonnenstrahlen den Gipfel des Olymps. Die Sonne versinkt endgültig hinter dem Horizont. Vorbei! Nichts ist langweiliger als ein Nachtflug.

Polígiros:


Landschaft bei Polígiros:


Arnéa:


Kloster Ág. A. Farmakolítrias:


Orthodoxe Taufe:


Thessaloníki:


Abflug: