Thrákien / Chalkídiki 23.05.2008

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Der Tag beginnt mit einer angenehmen Überraschung: Als ich meinem Vermieter die 52 € für die Übernachtungen in die Hand drücke, murmelt er etwas mir unverständliches und gibt mir 10 € zurück. So hat das Zimmer also nur 21 € pro Nacht gekostet, ein wirklich fairer Preis! Im Pilger-Büro, dem "Holy Executive of the Mount Áthos Pilgrims Bureau, Permit-Issuing Department", vor dem ich meinen Wagen abgestellt habe, herrscht drangvolle Enge. Massen von Popen und Pilgern treiben sich hier herum, neben Deutsch, das ich hier im Ort schon vielfach gehört habe, dringen immer wieder russische Sprachfetzen an mein Ohr. Das Traumwetter hält an, die Fernsicht ist perfekt, Sithonía liegt zum Greifen nah.

Nach 1¼ Stunden Fahrt mache ich eine Frühstückspause an der flachen, lagunenartigen Bucht von Vourvouróu. Eine Sitzgruppe mit Sonnendach, ein Brunnen mit frischem kaltem Wasser, der Blick auf den Berg Áthos - was braucht man mehr? Dann geht es weiter in Richtung Süden. Die Straße verläuft nicht am Meer entlang, aber sehr schön durch die bewaldeten Berge, kurvenreich und nach Pinien duftend. An vielen Stellen führen Stichstraßen hinunter zur Küste, oft zu traumhaften kleinen Sandbuchten, die immer auch einen Campingplatz beherbergen. Sithonía scheint ein richtiges Camper-Paradies zu sein.

Bald erreiche ich Sárti, hier liegt vor dem Ort ebenfalls eine schöne Bucht, wieder mit Campingplatz und einem kleinen Fischerhafen. Sárti ist der einzig nennenswerte Ort an der Ostküste Sithonías. Er ist niedlich, gepflegt und vollkommen touristisch. Kein Wunder - er liegt an einem breiten Strand mit feinem weißem Sand, flach ins Wasser abfallend, ein Traum für einen Badeurlaub, vor allem mit Kindern. Auch hier ist man, genau wie in Ierissós, auf die Saison gut vorbereitet: Tausende Stühle stehen in den Tavernen und Cafés, alles ist bereit, die dürstenden und hungernden Sommergäste zu bedienen. Was mir hier besonders gut gefällt, ist der Kontrast des Motivs: Im Vordergrund der profane Badeurlaub, im Hintergrund die Silhouette des heiligen Berges, der von hier aus nur gut 25 Kilometer entfernt ist.

An der Hauptstraße setze ich mich zu einem Kafé frappé nieder. Es wird kein Glas Wasser dazu serviert, das ist äußerst ungewöhnlich. Ich bekomme es zwar auf Nachfrage ohne Weiteres, aber trotzdem, das ist ein typischer Fall, wie übermäßiger Tourismus den guten Stil torpediert. Obwohl ich natürlich weiß, wie sehr ich selber vom Massentourismus profitiere (Flugpreis, Infrastruktur, ...), so muss ich doch eingestehen, dass ich mich in solch 100%igen Touristen-Hochburgen nicht wirklich wohl fühle. Was ist das hier doch für ein himmelweiter Unterschied im Vergleich zu gestern Vormittag in Megáli Panagía!

Südlich von Sárti mache ich einen Abstecher nach Sykiá. Das laut Reiseführer "sympathische und untouristische Bergdorf" entpuppt sich als eine einzige Baustelle und unter einem Bergdorf verstehe ich etwas anderes. Sykiá liegt vielleicht zehn Meter höher als die Küstenorte, am Fuße der Berge. Enttäuscht fahre ich kurzerhand weiter. Zur Südspitze Sithonías hin ändert sich die Vegetation. Die bewaldeten Berge werden zu kargen Hügeln, der spärliche Macchie-Bewuchs schafft es nicht, den Boden vor heftiger Regenerosion zu schützen.

Ganz im Süden erreiche ich Kalamítsi. Nach dem Besuch von Sárti und Sykiá sind meine Erwartungen niedriger geworden, aber hier werde ich sehr positiv überrascht. Kalamítsi ist ein winziges Nest, zwar ebenfalls rein touristisch, aber absolut gesehen verirren sich bislang nur wenige Fremde hierher. Eine kleine neue Bungalow-Anlage, ein paar Pensionen, vier Häuser, Tavernen, Cafés, eine Tauchschule. Und die Bucht ist überwältigend: Feiner Sandstrand, flach, weiß, perfekt. Ein paar Familien baden hier, eine Handvoll Boote dümpeln im ruhigen Wasser. Eine zweite, etwas abseits gelegene Bucht taucht vor dem Hintergrund des Berges Áthos auf, einsam, wenig erschlossen. Die kargen Felsen, die die beiden Buchten trennen, sind mit Macchie bewachsen, deren verschiedene Blüten die Landschaft in einen süßen Duft tauchen. Mich umfängt ein Gefühl von Frieden.

Unmittelbar am Strand liegt eine Taverne, deren baumbeschattete Terrasse mich auf geheimnisvolle Weise ruft: Bleib hier! Setz dich! Iss was! Ich gehorche. Umgeben von zahlreichen Spatzen, die man - je nach Einstellung - als zutraulich oder aufdringlich bezeichnen könnte, lasse ich mir eine Hähnchenkeule grillen. Köstlich! Der Ort strahlt etwas aus, was selbst mich in Versuchung führt, hier einen Badetag einzulegen (hätte ich bloß noch einen Tag mehr...), aber es bleibt bei einer ausgedehnten Mittagspause.

In Griechenland möchte man im Himmel baden, möchte sich der Kleider entledigen und sich in das Blau des Himmels stürzen.
(Henry Miller)

Am frühen Nachmittag fahre ich weiter, umrunde das Südkap und mache kurz danach an der Bucht von Pórto Koufó halt. Die Bucht, die hinter hohen Hügeln liegt und nur einen schmalen Zugang zum Meer hat, gilt als Griechenlands größter Naturhafen. Eine dünne Landzunge trennt im Süden einen Teil der Bucht lagunenartig ab, nur durch einen schmalen Kanal existiert eine Verbindung. Über eine improvisierte Brücke gelangt man auf den Hügel, der die Bucht zum Meer hin trennt. Da man vom Hügel aus eine phantastische Aussicht auf die Bucht haben sollte, versuche ich, diesen zu besteigen, muss mir jedoch nach zwei vergeblichen Anläufen eingestehen, dass ich weder die Kondition, noch die Ausrüstung habe, um den pfadlosen, mit dorniger Macchie überzogenen Hügel zu bezwingen.

Die nur zwei Kilometer entferne Nachbarbucht von Toróni ist ebenfalls ein Badeparadies. Im Süden ist sie von einem Felsen flankiert, auf dem die Überreste der byzantinischen Festung Levthonia erhalten sind, von denen aus man einen schönen Blick auf die Bucht hat. Im Westen erkennt man die flache Silhouette der Halbinsel Kassándra. Ich komme auf die Idee, von hier aus den Hügel zu besteigen, der die Bucht von Pórto Koufó im Norden begrenzt. Einen Versuch ist es wert! Ich finde bald sogar einen Trampelpfad, der in die richtige Richtung führt. An einsamen Kiesbuchten vorbei, mal unter Olivenbäumen, mal unter praller Sonne durch Macchie führt der Pfad in einsame Gefilde. Ich gelange zu einer Beton-Plattform (vermutlich ein alter Bunker), von dem man bereits den Eingang zur Bucht von Pórto Koufó sehen kann. Um jetzt zu einem Panoramapunkt zu gelangen, müsste man "nur noch" den Berg hoch. Angesichts der Einsamkeit ist mir das Risiko dafür aber zu hoch und ich kehre nach einer kurzen Pause wieder um. Irgendein netter Mensch hat den Pfad in regelmäßigen Abständen mit kleinen Steintürmchen markiert, die jetzt auf dem Rückweg eine hilfreiche Orientierung bieten.

An der Westküste von Sithonía fallen die Berge nicht so steil ins Meer ab, wie im Osten. Die Straße ist deswegen hier viel weniger kurvig und deutlich zügiger zu fahren. So komme ich schon bald an Pórto Karrás vorbei, einer gigantischen Ferienanlage. Mit ihr versuchte der griechische Multimillionär Ion Jánnis Karrás in den 50er Jahren vergeblich, Monte Carlo Konkurrenz zu machen.

Meinen ursprünglichen Plan, in Néa Marmarás ein Quartier zu suchen, ändere ich spontan ab, zu wenig einladend erscheint mir der größte Ort der Sithonía-Halbinsel. "Sehr lebendig" nennt man das wohl im Reiseführer. Ich fahre also weiter und finde am späten Nachmittag in Metarmórfosi einen Ort, der mir mehr zusagt. In der Pension Stella bekomme ich für 25 € ein geräumiges Zimmer mit großem Bad, Balkon und Meerblick. Ich buche mich für die letzten beiden Nächte ein. Am nur 50 Meter entfernten Sandstrand des Ortes gestehe ich meinem erhitzten Körper endlich die lang ersehnte Abkühlung im Meer zu, bis die Sonne hinter den Bäumen versinkt.

Vor dem Abendessen unternehme ich einen Rundgang durch den Ort. Er ist sehr überschaubar: Die Haupt- und die Uferstraße bedienen die Bedürfnisse der Badegäste, der Rest ist vom Tourismus im Wesentlichen unberührt. Alles wirkt neu und aufgeräumt, aber irgendwie niedlich, wozu vor allem der kleine Park zwischen Uferstraße und Strand beiträgt. Direkt neben meiner Pension befindet sich eine Taverne, in der ich Anchovis, Kalbsfleisch und Reisnudeln, mit Kefalotíri-Käse überbacken, dazu einen Retsina vom Fass und Ouzo bestelle. Nach dem vielen Gegrillten und Gebratenen der letzten Tage ist das überbackene Fleisch mal eine angenehme Abwechslung. Zum Abschluss bekomme ich eine echt griechische Nachspeise: Ein süßes Gelee, das wie geräucherter Vanillepudding schmeckt, dazu frische Erdbeeren. Die Erdbeeren sind lecker. Mit einer Zigarre am Strand beende ich den langen Tag.

Vourvouróu:


Koutloumousi-Bucht:


Sárti:


Kalamítsi:


Bucht von Ambelos:


Pórto Koufó:


Toróni:


Pórto Karrás:


Metarmórfosi: