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Der Vormittag ist den Brücken geweiht. Neben der Víkos-Schlucht ist die Zagória vor allem berühmt für ihre aus der Türkenzeit stammenden Steinbogenbrücken, die an vielen Stellen den Voidomátis und seine Nebenflüsse überspannen. Mein erstes Ziel ist der Ort Kípi, in Luftlinie keine fünf Kilometer von Monodéndri entfernt, über die Straße ist es fast die vierfache Strecke. Auf dem Weg dahin befindet sich in einer Seitenschlucht der pittoresken Felsenlandschaft die Brücke Ágios Mínas, an deren Ende man noch immer die uralten, steingepflasterten Handelswege erkennen kann, denen die Region ihren verhältnismäßig hohen Wohlstand während der türkischen Besatzungszeit verdankte.

Die schönste und bekannteste Brücke folgt nur wenige Kilometer später. Kurz vor dem Ortsbeginn von Kípi liegt unterhalb der Straße, eingebetet in üppiges Grün, die dreibogige Brücke Tu Plakída, wahrscheinlich eines der meistfotografierten Motive der Zagória. Da unmittelbar vor mir eine deutsche Seniorengruppe über die Brücke herfällt, fahre ich bis in den Ort hinein, lasse den Wagen dort stehen und spaziere zu Fuß zur Brücke zurück. Aber die Senioren haben viel Zeit und halten die Brücke fest in Händen. Also setze ich mich erst einmal im Schatten der Brücke an das Ufer des Voidomátis und verzehre mein mitgebrachtes Frühstück. Endlich zieht die Reisegruppe weiter und so kann ich die Brücke doch noch in friedlicher Ruhe besichtigen. Auf dem Rückweg nach Kípi finde ich wenige Meter weiter auf der gegenüberliegenden Seite der Straße etwas versteckt in einem Seitental die Brücke Tu Kondodímu und am entgegengesetzten Ortsrand die ebenfalls dreibogige, aber niedrigere Mólos-Brücke, die zu einer verlassenen Wassermühle hinüberführt. Hier, abseits der Hauptroute, wo das Plätschern des Voidomátis das lauteste Geräusch ist, verirrt sich kaum ein Tourist hin, was sich in einer faszinierenden Flora und Fauna zeigt.

Während die erste Schildkröte in der Nähe der alten Wassermühle noch begeisterte Sympathie hervorgerufen hat, werden sie bei der Weiterfahrt in Richtung Negádes eher lästig: Stellenweise kriechen sie so zahlreich über die Fahrbahn, dass man einen regelrechten Slalom fahren muss, um die behäbigen Tiere nicht zu überfahren. Die Strecke führt durch dichte und enorm üppige, fast urwaldähnliche Wälder und endet schließlich in Negádes, einem verschlafenen kleinen Dorf mit der überproportional riesigen Kirche Ágios Geórgios. Leider ist sie ebenso geschlossen, wie das Kafenion auf dem Dorfplatz - diese Friedhofsruhe unter dem inzwischen tiefhängenden grauen Himmel macht mich ungewollt melancholisch. Also halte ich mich hier nicht länger auf, sondern mache mich auf den Weg zum zweiten Tagesziel für heute, zum Nordausgang der Vikos-Schlucht, Richtung Pápingo.

Als ich mich dem Dorf Arísti nähere wird der Himmel wieder heller und die Straße alpin - so macht Autofahren Spaß. In Arísti entdecke ich auf einem kleinen Platz am Ortseingang eine einladende Taverne und entschließe mich spontan, hier einen Mittagsimbiss zu mir zu nehmen. Auf der Terrasse der Taverne sitzen drei Handwerker bei Tsípouro-Mesédes - ein gutes Zeichen. Ich bestelle einen Choriatikí-Salat (Bauernsalat) und erhalte eine riesige Schüssel, gekrönt von einer mächtigen Scheibe Féta, mindestens einem halben Pfund, und einem halben, ofenfrischen Sesambrot (und natürlich ein Liter frisches Wasser). Von wegen, kleiner Imbiss...

Vom Platz der Taverne aus hat man eine prachtvolle Aussicht auf die Serpentinenstraße, die am gegenüberliegenden Hang nach Pápingo hinaufführt und bekommt einen ersten Eindruck von den Felsformationen am Nordende der Víkos-Schlucht, den sogenannten "Türmen von Pápingo". Nach einer kurzen Verdauungspause mache ich mich wieder auf den Weg.

Ausgehend von Arísti führt die Straße steil hinunter zum Talgrund, wo in einem dichten Platanenwald eine verwegen schmale Brücke den Voidomátis überquert. Die Stelle ist von paradiesischer Schönheit: Weißer Sandstrand flankiert den kristallklaren Fluß, der sich unter den üppig grünen Bäumen schlängelt, wobei das eiskalte, trinkbare Wasser des Voidomátis so intensiv türkisblau schimmert, dass es schon fast unwirklich erscheint. Hier, zu Füßen der "Türme von Pápingo" mit fast 2000 Meter direktem Höhenunterschied, kann ich eine kleine Pause nicht vermeiden!

Dann geht die Fahrt weiter - die Straße hoch, die ich von Arísti aus schon gesehen habe. In 19 (!) steilen Serpentinen windet sie sich vom Talgrund bis nach Pápingo und bietet zwischenzeitlich immer wieder atemberaubende Ausblicke auf die "Türme von Pápingo", die mehr als 2400 Meter hohen Bergspitzen des Mt. Astráka, die das grandiose nördliche Ausgangstor der Víkos-Schlucht bilden.

In Pápingo halte ich mich allerdings nicht weiter auf, sondern durchquere den Ort nur, um die angeblich schönste Naturbadewanne Griechenlands zu finden. Kurz vor Mikró Pápingo entdecke ich die im Reiseführer beschriebene kleine Brücke, von der aus ein Fußweg einige Meter in die Berge hoch führt. Und dann liegt sie tatsächlich vor mir: Eine bizarre Landschaft aus Felsplateaus, in die der kleine Gebirgsbach Rogovo im Laufe der Jahrtausende kleine Cañons und badewannengroße Vertiefungen ausgewaschen hat. Wunderschön, das Pamukkale von Epirus! Obwohl Sonne und Temperaturen durchaus geeignet wären, gebe ich meinen ursprünglichen Plan, hier einen kleinen Badeaufenthalt einzulegen, schnell auf, nachdem ich die Temperatur des Wassers erprobt habe: 12°C, wenn's hochkommt - also nur mit den Beinen hinein. Ich wate den Bachlauf bergauf und stelle fest, dass es nach oben hin noch schöner wird, vor allem die sich mehr und mehr über den Bachlauf ragenden Bäume verleihen der Szenerie einen märchenhaften Reiz. Nach ca. 200 Meter muss meine Erkundung stoppen, da der Bach hier einen Wasserfall hinabstürzt, dem ich nicht weiter bergauf folgen kann. Auf dem Rückweg rutsche ich auf den glitschigen Steinen aus, Gott-sei-Dank verletze ich mich nicht, nur meine Klamotten sind bis auf die Haut durchnässt. Egal - ich breite sie zum Trocknen auf die sonnenwarmen Steine aus und nutze die Pause zur Entspannung, zahlreiche Frösche und Eidechsen sind meine einzige Gesellschaft.

Es war nicht nur Griechenland, es war Dichtung, es war zeitlos und es war keine Stätte, wie Menschen sie wirklich kennen.
(Henry Miller)

Anderthalb Stunden später ist alles wieder trocken und ich trete die Rückfahrt an. Dabei mache ich einen Abstecher zum Ort Víkos, dem Namensgeber der Schlucht, der genau gegenüber von Pápingo am Nordende der Schlucht liegt. Es ist ein niedlicher kleiner Ort mit einem gut ausgebauten Panoramapunkt ("Víkos View"), von dem man genau der Länge nach in die Schlucht hineinblicken kann. Leider sind in den letzten Minuten dichte Wolken aufgezogen und die Luft ist diesig geworden, so dass ich die Aussicht von hier nicht angemessen würdigen kann. Nichtsdestotrotz sitze ich hier sehr schön und lausche dem Wind und dem Klang der Ziegenglocken, die immer wieder zwischen den steilen Berghängen ertönen. Später fallen ein paar dicke Tropfen und mir fällt unwillkürlich ein Wortspiel ein: Vikos Tränen für den letzten Abend in Epirus.

Zurück in Monodéndri mache ich vor dem Abendessen einen Spaziergang durch das Dorf - bei den grauen Wolken ändert sich der Eindruck der friedlichen Stille hin zu einer fast bedrückenden Einsamkeit. Im Winter möchte ich hier nicht leben! Die Taverne von gestern hat heute leider geschlossen, in der anderen, die von der deutsch sprechenden Frau Katarina geführt wird, ist die Auswahl an Gerichten nicht sehr groß, deshalb nehme ich Moussaká und dazu ein Amstel-Bier - beides kein kulinarischer Höhepunkt. Der anschließende Tsípouro (hier 5 cl) und die schöne Aussicht bei einer guten Zigarre trösten darüber hinweg! Mit dem zweiten Tsípouro erreiche ich schließlich die nötige Bettschwere.

Zagória:


Kípi:


Negádes:


Arísti:


Voidomátis:


Türme von Pápingo:


Potami Rogovo: