Thrákien / Chalkídiki 21.05.2008

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Mit einem Blick aus dem Hotelzimmer verabschiede ich mich von Kavála. Heute beginnt die zweite Hälfte des Urlaubs, für die ich die Chalkidikí vorgesehen habe. Der Weg dorthin führt mehr oder weniger nah an der Küste entlang in westliche Richtung, eine gemütliche, aber eintönige Strecke durch wenig besiedeltes Gebiet. Keine nennenswerten Sehenswürdigkeiten, keine Staus, ein Stück neue Autobahn, immer am Strymonischen Golf entlang, dann ein Stück nach Süden, bis ich mich Olympiáda, dem antiken Stágira nähere. Der Dunst der letzten Tage hat sich zu einem leichten Wolkenschleier verdichtet, aber es bleibt warm und etwas schwül.

Hier begegnet man nicht nur - wie anderswo - Steinen und Erde und Meer,
sondern auch großen Seelen, die diesen materiellen Rahmen mit Geschichte füllen.
(Nikos Kazantzakis)

Stágira, der Geburtsort des Philosophen Aristoteles, gehört zu den wenigen Ausgrabungsstätten, die eintrittsfrei zu besichtigen sind. Vielleicht will man die wenigen Gäste, die sich hierher verirren, nicht auch noch durch Eintritt abschrecken. Stágira liegt im Windschatten der chalkidischen Badestrände, Kultur suchende Touristen kommen hier eher selten vorbei. Zu Unrecht: Die Akropolis, die natürlich mal wieder auf einer Anhöhe liegt, ist professionell präpariert und vorbildlich mit erklärenden Karten versehen. Außerdem hat man von den freiliegenden Mauern einen sehr schönen Blick auf die buchten- und waldreiche Küste im Norden und im Süden. Und noch etwas ist ungewöhnlich und positiv anzumerken: Der Aufstieg auf den Akropolis-Hügel ist ein Treppenweg, der fast auf seiner gesamten Strecke durch den Wald führt und damit herrlich schattig ist.

Auf den geschichtsträchtigen Mauern verzehre ich zum Frühstück die zweite Hälfte der Chili-Mettwurst. Neben der Stadtburg wurden auch andere Bauten freigelegt: Agorá mit Stoá, Lager- und Wohnhäuser, Reste der Stadtmauer und kultischer Anlagen liegen naturnah verstreut am waldigen Hang. Blühende Olivenbäume und Ginster hüllen den Hügel in einen süßlich-würzigen Duft. So angenehm ist die Besichtigung, dass fast zwei Stunden vergehen, bevor ich mich weiter auf den Weg nach Ierissós mache, dem Vorposten chalkidischer Badeparadiese.

Ierissós ist ein typisches Beispiel für einen reinen Sommerbadeort. Jetzt im Mai bereitet sich alles auf die nah bevorstehende Hauptsaison vor: Die Palmschirme sind erneuert, der Strand wird frisch präpariert und gereinigt, die ungeheuere Anzahl von Tischen und Stühlen in den Cafés und Tavernen abgestaubt. Aber der Badebetrieb interessiert mich nicht. Ich bin wegen der Werften gekommen, von denen sich mehrere am Südrand des Ortes befinden. Hier werden noch immer Kaïkis hergestellt, kleine Boote, die vollständig aus Holz gebaut sind, individuelle Anfertigungen in reiner Handarbeit. Es ist faszinierend zu sehen, wie aus den rohen Holzbohlen, die überall stapelweise herum liegen, in den offenen, wie Schreinerwerkstätten anmutenden Hallen oder unter freiem Himmel elegant geschwungene Boote entstehen.

Von Ierissós ist es nicht mehr weit zu meiner nächsten Station. Entlang des durch Hebung der Landschaft trocken gefallenen Xerxes-Kanals (mit dem der Perserkönig seiner Flotte die gefährliche Umschiffung des Áthos-Kaps ersparen wollte) führt die Straße nach Ouranóupoli. Vor dem Ort erschreckt mich der Anblick großer Hotelanlagen ein wenig, aber ich rufe mir ins Bewusstsein, dass die Chalkidikí neben den griechischen Inseln eine der wichtigsten Touristenregionen ist, darauf muss ich also in den nächsten Tagen vorbereitet sein. Glücklicherweise ist im Ort Ouranóupoli in der Vorsaison wenig davon zu spüren. Einen Vorteil hat die Sache natürlich schon: Außer den Hotels gibt es eine große Auswahl von privaten Zimmern und die sind bei gleicher Ausstattung üblicherweise deutlich preiswerter. So auch hier - ich quartiere mich in einer Pension am Ortseingang, direkt gegenüber dem Visum-Büro für die Áthos-Pilger ein. Bei 26 € pro Nacht für das schöne Zimmer mit Balkon und Meerblick buche ich gleich zwei Nächte.

Die etwas verspätete Mittagspause verbringe ich in einer nahe gelegenen Taverne direkt am Strand. Ein einfacher griechischer Bauernsalat und ein gut gekühltes Mythos wirken Wunder. Die Luft ist in der letzten Stunde wieder etwas klarer geworden, die Schwüle des Vormittags scheint vom Ostwind allmählich vertrieben zu werden. Ich bekomme Lust auf eine kleine Wanderung zur Áthos-Grenze.

Vor mir lagen zwei Straßen
Ich wählte die weniger begangene
Und das genau machte den Unterschied
(Robert Frost)

Der Weg führt in südlicher Richtung aus dem Ort heraus, mal nahe am Meer entlang, mal durch Weingärten und Olivenhaine. Aus einem der letzten bewohnten Häuser kommt ein Mischlingshund auf mich zu. Schwanzwedelnd, schlappohrig und offensichtlich erfreut über die Abwechslung eines Wanderers in der Nachmittagshitze wird er mich für die nächsten zwei Stunden begleiten und keinen Schritt von meiner Seite weichen. Ein tierisch niedlicher Begleiter!

Wenige Meter vor der Grenze liegt die Ruine des Klosters Zygos. Es ist das einzige Áthos-Kloster, das auf der "weltlichen Seite" der Grenze liegt und im Augenblick noch frei besichtigt werden kann. Die Arbeiten der Archäologen sind voll im Gange, und solange diese andauern, herrscht strenges Photographierverbot. Vor der Ausgrabungsstätte sitzt - welch einsamer Job - ein Aufpasser, der wohl die Mitnahme historischer Stücke verhindern soll und die Einhaltung des Verbots nachdrücklich in Erinnerung ruft. Eigentlich will er meine Kamera in Verwahrung nehmen, solange ich die Stätte besichtige, aber meine feste Zusicherung, keine Photos zu machen, genügt ihm schließlich doch. Als Zeichen, dass dies sein Job ist und er es nicht persönlich meint, schenkt er mir einen kleinen Salatkopf - aus eigenem Anbau - als vegetarischen Imbiss.

Was die Archäologen bisher freigelegt und dokumentiert haben ist äußerst interessant: Eine große, burgähnliche Anlage mit starker Mauerbefestigung und elf Wachttürmen, im Inneren die Kirche, Refektorium, Werkstätten, Küche, Gräber und was sonst so dazugehört. Nach der Besichtigung der Kloster-Ruine gehe ich die letzten Meter zur Demarkationslinie. Da die Mönchsrepublik Áthos nur über ihren Hafen Dáfni betreten werden darf, verläuft der Grenzzaun lückenlos quer über die komplette Halbinsel, von Küste zu Küste. Am Strand, wo der Zaun im Meer versinkt, stehen auf Áthos-Seite ein paar ehemalige Wohnhäuser von Mönchen, die jetzt einer kleinen Polizeistaffel zur Überwachung der Grenze Unterkunft bieten.

Nach der Rückkehr in den Ort spaziere ich vom Hafen am Prosphorios-Turm, dem bekannten Wahrzeichen von Ouranóupoli, durch die Hauptstraße, am Ufer entlang und zurück, dusche und gehe zum Abendessen in dieselbe Taverne wie am Mittag. Die dicke Wirtin, die sich heute Mittag so über meine griechische Bestellung gefreut hatte, begrüßt mich mit einem griechischen Wortschwall und ist leicht enttäuscht, als ich zugeben muss, dass soweit meine Sprachkenntnisse nicht reichen. Ich esse Auberginencreme, gegrilltes Hähnchenfilet mit Pommes und Reis, dazu gibt es ein Mythos. Zum Nachtisch erhalte ich einen mit Sirup getränkten Haselnuss-Kuchen.

Ab 21:00 Uhr klingt vom Dorfplatz her Musik. Kein Pseudo-Rembetiko-Touristen-Gedudel, keine Mikis-Theodorakis-Tavernen-Gassenhauer, sondern richtige Folklore. Ich erinnere mich an die kleine Gruppe junger Männer, die ich am Nachmittag in einer Seitenstraße beim Einüben von Tänzen gesehen hatte. Da scheint was im Gange zu sein. Tatsächlich: Auf dem Platz ist eine kleine Bühne aufgebaut, Livemusik wird dargeboten und in der Mitte tanzen junge Männer und Frauen traditionelle Reigentänze. Darum herum stehen Hunderte Stühle, voll besetzt, das ganze Dorf ist anwesend, ein Pope, der aussieht wie Albus Dumbledore, sitzt in der ersten Reihe. Am Rand liegen auf großen Grills eine Menge von Souvláki-Spießen und Grillwürsten, auf einem Tisch stehen zwei Fässer Rotwein, Brot und Féta.

Gefeiert werden die Heiligen Konstantin und Eleni, die jedes Jahr am 21. Mai mit einem Volksfest verehrt werden. Aus alter Tradition wird an so einem Festtag das gesamte Dorf von der Gemeinde bzw. Kirche kostenlos verpflegt. Ich kann es zuerst kaum fassen. Man drückt mir einen Becher mit Wein in die Hand, einen Teller mit Souvláki, Wurst, Brot und Käse und - was soll ich sagen - trotz des vorhergehenden Abendessens, einer geht immer noch. Im Endeffekt geht auch noch mehr als einer. Als nach 1½ Stunden die Volkstanzgruppen ihre Darbietungen beenden, tanzt das Volk weiter: Alte Männer, Frauen, Jugend, Kinder - sensationell! Es wird ein langer weinseliger Abend...

Mir ist bewusst, dass ich etwas Unvergessliches erlebe - dass dies ein magischer Augenblick ist.
Ich bin ganz und gar gegenwärtig, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft.
(Paulo Coelho)

Kavála:


Turm von Apollonía:


Stágira:


Ierissós:


Ouranóupoli:


Kloster Zygos:


Ouranóupoli:


Dorffest in Ouranóupoli: