Thrákien / Chalkídiki 18.05.2008

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Am Morgen begebe ich mich auf den Weg nach Philíppi, wo ich um 8:15 Uhr eintreffe. Obwohl die Mehrzahl meiner Reiseführer als Öffnungszeit 8:00 Uhr angibt, sind die Tore verschlossen und die Anlage verwaist. Ein kleiner Spaziergang entlang der Straße, die mitten durch das Ausgrabungsgelände verläuft, vermittelt einen ersten Eindruck von der Größe des historischen Ortes. Als kurz nach halb neun noch immer keinerlei Lebenszeichen zu entdecken sind, entschließe ich mich, weiter zu fahren - vielleicht ist Sonntags geschlossen oder erst ab 10:00 Uhr geöffnet. Darüber hinaus sehe ich eine gute Chance auf einen zweiten Versuch, wenn ich in wenigen Tagen hier wieder vorbei kommen werde.

Ich aber vertraue dem Herrn, dass auch ich selbst bald kommen werde.
(Philipper 2, 24)

Weiter östlich überquere ich den Fluss Néstos auf einer Brücke, auf der man offiziell nicht fotografieren darf (üblicherweise ist dann eine Kaserne in der Nähe) und zweige dann zum Aussichtspunkt der Néstos-Schlucht ab. Die Straße dorthin überwindet auf einer Strecke von knapp elf Kilometer fast 900 Meter Höhenunterschied, das sind über 8% Steigung im Mittel. Wie das aussieht, muss ich wohl nicht weiter beschreiben - traumhaft! Die einzigen Konkurrenten auf der Straße sind zahlreiche Ziegen, die mich nicht immer ohne Weiteres passieren lassen wollen. Gut, dass man ihre Glocken schon von weitem hört, denn so tauchen sie selbst in einer Serpentine nicht unerwartet auf. Es ist ohnehin faszinierend, wo diese Tiere überall herum klettern.

Die Straße - zumindest der asphaltierte Teil - endet am Abbruchrand der Néstos-Schlucht. Der im bulgarischen Teil der Rhodópen entspringende Néstos durchbricht hier die letzte Hürde, bevor er das landwirtschaftlich und naturschützerisch bedeutsame Néstos-Delta bildet. Der Panoramapunkt ist zu einem kleinen Balkon ausgebaut, von dem man eine weite Aussicht über die Berge und das Delta hat und einen traumhaften Blick hinunter in die Schlucht werfen kann. Trotz des leicht dunstigen Wetters ist der Blick wahrlich atemberaubend. 800 Meter tiefer fließt der Néstos in mehreren Schleifen dem Meer entgegen.

Ein unglaubliches Geschenk: Einen flüchtigen Blick auf die Welt durch Gottes Augen und ich dachte: "Ja, ich begreife, so war es gemeint!"
(Karen Blixen)

Der Aufenthalt hier oben ist phantastisch und ich genieße ihn lange. Ein toller Ausblick, Sonne, herrlich frische Luft und sehr viel Ruhe. Die einzigen Geräusche sind das Summen der Bienen, die sich an der abwechslungsreichen Blumenwelt erfreuen, singende Vögel, ferne Ziegenglocken und ein einziges Mal ein Zug, dessen Rappeln von unten aus der Schlucht hinauf schallt. An einigen Stellen ist weit unten die Bahnlinie Thessaloníki - Istanbul zu erkennen, die parallel zum Fluss (aber meistens in Tunneln) durch die Schlucht führt. Gerade, als ich mich zum Aufbruch entschließe, endet die Einsamkeit und es erreichen gleich mehrere Familien mit Kind und Grill den Aussichtspunkt. Ich fahre die Berge hinunter und weiter nach Xánthi.

Xánthi, die Hauptstadt der Region Thrakien, besitzt ebenso wie die anderen Städte im Nordosten Griechenlands keine bedeutenden Sehenswürdigkeiten, die Touristen in größerer Zahl anlocken würden. Nach einem ersten Eindruck bei einem Gang durch die Straßen lasse ich mich auf dem zentralen Platz zum obligatorischen Kafé frappé unter Schatten spendenden Platanen nieder. Je weiter man nach Osten kommt, desto deutlicher werden die Nähe zur Türkei und der zunehmende Anteil der muslimischen Bevölkerung spürbar. Hier in Xánthi beginnt der Orient, wenngleich auch noch recht verhalten. Im zentral gelegenen Hotel Dimókritos buche ich mich für zwei Nächte ein - bei 40 € pro Nacht macht man mich darauf aufmerksam, dass der Preis inklusive Frühstücksbuffet sei. Oje, Frühstücksbuffet in Griechenland - wir werden sehn...

Am frühen Nachmittag beginne ich mit der Besichtigung der Altstadt. An ihrem Fuß hat sich ein Tavernenviertel etabliert, dann folgen einige alte Herrenhäuser wohlhabender Tabakhändler und man erreicht schließlich den Mitropoléos-Platz. Weiter oben beginnen Wohngebiete, die einen deutlich höheren muslimischen Bevölkerungsanteil aufweisen. Teppiche hängen allerorten aus den Fenstern oder werden auf der Strasse gewaschen. Ich erreiche schließlich die Achrian-Moschee mit dem alten islamischen Friedhof und bin überrascht: Zum ersten Mal in Griechenland sehe ich, dass bei Schildern auf die türkischsprachige Minderheit eingegangen wird. Je höher man steigt, desto schöner wird der Blick über die Stadt und mit den letzten steilen Stufen gelangt man zum oberen Ortsrand, von dem sich das gesamte Stadtpanorama erschließt, in weiter Ferne das Meer. Ich schwitze - warum liegen Altstädte eigentlich immer so anstrengend am Hang?

Beim langsamen Abstieg durch das verwirrende Gassen- und Treppenlabyrinth höre ich irgendwoher rauschendes Wasser. Ich folge dem Ursprung des Geräuschs und stehe plötzlich vor einer kleinen Schlucht, an deren Grund der Kosynthos fließt, ein sommertrockener Bergbach, der jetzt jedoch noch Wasser führt. Es ist eine wunderschöne Szenerie mit der Altstadt und ihren niedlichen Details auf der einen Seite und dem rauschenden Bach und seinen schattigen Ufern auf der anderen.

Ein Wunder ist das, was unser Herz mit Frieden erfüllt.
(Paulo Coelho)

Am Fluss entlang laufend gelange ich in ein Viertel, das von Cafés, Bars, Imbissen und jungen Leuten überquillt. Zuerst bin ich etwas überrascht, dann fällt mir die Erklärung ein: Es sind Studenten, Xánthi ist eine bedeutende Universitätsstadt. Um meine restlos verbrauchten Reserven aufzufüllen, gönne ich mir eine Spanakópita und ruhe mich damit am zentralen Stadtplatz aus. Erfrischt fahre ich mit dem Stadtrundgang fort, diesmal ist die Neustadt an der Reihe. Diese ist mehr interessant als schön, mit einigen unauffälligen Moscheen, deren Minarette kaum die umliegenden Wohnhäuser überragen, verfallenden alten Stadtvillen, in Hinterhöfen versteckten Kirchen und natürlich unzähligen kleinen und kleinsten Ladenlokalen. Ich entdecke dabei einige einladende Tavernen, was mich vor ein echtes Entscheidungsproblem stellt, da ich doch in der Nähe der Hauptkirche und am Fuße der Altstadt bereits mehrere Kandidaten für heute Abend ausgemacht hatte.

Nach einer kleinen Pause im Hotel steht die schwierige Entscheidung an. Sie fällt auf ein Lokal im Tavernenviertel am Fuß der Altstadt. Dort nehme ich Pitaliës Evritikes, das sind panierte, frittierte Oliven-Käse-Taler, die, wenn sie zu sehr abkühlen, einem wie zäher Kleister den Gaumen zukleben. Heiß schmecken sie allerdings sehr gut. Dazu gibt's Souvláki mit frittierten Kartoffelscheiben und ein Kaiser-Bier. Satt bis zum Abwinken schreibe ich beim zweiten Bier die versprochenen Postkarten an die daheim gebliebenen und puste noch etwas blauen Dunst in die milde Abendluft.

Den Rückweg zum Hotel verbinde ich mit einem Spaziergang durch die abendlich erwachte Stadt. Es gibt auffällig viele Schnellimbisse und Süßwarengeschäfte hier. Ersteres erkläre ich mir mit den Studenten, letzteres mit den zunehmenden orientalischen Anklängen. Obwohl alle Geschäfte geschlossen sind - es ist Sonntagabend - sind die Straßen voller Menschen. Auch hier macht sich keine Spur von Provinzstadt-Feeling breit. Ganz im Gegenteil! Und dabei habe ich noch immer keinen einzigen Touristen gesehen.

Philíppi:


Am Néstos:


Néstos-Aussichtspunkt:


Xánthi:


Xánthi Stadtpanorama:


Xánthi: