Thrákien / Chalkídiki 19.05.2008

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Auch wenn das Frühstücksbuffet tatsächlich ein Buffet ist, so ist es doch noch immer ein griechisches Frühstück. Und das bedeutet: Statt einer Sorte Kekse stehen mehrere Sorten zur Auswahl. Nein, im Ernst, ganz so schlimm ist es nicht. Es gibt tatsächlich eine Art Saft (eher ein Sirup), Brot und Kekse, Kaffee und Tee, Schinken und Eier, Cornflakes und immerhin ordentlichen Joghurt und Honig. Das verleiht mir die Kraft für den neuen Tag. Ich gehe zum Hauptpostamt, wo ich zuerst ein Wartemärkchen ziehen muss, um dann am Schalter Briefmarken kaufen zu können, und werfe die Postkarten in den dort vorhandenen Extra-Postkasten ein, der den verheißungsvollen Aufdruck trägt: "International Priority Mail - Delivered in three days" (Später erweist sich diese Aussage tatsächlich als korrekt).

Es folgt eine langweilige, aber zügige Autobahnfahrt weiter nach Osten. Zu meiner Linken erheben sich die Östlichen Rhodópen, zur Rechten liegen ebene oder maximal leicht hügelige Ackerflächen, auf denen alles gedeiht, was man sich wünschen kann: Alle Arten Getreide, Tabak, Baumwolle usw. Das ist der wahre Reichtum Thrakiens, der ältesten europäischen Kulturlandschaft. Aus Fahrersicht fallen vor allem die drei "M" auf: Mohn, Mohn und Moscheen. Nach einer Stunde erreiche ich Alexandróupoli, wo ich in der Nähe des Hafens den Wagen abstelle, um die große Hafenstadt zu Fuß zu erkunden.

Von Anfang an erinnert mich Alexandróupoli enorm an Vólos: Ein ausgeprägtes, aber nur wenig international gefärbtes Hafenstadt-Flair mit größtenteils modernem Stadtbild und einigen neoklassizistischen Gebäuden wie z.B. die pädagogische Akademie oder das Museum für Kirchengeschichte. Die Stadt ist übrigens keine Gründung Alexanders des Großen, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern wurde erst vor 130 Jahren aus dem Boden gestampft und erhielt ihren jetzigen Namen 1920 zu Ehren des damaligen griechischen Königs Alexandros. Dementsprechend fehlen geschichtsträchtige Bauten vollständig. Zum Ausgleich bietet sie pralles Leben und liebenswerte Kontraste: Das traditionelle, nur von alten Männern besuchte Kafenion unmittelbar neben dem modernen Prénatal, der orthodoxe Pope direkt neben der ebenso orthodoxen tief verschleierten Muslimin. Die neue Kathedrale mit Fresken im traditionellen Stil ausgemalt, die Straßen durchzogen vom Duft frisch gerösteten Kaffees, gegrilltem Fleisch und frischem Fisch.

"Jede Stadt - glauben sie mir - hat ihren eigenen Geruch."
(E. M. Forster, in "Zimmer mit Aussicht")

Mit einem außergewöhnlich leckeren Pistazieneisbecher ziehe ich mich in den dünnen Schatten von Aleppokiefern an die Hafenkapelle zurück, bevor ich mich gegen Mittag auf den Weg nach Komotiní mache, wo ich schon im Auto den Kaffeeduft bemerke, der durch die Straßen zieht. Vor dem Rundgang durch die unregelmäßig angelegte Innenstadt brauche ich aber erst einmal eine Erfrischung, d.h. einen Kafé frappé am zentralen Irinis-Platz. In dem schattigen Kafenion lässt sich die heißeste Stunde des Tages hervorragend aushalten, und weil ich hier so schön sitzen und die Menschen beobachten kann, nehme ich im Anschluss gleich eine Oúzo/Mesédes-Platte, aber bitte die Große ("megalo"). Was mir hier für 6 € serviert wird, ist:

  • Zwei Scheiben geräucherter Schinken
  • Zwei Kochschinken-Käse-Röllchen
  • Ein hartes Ei
  • Eine Portion Gemüsesalat (mit etwas viel Mayonnaise)
  • Ein paar schwarze Oliven
  • Eine Portion weiße Riesenbohnen in Tomatensoße
  • Ein Stück Féta
  • Ein Klecks Galotíri (scharfe Féta-Creme)
  • Ein paar Scheiben Tomaten
  • Vier milde Peperonischoten
  • Ein gefülltes Weinblatt
  • Dazu frisches Pita-Brot

Super! Hier könnte ich den ganzen Urlaub sitzen! Tue ich aber nicht! Nach 1½ Stunden Pause geht es weiter. Komotiní hat von allen bisher besuchten Städten den stärksten türkischen Charakter und mehrere Moscheen, aber sonst wenig Sehenswertes aufzuweisen. Schön ist ein Gang durch das alte Basarviertel mit vielen typisch türkischen Geschäften mit Waren wie Kaffee, Teppichen oder orientalischen Süßigkeiten. Teilweise sind die engen Gassen wie eine Pergola mit Wein überwachsen, aber selbst dort, wo die Sonne brennt, ist die Arbeit, sprich der Kaffeehandel, im vollen Gang.

Von Komotiní führt mich meine Rundtour weiter nach Pórto Lágos. Die kurze Fahrt durch die brettflache Küstenebene wäre zum Einschlafen langweilig, wenn die Straße nicht auf viele Kilometer von einer strahlend gelb blühenden Ginsterhecke gesäumt wäre. Kurz vor Pórto Lágos liegt als Áthos-Exklave das kleine Kloster Ágios Nikólaos auf zwei winzigen Inselchen in der flachen Lagune. Die über einen Holzsteg erreichbare Anlage besticht nicht nur durch ihre postkartenschöne Lage, sondern präsentiert sich in einem makellos gepflegten Zustand. Die Hauptkirche ist innen reich vergoldet und demonstriert damit den Wohlstand der Áthos-Klöster. Die über einen weiteren Holzsteg zugängliche zweite Kirche ist unscheinbarer, aber mindestens genauso niedlich. Aufgrund der geringen Größe des Klosters brauche ich für die Besichtigung nicht lange und fahre schon bald nach Pórto Lágos weiter.

Der Ort selbst ist klein und würde - wenn es das benachbarte Kloster nicht gäbe - in allen Reiseführern unerwähnt bleiben, höchstens ausgemachten Naturfreunden wäre er ein Begriff. Der Grund ist die kleine Halbinsel, die den Naturhafen zum offenen Meer hin abschließt und von einem Pinienwald bedeckt ist. Die Baumkronen bieten seltenen Vogelarten einen geschützten Brutplatz, vor allem große Wasservögel wie Reiher fühlen sich wegen der nahen flachen Lagunengewässer hier wohl. Zu Fuße der Bäume befindet sich ein verlassener Campingplatz, den sich die Natur im Laufe der Jahre zurück erobert hat. Zerfallende Sitzgruppen, eingewachsene Spielgeräte und sinnlos gewordene Wasserbrunnen, in Kombination mit der feuchtigkeitsschwangeren Luft, deren Stille nur von den heiseren Schreien der Brutvögel durchbrochen wird, das alles zusammen ergibt eine seltsame, morbide Stimmung. Der Strand wird von abertausenden hühnereigroßen Kugeln bedeckt, die wie aus Kokosfasern gerollt wirken. Um was es sich dabei handelt, bleibt zunächst rätselhaft.

Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen.
(Johann W. von Goethe, Faust I)

Dank des Internets gelingt es mir wenigen Wochen später, den Ursprung dieses seltsamen Phänomens zu klären: Es sind "Silserkugeln", benannt nach dem schweizerischen Silsersee, wo sie häufig zu finden sind und dort aus Lärchennadeln bestehen. Sie bilden sich, wenn pflanzliches, faseriges oder nadeliges Material aufs Wasser fällt und durch die Hin- und Herbewegung der Wellen zu solchen Kugeln gerollt wird.

Auf der Rückfahrt nach Xánthi passiere ich mehrere Dörfer, in denen schon von weitem Storchennester, der Stolz thrakischer Dörfer, zu sehen sind. Am Straßenrand stehen an mehreren Stellen Bauern, die ihre Kirschernte direkt vermarkten. Bei 2 € pro Kilogramm kann ich nicht nein sagen.

Vor dem Abendessen spaziere ich noch einmal durch die Straßen der Stadt. Nahe der Markthalle stoße ich auf eine Kundgebung, bei der ein Pope eine Rede führt, von der ich natürlich kein Wort verstehe, deren Klang aber eher politisch beschwörend, als gläubig predigend erscheint. Nach wenigen Augenblicken wird mir klar: Heute ist mal wieder der 19. Mai, und wie ich vor drei Jahren gelernt habe, wird dieser Gedenktag natürlich im damals stark betroffenen Nordost-Griechenland besonders in Erinnerung gehalten.

Nach diesem politischen Intermezzo finde ich in der Nähe der Teóu Sofías Kirche eine urige Taverne, die die Existenz von Tourismus bisher erfolgreich ignoriert hat. Der Wirt betet die sehr übersichtliche Speisenauswahl am Tisch vor. Speisekarte, Fremdsprachenkenntnisse oder Küchenbesichtigung sind ihm unbekannt. Da ich nicht alles verstehe, was er aufzählt, stürze ich mich auf das, was ich verstanden habe: Choriatikí (griechischer Bauernsalat) und Keftedákia (Frikadellen). Die Salat-Portion ist für eine Person geradezu eine Unverschämtheit: Eine ganze Schüssel! Alleine der Féta darauf könnte einen erwachsenen Mann töten. Der Retsina, den ich in Ermangelung eines ordentlichen Bieres dazu ordere, ist wieder der gute Malamatina - anscheinend ist das in der Region die Standard-Marke, aber dafür muss man Thrakien wohl als Mythos-Diaspora bezeichnen. Zum Tagesabschluss rolle ich meinen viel zu schweren Körper zum nahgelegenen zentralen Dimokratis-Platz und beobachte bei einer Zigarre die dort bis spät in den Abend hinein zahlreich spielenden Kinder.

Alexandróupoli:


Komotiní:


Pórto Lágos:


Silserkugeln aus Pórto Lágos:


Auf dem Land:


In Xánthi: