Thrákien / Chalkídiki 20.05.2008

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"Thou shalt see me at Philippi"
(William Shakespeare)

Nach dem Genuß des schon gestern beschriebenen Frühstücksbuffet heißt mein nächstes Ziel Kavála. Vorher hole ich aber noch die am Sonntag ausgefallene Besichtigung von Philíppi nach. Bei der von Tag zu Tag langsam zunehmenden Luftfeuchte bin ich froh, dass Philíppi nicht - wie fast alle anderen antiken Stätten - auf einer Anhöhe, sondern in einer Ebene liegt. Als ich gegen 9:30 Uhr den Ausgrabungsort erreiche, stehen schon mehrere Reisebusse auf dem großzügig dimensionierten Parkplatz. Einige Schulklassen vergnügen sich auf den vorgelagerten Bolz- und Spielplätzen, eine japanische und eine italienische Reisegruppe verlieren sich fast auf dem ausgedehnten Gelände.

Das antike Theater wurde bei frühen "Restaurierungen" eher stümperhaft mit Beton zugeschüttet, lediglich die untersten fünf Sitzreihen dokumentieren den Originalzustand. Neuere Restaurierungsmethoden gehen da schon wesentlich umsichtiger vor. Vom Theater führt der empfohlene Rundweg über die Fundamente einer großen frühchristlichen Basilika und dann zu einer Krypta, in der - der Legende nach - der Apostel Paulus gefangen gehalten wurde, der hier die erste christliche Gemeinde auf europäischem Boden gründete.

Ihr aber von Philippi wisst, dass von Anfang meiner Predigt des Evangeliums an, als ich auszog nach Mazedonien, keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft gehabt hat im Geben und Nehmen als ihr allein.
(Philipper 4, 15)

Das antike Philíppi war eine große und reiche Stadt. Nicht nur die Größe des Forums und einer zweiten Basilika machen dies deutlich, sondern auch die zahlreichen kunstvollen Bodenmosaike. Philíppi war auch eine moderne Stadt. Man experimentierte mit neuen Stilen und Materialien. Sowohl klassische Marmorsäulen, als auch gesprenkelte Natursteine und ziegeldurchsetztes Mauerwerk zeugen davon. Besonders beeindrucken mich die modern wirkenden Flächenfüllungen, die ich eher einem M. C. Escher zuordnen würde, vor allem das Mosaik aus Kreissegmenten hat es mir angetan. Auch weitere Details machen die Vergangenheit lebendig: Die öffentliche Latrine, auf der wohl vor allem "beschissene" Politik gemacht wurde oder die gradlinig durch die Stadt führende Via Egnatia, die Lebensader des römischen Reichs.

Gegen 11:30 Uhr erreiche ich das nahe gelegene Kavála. Der spontane erste Eindruck: Sehr lebhaft, vital, chaotisch, verwinkelt, steil, halt eine tolle Hafenstadt. Ich parke unterhalb des mehr als 400 Jahre alten, phantastisch erhaltenen Aquädukts und gehe an einer Metzgerei vorbei, aus deren Schaufenster mich Mettwürste appetitanregend anlachen. Ich will eine kaufen, der Metzger fragt mich wo ich herkomme und freut sich so sehr darüber, hier, abseits des Hafens, einen Touristen im Laden begrüßen zu können, dass er mir die riesige Wurst kurzerhand schenkt. Echte griechische Gastfreundschaft gibt's es noch - Kavála gefällt mir direkt!

Angesichts der nahenden Mittagshitze und der Erkenntnis, dass die Altstadt sich am steilen Felsen hochzieht, sammele ich Kraft bei einem Kafé frappé an der Hafenpromenade. Der Aufstieg zur Altstadt ist erwartungsgemäß schweißtreibend und insofern etwas enttäuschend, da das Imaret, ein in allen Reiseführern wegen seiner einmaligen Architektur empfohlenes Bauwerk, in ein Luxushotel umgewandelt wurde und daher nicht mehr öffentlich zu besichtigen ist. Die byzantinische Akropolis, die den Altstadtfelsen krönt, ist eher Standard als sensationell, sehr schön ist hingegen, dass der Wehrgang entlang der zinnenbewehrten Mauern zugänglich ist und sich von dort eine Aussicht bietet, die den vergossenen Schweiß lohnt. Nach Süden geht der Blick über die eng stehenden Dächer der Altstadt, nach Westen über das Häusermeer der Neustadt, die sich bis zum Fuße der im Hinterland liegenden Berge erstreckt. Im Baumschatten finde ich zwischen den Zinnen einen bequemen Platz, wo ich die Aussicht ebenso genießen kann, wie die erste Hälfte der geschenkten Mettwurst, die delikat und mit Chili und Paprika heftig gewürzt ist. Gut, dass ich ausreichend Wasservorräte im Rucksack habe.

Der Rückweg führt mich an einer Taverne vorbei, die mich mit zwei Argumenten anlockt: Es gibt Mesédes und es gibt Mythos! Das ist im Augenblick genau das Richtige, denn es ist inzwischen 14:00 Uhr und die Maisonne lässt keinen Zweifel an ihrer Macht. Ich habe die Wahl zwischen einer kalten oder warmen Platte und entscheide mich zur Abwechslung mal für die zweite Variante:

  • Hauchdünne Bratkartoffeln (teilweise wie frische Chips)
  • Im Bierteig frittierte Zucchinischeiben (ich liebe sie!)
  • Tomaten- und Gurkenstücke
  • Eine Portion Tsatsiki
  • Vier gebratene Fleischbällchen

Es ist zwar nicht so vielfältig wie sonst, aber alle Teile sind frisch, heiß, von hoher Qualität und die Einzelportionen sind reichlich bemessen. Direkt an der Uferpromenade finde ich im Hotel Acropolis bald danach eine Unterkunft. Für 35 € (WC im Flur, Dusche zzgl. 5 €, alles im Voraus zu bezahlen) könnte man das Hotel wohlwollend als "einfaches Haus" einstufen, weniger wohlwollend auch als Absteige bezeichnen. Aber egal, für eine Nacht...

Da Altstädte eine starke Anziehungskraft auf mich ausüben, lockt es mich erneut dorthin. Ich will versuchen, die Halbinsel von der Ostseite her im Uhrzeigersinn zu umwandern. Es bedarf einer Reihe von Fehlversuchen und einiger steiler Treppenaufstiege, bis ich im Gassengewirr einen Weg finde, der um den Felsen herum führt. Ich erreiche schließlich den kleinen Leuchtturm, der auf der Südspitze des Felsens erbaut ist. Die kleine Plattform davor ist vom betörenden Duft blühender Paternosterbäume erfüllt.

Wenige Meter entfernt steht die Kirche Kímissis tu Theotóku, auf deren Kirchhof einige schattige Bänke stehen, die ich für eine Pause nutze. Der sich von hier auftuende Meerblick, das Geräusch der Brandung auf den Felsen, dazu der Duft der Pinien und die weltentrückte Ruhe - kurz vor dem Einnicken schrecke ich auf und gehe vorbei am Denkmal Mehmet Alis, dem Urvater der letzten, fast 300 Jahre währenden ägyptischen Herrscherdynastie, bergab. Zwischen Alt- und Neustadt liegt das Marktviertel auf meinem Weg, dessen Besuch sich besonders lohnt. Nur ein paar wenige, schachbrettartig angeordnete schmale Gassen (ver-)führen in eine andere Welt: Quadratmeterkleine Krämerläden, Souvláki-Grills, Süßwaren, Schuhe, Obst, Kaffee, Fisch, Nippes. 1000 Geschäfte mit 100.000 Waren auf engstem Raum. Ein Biotop für sich!

Wer sich die Welt durch das Reisen aneignet, nimmt niemanden etwas weg.
Niemand wird dadurch ärmer, dass der Reisende die ganze Welt besitzt.
(Burton Holmes)

Die Neustadt ist trotz einiger alter Handelshäuser ein heftiger Kontrast. Die Einkaufsstraßen großzügig und modern, Filialen internationaler Ladenketten, Fußgängerzonen, moderne Passagen in geschmackvoller Architektur, dazwischen eine Unzahl kleiner und kleinster Geschäfte. Kavála ist nicht nur eine der zehn größten Städte Griechenlands, es gibt sich auch so. Vor lauter Schauen und Staunen vergesse ich beinahe das Abendessen. Etwas fußlahm erreiche ich eine Taverne gegenüber des Imarets, die ich mir schon heute Mittag hierfür vorgemerkt hatte. Zur Begrüßung stellt der junge Wirt eine 1,5 Liter Flasche Wasser und reichlich frisches Brot auf den Tisch. Die Tsatsikiportion ist gewaltig und danach bin ich schon fast satt. Das Hauptgericht ist eine zyprische Spezialität: Drei kräuterreich gewürzte, riesige Mett-Frikadellen auf einem dünnen Fladen serviert, welcher den Saft der frisch gegrillten Fleischberge aufsaugt. Es passiert mir zum ersten Mal in Griechenland, dass ich an der Fleischmenge scheitere. Dazu gibt es richtiges Bier: Die Mythos-freie Zeit ist vorbei. Das ganze schlägt mit schlappen 11 € zu Buche.

Knapp dem Tod durch Völlerei entkommen, schwanke ich zurück zur Promenade, wo ich eine freie Sitzbank für den letzten Genuss des Tages finde. Leise plätschert das Meer ans Kai, Fischerboote schaukeln auf den Wellen, die angestrahlte Festung krönt den Altstadtfelsen, darüber leuchtet der volle Mond: Stimmungsvoller geht es kaum!