Léfkas / Attika 25.05.2007

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Als ich erwache, hat der Regen das Land wieder fest im Griff. Ich verwerfe also meinen Plan, die antiken Stätten zu besichtigen und fahre über die Autobahn weiter. Von Kórinth bis zum Stadtrand von Athén benötige ich eine halbe, vom Stadtrand bis in die Innenstadt eine weitere ganze Stunde. Über die Verkehrsverhältnisse in Athén könnte man Bücher schreiben (was auch schon gemacht wurde) - ich erspare mir das und überlasse es der Phantasie des Lesers.

Chaos ist ein griechisches Wort
(Melitta Kessaris)

Nachdem ich eine Zeitlang versucht habe, einen Parkplatz am Straßenrand zu finden, muss ich mir die Naivität dieses Versuchs eingestehen und vermute, dass die Hersteller der "private parking"-Schilder die besten Umsätze verbuchen. Unmittelbar am Karaiskaki-Platz steuere ich eine Tiefgarage an. "Tiefgarage" ist vielleicht etwas übertrieben formuliert - es handelt sich um einen muffigen alten Keller, in dem mittels Einweiser versucht wird, möglichst viele Fahrzeuge zu verstauen. Der deutsche TÜV hätte maximal 20 Sekunden benötigt, die Garage wegen massiver Sicherheitsbedenken zu schließen. Immerhin kann ich hier für 6 € den ganzen Tag parken.

Es gibt einen bestimmten Grund, warum ich Athén angesteuert habe. Da ich Museen im Urlaub bei gutem Wetter vermeide, nutze ich heute die einmalige Gelegenheit, das Archäologische Nationalmuseum zu besuchen - es bedeutet für Archäologie ungefähr soviel, wie der Louvre für Kunst. Das Museum ist wirklich einen Besuch wert: Hier ist alles ausgestellt, was auf griechischem Boden gefunden wurde, lediglich mit Ausnahme von Delphi, Olympia, Kreta und Makedonien, die über lokale archäologische Museen verfügen. Makellos proportionierte Marmorstatuen von Kouroi (Jünglingsfiguren), die Aphrodite von Syrakus oder ganze Göttergruppen, Reliefs und Vasen, deren Abbilder man seit der Schulzeit kennt, die berühmte Bronzestatue des Poseidon vom Kap Artemision, der Minotaurus oder eine makedonische Goldkrone dienen nur zum Aufwärmen. Highlights sind natürlich die Goldmaske des Agamemnon, Fresken aus Mykéne und Akrotíri auf Santorin, die teilabstrakten Skulpturen der kykladischen Epoche und so vieles mehr, dass die Aufzählung hier langweilen würde. Meine persönlichen Favoriten zu nennen sei mir noch gegönnt: Der minoische Stier und die Vitrine mit dem Goldschmuck aus minoischer Zeit, handwerklich und stilistisch so perfekt und zeitlos, dass mir bei der Vorstellung des Alters ein Schauer den Rücken hinabläuft.

Unabhängig von Schönheit und Bedeutung der Ausstellungsstücke bemerke ich nach zwei Stunden die ersten Anzeichen eines Museumskollers. Es ist inzwischen Mittag, es hat aufgehört zu regnen und der Anblick der Akropolis, die zwischen den Straßen immer wieder auftaucht, macht mir spontan Lust, das Wahrzeichen Athéns zu besichtigen. Ab dem Turm der Winde führt der Weg bergan. Der Aufstieg auf den steilen Felsen, auf dem die Stadtburg erbaut ist, treibt einem den Schweiß aus allen Poren, so feucht und warm ist die Luft.

Als wir zur Akropolis kamen - es war irrsinnig, sofort dorthin zu gehen -, waren mehrere hundert Menschen vor uns, die das Tor stürmten.
(Henry Miller)

Tatsächlich hat das Wetter auch einen Vorteil: Auf dem schattenlosen Hochplateau wird es bei Sonnenschein schnell unerträglich heiß, jetzt kann man hier jedoch gemütlich herumschlendern und die Anzahl der Besucher hält sich in Grenzen. Die Propyläen und das Parthenon präsentieren sich in den erwarteten Baugerüsten, mein Lieblingstempel der Athéna Nike ist leider unter den Gerüsten kaum zu erkennen. Dafür ist das Erechthéion mit dem sagenhaften Ölbaum der Athéna und der entzückenden Korenhalle, deren Originalstatuen bekanntlich im Museum aufbewahrt werden, vollständig gerüstfrei. Der Star der Akropolis ist seit fast 2500 Jahren das Parthenon, selbst die umfangreichen Baumaßnahmen vermögen seine Dominanz und beeindruckenden Ausmaße nicht zu verschleiern. Am Rand des großen Tempels wird die Technik der Restaurierungsarbeiten interessant dokumentiert.

Der Nachteil des diesigen Wetters soll natürlich nicht verschwiegen werden. Der Blick über die Metropole ist stark eingeschränkt und reicht kaum bis zum Lykavettós-Hügel. Lediglich die zu Füßen der Akropolis liegenden Sehenswürdigkeiten wie das Diónysos-Theater und das Odeon des Herodes Attikus sind einigermaßen klar zu erkennen.

Nach der Besichtigung spaziere ich im Bogen südlich um die Akropolis herum und steuere den Syntagma-Platz an. Die knappe halbe Stunde, die ich bis zur Wachablösung der Evzonen vor dem Parlament warten muss, überbrücke ich mit je einer Spanáko- und Kotópita.

Für die Beobachtung der Zeremonie ergattere ich einen perfekten Platz in der ersten Reihe. Nachdem der verantwortliche Offizier die Soldaten begrüßt und evtl. schief sitzende Barette korrigiert hat, beginnt die festgelegte Schrittfolge der Wachablösung in beeindruckender Präzision. Zeitlupenlangsam werden die Schritte ausgeführt, immer perfekt synchron und nur das Aufsetzen der genagelten Schuhe oder der Gewehrkolben durchbricht die andächtige Stille. Eine wirklich beeindruckende Zeremonie, die man sich bei keinem Athénbesuch entgehen lassen sollte.

Seit ich die Akropolis verlassen habe, ist es beständig sonniger geworden - sollte die Wettervorhersage tatsächlich Recht haben? Ich vertraue darauf und entschließe mich, die letzten beiden Nächte weiter im Süden zu verbringen, von wo aus ich morgen Attika erkunden will. Ich hole das Auto aus der Tiefgarage und fädele mich in den stadtauswärts fließenden Verkehr ein, immer in Richtung Süden. Ohne größeren Stau verlasse ich Athén und erreiche über die gut ausgebaute Straße schon bald Lávrion. Die kleine Hafen- und Industriestadt wirkt auf den ersten Blick unattraktiv, was daran liegt, dass sich die Stadt nicht für Touristen herausgeputzt hat - die gibt es hier nämlich nicht, nicht mal ein einziges Hotel existiert. Schade, denn am Drehgrill einer Taverne am Ortsplatz hängen mehrere Hähnchen und ein ganzes Lamm.

Wohl oder übel fahre ich weiter in Richtung Sóunion, doch die wenigen Hotels, die es hier gibt, entsprechen nicht meinen Preisvorstellungen. Also suche ich weiter, fahre an der Westküste wieder in nördliche Richtung, wo die Gegend irgendwie seltsam ist: Riesige Tavernen stehen in der Landschaft, allesamt gut gepflegt, aber geschlossen. Ebenso die wenigen Hotels. Straßenzüge mit Feriensiedlungen finde ich, ganze Ortschaften von Appartementhäusern - alle zu! Attika scheint ausschließlich von den Sommerferien in Athén zu leben. Nördlich von Anávyssos werde ich schließlich fündig. Das Hotel Calypso ist mit 50 € zwar deutlich teurer, als ich üblicherweise zu zahlen bereit bin, jedoch ich bin froh, überhaupt etwas Bezahlbares gefunden zu haben. Das Hotel wirkt ein bisschen so, als wäre es in den 60er Jahren das erste Haus am Platze gewesen, und die beiden alten Männer, die das Hotel führen, verstärken diesen Eindruck noch. Es liegt herrlich an einer ruhigen kleinen Bucht, die Zimmer sind renoviert und sehr geräumig und vom großen Balkon hat man nicht nur einen schönen Blick aufs Meer, es liegt so nah, dass man sogar die kleinsten Wellen hören kann.

Zum Abendessen fahre ich ins nahe gelegene Paliá Fokéa. Normale Tavernen gibt es hier nicht, nur eine lange Reihe großer Fischrestaurants am Ufer, teuer und fast menschenleer. Die Anlocker, die am Straßenrand sitzen und jeden vorbei gehenden Passanten aufdringlich zur Einkehr überreden wollen, geben mir den Rest: Bloß weg hier! Kurzentschlossen fahre ich zurück, um das hoteleigene Restaurant zu testen. Ich werde angenehm überrascht: Der griechische Bauernsalat und die Biftéki mit Pommes sind reichlich und lecker, das Fix-Bier gut gekühlt und der Preis überraschend normal, für hiesige Verhältnisse also geradezu billig. Mit der obligatorischen Zigarre setze ich mich an den Strand. Es ist sternenklar geworden, der Mond scheint hell und in der windstillen Nacht wirkt das leise Plätschern des Meeres unglaublich entspannend - ein schöner Abschluss dieses Tages.

Denn ach! Mich trennt das Meer von den Geliebten,
Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend.
(Johann W. von Goethe)

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