Thrákien / Chalkídiki 24.05.2008

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Morgendlichen Schritts durch sprießendes Grün steigt er empor,
allein und ganz umstrahlt [...] so trunken von Licht
(Odysseas Elytis)

Auf dem Weg nach Kassándra, der dritten und letzten der drei chalkidischen Halbinseln mache ich einen Zwischenstopp zur Besichtigung des antiken Ólynthos. Dem Parkplatz nach zu urteilen, bin ich heute der erste Besucher. Die ca. 2500 Jahre alte, geplant angelegte große Stadt gilt als die bedeutendste archäologische Stätte der Chalkidikí. Vom Eingang führt der Fußweg durch eine Pappelallee, später dann, wenn es steil den Hügel zur Ausgrabung hinauf geht, gibt es keinen Schatten mehr. Jetzt, an einem strahlenden Maimorgen um 9:00 Uhr und leichtem Wind ist das noch angenehm, eine Besichtigung im Sommer wäre hier allerdings eine rechte Büßertour. Der Blick über die nur zu einem Zehntel ausgegrabene Stadt ist beeindruckend, die Aussicht weit, in der Ferne der Gipfel des Olymps. Die gesamte Stadtfläche war in rechteckige Parzellen eingeteilt, die jeder Besitzer individuell bebauen durfte. Das Wege- und Kanalnetz ist noch gut zu erkennen, an einigen Häusern sind Details wie Zimmereinteilung oder spezielle Funktionen besonders hervorgehoben. Die große Ausgrabungsfläche macht es fast unmöglich, alle Straßen abzugehen, also besichtige ich sie kreuz und quer, unter besonderer Berücksichtigung einzelner Höhepunkte, wie z.B. einiger phantastischer Fußbodenmosaike.

Wie schon oft, so ist es auch hier: Als ich auf dem Rückweg bin, kommt die Mehrzahl der Besucher erst an. Griechische Landschildkröten (Testudo hermanni boettgeri) "hasten" über den Weg, Schlangen verschwinden raschelnd im Gesträuch. Kurze Zeit später erreiche ich den Kanal bei Néa Potídea, der Kassándra zu einer Insel macht. Von der Kanalbrücke aus hat man in der klaren Luft einen herrlichen Blick auf zwei heilige Berge: Im Osten sieht man den Áthos, im Westen den Olymp, beide Berge jeweils gut 75 Kilometer entfernt.

Kassándra ist im Gegensatz zu den anderen beiden Fingern der Chalkidikí nicht gebirgig, sondern allenfalls hügelig. Der Nordteil der Halbinsel ist nur leicht gewellt und wird zum Getreideanbau genutzt. Die Orte, die sich entlang der Ostküste wie Perlen auf einer Schnur aneinander reihen, sind - wie erwartet - touristisch vollständig erschlossen, dazwischen befinden sich Appartementanlagen, große Clubs und Diskotheken. Vieles ist neu, nicht alles schön. Die Küstenstraße ist gut ausgebaut und viel befahren, man kommt sich fast vor wie zu Hause.

Bevor die Hitze des Tages ihren Höhepunkt erreicht, habe ich vor, den Waldsee Mavrobára zu besuchen, der Heimat seltener Wasserschildkröten sein soll. Laut Reiseführer verläuft der Weg dorthin größtenteils durch schattige Wälder. Bei Políchrono lasse ich den Wagen auf halber Höhe stehen und gehe zu Fuß weiter. Durch katastrophale Waldbrände, die hier vor einem oder zwei Jahren stattgefunden haben müssen, ist der Bergwald vollkommen vernichtet. Die Landschaft gleicht einer baumlosen Steppe, von Schatten keine Spur.

Hoffnungsvoll kämpfe ich mich unter der schon hoch stehenden Sonne vorwärts und finde den Waldsee immerhin intakt vor. Schon von weitem kann ich das Quaken der Frösche hören, beim Näher kommen werde ich von zahlreichen Libellen in allen Farben und Größen umschwirrt und mit etwas Ruhe und Geduld sehe ich tatsächlich zwei Rotwangen-Schmuckschildkröten (Trachemys scripta elegans). An einer Quelle, die nahe des Sees aus den Felsen sprudelt, kann ich Kopf und Füße kühlen und meine Wasserflasche mit dem herrlich kalten Nass füllen. Der Rückweg findet zwar in der mittäglichen Hitze statt, aber da es jetzt, mit kaltem Quellwasser gut versorgt, die ganze Zeit bergab geht, ist der Gang problemlos zu schaffen.

Als Belohnung für die Anstrengung fahre ich ein paar Dörfer weiter bis Loutrá, wo ich mir in einer Taverne mit schöner begrünter Terrasse einen halben gegrillten Oktopus und ein eiskaltes Mythos gönne. Loutrá, etwas abseits am Südende Kassándras am Hang gelegen, besitzt nur einen kleinen, etwas kiesigen Strand und ist deshalb vom großen Ansturm noch verschont geblieben. Am Nachmittag beschließe ich die Kassándra-Rundfahrt mit einem Zwischenstopp in Néa Fókea.

Obwohl Néa Fókea touristisch durchaus in der ersten Liga spielt, hat der Ort Charme. Vielleicht liegt es an seiner idyllischen Lage an einer zweigeteilten Bucht, in der der 600 Jahre alte Steinturm von Ágios Pávlos über den kleinen Fischerhafen wacht. Ansonsten ist nicht viel zu besichtigen. Ich spaziere Eis essend am Strand entlang und genieße die Ruhe des Ortes, die in wenigen Wochen vorbei sein wird. Zurück in Metarmórfosi werfe ich mich noch einmal ins Meer und döse anschließend am Strand in der tiefer stehenden Sonne ein.

Zum Abendessen gehe ich wieder dorthin, wo ich gestern nicht enttäuscht wurde. Heute ist es Fischrogencreme, ein mit Käse gefülltes großes Rinderhacksteak, dazu Pommes und ein Mythos. Im Fernsehen, das der Wirt auf die Terrasse gestellt hat, beginnt die Live-Übertragung des Fußball-Länderspiels Ungarn - Griechenland. Bei einem zweiten Bier und einer Zigarre schaue ich zu, wie die weiß-blauen mit 3:2 untergehen.

Ólynthos:


Néa Potídea:


Mavrobára-See:


Loutrá:


Néa Fókea: