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In Mitteleuropa ist heute Ostern, aber hier, im orthodoxen Kernland ist davon noch nichts zu spüren, denn das orthodoxe Osterfest wird nach dem julianischen Kalender berechnet und dieses Jahr eine Woche nach unserem Osterfest gefeiert. Vom Hotelzimmer aus werfen wir einen letzten Blick auf die mit Höhlen übersäte Felswand, die vor dem Bau der ersten Klöster den Eremiten als luxusfreie Wohnstätten dienten und kaufen vor dem Aufbruch in einer Bäckerei am Ortsplatz eine Bougátsa. Das ist eine Art knusprige Blätterteigtasche, mit Vanille-Grießpudding gefüllt, die nach Geschmack mit Zimt und Zucker bestreut und warm serviert wird.

Die Bugatsa war aus Zutaten, die einem, wenn man nur an der Bäckerei vorbeiging, die Sinne schwinden ließen.
(Nikos Themelis)

Damit ist das Frühstück gerettet, während wir mit der Durchquerung der thessalischen Ebene beginnen. Die Bedingungen für die lange, langweilige Ebenenfahrt sind optimal: Es ist sonnig, aber nicht heiß, die Straße ist schnurgerade und leer und die Luft so klar, dass die Gebirge, welche die Ebene umschließen, zum Greifen nah erscheinen. So kommen wir sehr zügig voran, umfahren Tríkala und Kardítsa auf gut ausgebauten Umgehungsstraßen und überqueren auf der hinter Lamía beginnenden schönen Bergstrecke das Parnassós-Gebirge, an dessen Südflanke Delphí liegt. Wie so oft tummeln sich auch hier Ziegen auf der Straße, diesmal ist es eine ungewöhnlich große Herde, die von zwei hervorragend ausgebildeten Hütehunden perfekt zusammengehalten und gegen unbefugten Zugriff verteidigt wird.

Punkt Mittag erreichen wir Delphí-Neu. Der sich entlang der Durchgangsstraße ziehende Ort besteht zu 100% aus Hotels, Pensionen, Restaurants und Souvenirgeschäften. Furchtbar! Und teuer! Der pure Touristen-Nepp! Aber irgendwie kann ich es ihnen nicht übel nehmen, müssen doch die paar hundert Einheimischen jährlich etwa eine Million Touristen durch ihren Ort ziehen lassen! Aber noch ist Vorsaison, drei Viertel der Läden sind geschlossen und in den Straßen herrscht Ruhe. In einem der wenigen geöffneten Restaurants wollen wir uns vor der anstrengenden Besichtigung der antiken Stätte stärken und nehmen Tomatensalat und Lammkotelett, gut gegrillt zwar, aber wenig, sehr fett und viel zu teuer. Die Aussicht, die wir von unserem Tisch aus haben, ist dagegen jeden Cent wert: Sie reicht über die Stadt Itéa und den Golf von Kórinth bis zu den schneebedeckten Gipfeln des 2300 Meter hohen Aroánia-Gebirges auf der Peloponnes, immerhin 60 Kilometer entfernt.

Die Besichtigung der antiken Stätte wird zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Die Luft ist trotz der inzwischen aufgezogenen dünnen Schleierwolken sehr warm, an dem geschützt gelegenen Südhang ist der Schatten knapp und es weht kaum ein Hauch. Glücklicherweise hält sich die Anzahl der Besucher in Grenzen, lediglich einige amerikanische Reisegruppen ziehen breit brabbelnd die steilen Wege entlang. Auch wir folgen dem jahrtausende alten Pfad durch den heiligen Bezirk: Ausgehend von der später angebauten römischen Agora betreten wir den inneren Bereich, das Zentrum der antiken Welt, wo die beiden von Zeus ausgesandten Adler (nach anderen Quellen waren es Raben) zusammen trafen und die Mitte, den Nabel der Welt markierten.

Vorbei am rekonstruierten Schatzhaus der Athener und der faszinierenden "polygonalen Mauer", deren gewaltigen Steine ungeachtet ihrer Unregelmäßigkeit millimetergenau ineinander greifen und mit uralten Inschriften versehen sind zu den wieder errichteten Säulen am Eingang des Hauptheiligtums, dem Tempel des Apollon. Dann weiter, am Theater vorbei bis hoch zum Stadion, in dessen Arena die pythischen Spiele ausgetragen wurden. Bei aller Schwitzerei ist der Weg doch ein Genuss, weil überall farbenfrohe Blüten sprießen und man sich immer wieder an einem phantastischen Blick hinunter ins Tal erfreuen kann.

Zum Abschluss besuchen wir den tiefer am Hang gelegenen Bereich der Mármaria, allerdings nicht, ohne uns vorher bei einer gut gekühlten Erfrischung wieder regeneriert zu haben. Hier steht, abseits vom Hauptheiligtum der Tempel der Athene und der Tholos, ein Rundtempel, dessen drei Säulen zum Wahrzeichen Delphis avanciert sind.

Wiederum ist man nicht überrascht, den alten Tempel hier vorzufinden, so vollkommen setzt er die Landschaft fort, ist er ein Ausdruck dieser Landschaft.
(Nikos Kazantzakis)

Am Gymnasion vorbei gelangen wir schließlich zurück zum Auto und fahren zur Küste in die Stadt Itéa. Dort angekommen gelingt es mir auf Anhieb, das Hotel Trocadero wieder zu finden, wo wir ein sehr schönes, geräumiges Zimmer mit Meerblick beziehen. Außer der Tatsache, dass alle Straßenbäume verschwenderisch voller reifer Orangen hängen, hat Itéa eine schöne Promenade zu bieten, auf der sich Restaurants und Cafes abwechseln. In einem der Letzteren lassen wir uns nach dem anstrengenden Kulturerlebnis zu Kafé frappé und Kakao nieder und erfreuen uns an gemütlichen Liegestühlen und einem genialem Blick auf die Berge der Peloponnes. Mit einem kleinen Bummel entlang der Promenade kehren wir später zum Hotel am Hafen zurück.

Faul, wie wir sind, besuchen wir zum Abendessen die Taverne direkt neben dem Hotel. Hier sitzt man ausgezeichnet, friedlich und ruhig, lediglich ein paar Meter vom Kiesstrand entfernt in der milden Abendsonne. Der alte Wirt passt hervorragend in die stressfreie Szenerie: Er strahlt eine fast mönchsartige Ruhe aus und seine Bewegungen wirken wie langsam fließendes Wasser. Wir gönnen uns zwei Portionen Biftéki, riesig groß und exzellent gegrillt, dazu handgeschnittene Pommes, Krautsalat, Fischrogenpüree (Taramosaláta), Heineken und Cola und verlassen das Lokal später kugelrund und satt zu einem kleinen Verdauungsspaziergang am Strand entlang. Später genehmige ich mir noch eine Zigarre im Sternenlicht auf dem Balkon unseres Hotelzimmers. Ein gelungener Ostertag!

Einsiedlerhöhlen:


Die Thessalische Ebene:


Im Parnassós-Gebirge:


Delphí:


Itéa: