Thrákien / Chalkídiki 17.05.2008

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Wer die Mysterien erlebt, hat keine Zeit zu schreiben,
und wer die Zeit hat, erlebt die Mysterien nicht.
(Nikos Kazantzakis)

Dunkel, grau, nebelig, leichter Regen - es ist ein typischer mitteleuropäischer Maimorgen, als ich auf dem Flughafen Köln-Bonn den Airbus A319 besteige, der mich nach Thessaloníki bringen soll. Da infolge eines Computerproblems nicht festgestellt werden kann, ob die richtigen Passagiere an Bord sind, verzögert sich der Abflug um eine halbe Stunde. Diese Zeit wird aber durch starken Rückenwind wieder ausgeglichen, so dass wir pünktlich landen. Mein Koffer ist ebenfalls angekommen, der Mietwagen, ein weißer Chevrolet Matiz, steht bereit, es kann also losgehen. Es ist sonnig und warm, lediglich ein wenig diesig, als ich genau zur Mittagsstunde den Autobahnring um Thessaloníki in Richtung Nordosten verlasse.

Die Fahrt führt zunächst durch ein spärlich besiedeltes Mittelgebirge und ist nur wegen der am Straßenrand verschwenderisch blühenden und duftenden Pflanzen interessant. Mohn, Ginster und Kamille dominieren das Bild. Ungefähr 20 Kilometer vor Sérres ändert sich die Landschaft: Ein weites Tal tut sich auf, große Flächen sind überflutet. Dank des Wassers des Flusses Strimónas kann hier, neben allen anderen Getreidesorten, auch Nassreis angebaut werden. Nach insgesamt einer Stunde Fahrt erreiche ich mein Ziel.

Die Stadt Sérres überrascht mich mit einer - trotz der Mittagsstunde - quirligen Lebhaftigkeit. Es ist laut, es ist bunt, die Stadtjugend veranstaltet ein Basketball-Turnier und alle Cafés (von denen es in Sérres enorm viele gibt) sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Gestärkt von einer leckeren Spanakópita durchstreife ich das Stadtzentrum und finde schließlich einen freien Platz in einem Café gegenüber dem alten Basar, wo ich meinen ersten Frappé dieses Urlaubs genieße. Zum Kaffee wird natürlich Wasser und auch eine kleine Schale Gebäck gereicht - so schnell kann Urlaubsstimmung kommen! Nach einer angemessenen Pause fülle ich an einem der zahlreichen öffentlichen Trinkbrunnen meine Wasserflasche auf und steuere mein nächstes Ziel an.

Nur wenige Minuten außerhalb der Stadt liegt mitten in den Bergen das Nonnenkloster Timíou Prodrómou. Die dorthin führende Stichstraße macht richtig Spaß: Steil und kurvig, Kühe und Schafherden mitten auf der Fahrbahn - da weiß man doch gleich wieder, wo man ist. Wie in allen Klöstern wird auch hier Wert auf die Mittagsruhe gelegt, so dass ich 45 Minuten warten muss, bis sich die Türen öffnen. Ich nutze die Zeit für einen kleinen Spaziergang im herrlich grünen Bergwald, der das Kloster umgibt, und finde dort einen rauschenden Bach, an dessen Ufer die Zeit schnell vergeht.

Die von außen eher burgartig abweisende Anlage zeigt sich innen von einer ganz anderen Seite: Einladend, freundlich und gepflegt, mit Blumen und Zierrat geschmückt, wirkt das Kloster wie ein kleines Dorf aus einem alten Bilderbuch. Die Kirche ist mit uralten Fresken ausgemalt und beeindruckt mit einer kunstvoll geschnitzten hölzernen Ikonostase. Ein kleines Museum zeigt alte Arbeitsgeräte und -methoden und wer will und das nötige Kleingeld hat, kann sich hier mit handgemalten Ikonen eindecken.

Am späten Nachmittag mache ich mich wieder auf den Weg, um meine erste Nachtstation zu erreichen. Die einstündige Fahrt führt mich durch eine leicht hügelige, intensiv landwirtschaftlich genutzte Gegend bis nach Dráma, wo ich nach kurzer Suche und mit Hilfe des Tipps einer Einheimischen im Hotel Emporiko für 35 € ein ordentliches Zimmer im Zentrum der Stadt finde.

Nachdem ich mich kurz frisch gemacht habe, bummele ich durch die Stadt. Es ist die ruhige frühe Abendstunde zwischen Geschäftigkeit und Ausgehen, weswegen auf den Straßen nicht viel los ist. Während in der Kirche der Pope seinen einsamen Abendgesang abhält, sitzen die Männer beim "Public Viewing" im Kafenion und die Jugend trifft sich im Stadtpark. Letzterer ist, neben dem kleinen basarartigen Zentrum, der sehenswerteste Teil der Stadt, ein Park mit vielen Schatten spendenden Bäumen und genügend Sitzbänken an abwechslungsreich gestalteten Wasseranlagen. In der sommerlichen Mittagshitze bestimmt ein beliebter Ruheplatz, treffen sich jetzt hier Kinder und Jugend der Stadt zu diversen Aktivitäten: Skateboard fahren, Badminton und Bogenschießen und bestimmt einiges, was ich nicht entdecke.

Gegenüber dem Park liegt ein ganzes Stadtviertel ausschließlich mit Cafés. Auf der Suche nach einem Abendessen wäre mir mit einer Taverne mehr geholfen, allerdings finde ich hier keine, lediglich ein paar Schnellimbisse am Rande des Viertels. Nach einiger Zeit der Suche werde ich schließlich doch fündig. Zu Brot und Wasser, das hier, wie überall, zur Begrüßung serviert wird, gibt es ein sehr leckeres, gut gewürztes Mus aus schwarzen Oliven. Ich bestelle als Vorspeise mit Schafskäse gefüllte Teigtaschen und als Hauptgang Soutsoukákia, das sind gegrillte Hackfleischröllchen (der Serbe würde Ćevapčići dazu sagen). Als Beilage gibt es Pommes und eine Flasche Malamatina Retsina.

Wer Retsina trinke, nicht zuviel, aber auch nicht zuwenig, der sehe die Welt geordnet, und vieles Unklare kläre sich. Im Harz dieses Weines stecke das Staunen. Wenn man ihn trinke, zeigten sich die Dinge, wie sie wirklich seien.
(Klaus Modick, in "Der kretische Gast")

Nach dem ohnehin schon sehr reichlichen Genuss bringt mir der Wirt zum Abschluss ein üppiges Stück Nuss-Biskuit-Torte. Eine solche Völlerei lässt sich nur mit einem Tsípouro ertragen, der mindestens so verschwenderisch serviert wird, wie der Rest. Für 11 € habe ich selten so gut und so viel gegessen. Vielleicht liegt es daran, dass Tourismus hier eine völlig unbekannte Größe ist? Bisher habe ich jedenfalls keinen weiteren Touristen gesehen. Als ich auf dem Rückweg ins Hotel bin, erwacht die Stadt zum abendlichen Leben. Sämtliche Cafés platzen aus allen Nähten und wenn man der Stadt vor drei Stunden noch ein gewisses Kleinstadt-Feeling nachsagen wollte, so ist davon jetzt nichts mehr zu spüren.

Ein super erster Tag!

Sérres:


Kloster Timíou Prodrómou:


Dráma: