Zu den Bildern

Heute mache ich mich auf den Weg zum eigentlichen Höhepunkt des Urlaubs: Der Besuch der Zagória, jener legendären Berglandschaft zwischen Ioánnina und der albanischen Grenze, die so abgelegen ist, dass sie selbst den türkischen Besatzern zu entlegen schien, um sie wirklich beherrschen zu können. Um mir den Abstecher über Igoumenítsa zu ersparen wähle ich die Nebenstrecke über Paramythía, vollkommen bewusst der Tatsache, dass diese Route, wenn auch streckenmäßig kürzer, wohl kaum einen zeitlichen Vorteil bringen wird, aber Nebenstrecken haben halt oft ihren eigenen Reiz. Nachdem ich mit meinem kleinen "Blaubär" die grüne Hügellandschaft bis Paramythía durchquert habe, erwartet mich kurz darauf eine unangenehme Überraschung: Die letzten Kilometer bis zur Hauptstraße Igoumenítsa-Ioánnina sind wegen Umbaumaßnahmen in Zusammenhang mit dem Ausbau der Egnatia Odos gesperrt. Ohne viel Hoffnung, mich verständlich machen zu können, frage ich einen Straßenbauarbeiter nach möglichen Umleitungen; es stellt sich schnell heraus, dass er perfekt deutsch spricht.

Er erklärt mir die Alternativen, entweder weiter über kleine Nebenstrecken bis nach Ioánnina, oder über das von hier aus fertige Autobahnteilstück zurück nach Igoumenítsa und dann die klassische Route über die E90 weiter nach Ioánnina. Da ich die unabwägbaren Risiken der ersten Möglichkeit scheue, wähle ich die längere, aber voraussichtlich schnellere und vor allem sicherere Alternative. Da das brandneue Teilstück der Autobahn quasi im Feld endet, ist die Verkehrsdichte kaum messbar, so dass ich das Gaspedal durchtreten kann und gerade mal 10 Minuten später Igoumenítsa erreiche. Dort muss ich mich kurz durch die Innenstadt und am Hafen entlang quälen und nehme dann die Hauptstrecke nach Ioánnina. Das ist zwar eine tolle Bergstrecke, die sehr gut ausgebaut ist, aber auf Grund der enorm hohen Kurvendichte und zahlreicher Trucks aus aller Herren Länder ihre Zeit benötigt. Hier wird mir auch endgültig der Sinn des Ausbaus der Egnatia Odos klar: Die Verbindung von Igoumenítsa nach Thessaloníki bzw. weiter bis Istanbul ist die wichtigste Fernhandelsstrecke Südosteuropas.

Als ich schließlich Ioánnina erreiche, ist es bereits 11:30 Uhr und ich beschließe, vor der Weiterfahrt eine kleine Mittagspause im Ort zu verbringen. Bisher kannte ich die Stadt nur am Wochenende, heute ist Werktag und demzufolge haben alle kleinen Läden, Handwerker und Geschäfte geöffnet, so dass das Stadtbild von überbrodelnder Quirligkeit ist. Um mich zu stärken, suche ich wieder das gleiche Estiatório auf und lasse mich von gebratenen Auberginen, mit Röstzwiebeln gefüllt und mit Tomaten überbacken, dazu Bratkartoffeln verwöhnen. Für 4,50 € bekomme ich hier das bisher schmackhafteste Essen dieses Urlaubs, auch wenn der enorme Ölanteil im Essen einen für Mittags viel zu hohen Sättigungsgrad zur Folge hat. Nach einem kurzen Verdauungsspaziergang setzte ich meine Reise in Richtung Zagória fort.

Das Wort "Zagória" stammt aus dem slawischen ("zá góri") und bedeutet soviel wie "hinter den Bergen" - das sagt eigentlich alles. Von Ioánnina folge ich zuerst der Hauptstraße nach Norden, biege dann nach Osten ab und gelange kurz darauf in eine einsame Bergwelt - saftig grüne Wälder unter einem stahlblauen Himmel, Farben, zum Erblinden intensiv! Aufgelockert wird die Landschaft durch Heu- und Weidewiesen, die mit einer Blumenvielfalt aufwarten, die jeden Gärtner neidisch machen würde, hier aber nur die frei weidenden Rinder beglückt.

Nach einer halben Stunde passiere ich den Ort Vítsa und erreiche wenige Minuten später Monodéndri. Das Dorf wirkt irgendwie seltsam: Der vor einigen Jahren noch fast verlasse Ort wird komplett neu aufgebaut, alte Häuser im traditionellen Stil renoviert, neue Häuser im ebensolchen Stil errichtet - der gesamte Ort wirkt sauber und aufgeräumt, für griechische Verhältnisse fast steril. Die Architektur ist dabei wirklich faszinierend: Alles, wirklich alles wird aus den gleichen hellgrauen Steinen der Umgebung gebaut: Häuser, Mauern, Straßen, Dächer, Treppen - die von Natur aus plattigen Steine sind ein universeller Baustoff.

Sobald man ihn erblickt, erbaut aus dem grauen Stein des Berges, spürt man die enge gegenseitige Beziehung [...].
Wie ein Teil des Berges erhebt er sich, unablöslich mit ihm verbunden, zwischen Felsen eingekeilt.
Auch er ein Fels, den der Geist durchwehte.
(Nikos Kazantzakis)

In jedem zweiten Haus werden Zimmer angeboten, es ist offensichtlich, dass sich Monodéndri wie die gesamte Zagória einen massiven Aufschwung durch Wander- und Naturtourismus erhofft. Vom Dorfplatz aus ist der Weg zur Víkos-Schlucht bereits beschildert und nach einem kurzen Spaziergang stehe ich vor dem verlassenen, aber ebenfalls frisch renovierten Kloster Agía Paraskeví, das am südliche Ausgang der Víkos-Schlucht auf abenteuerliche Weise in die Felswand gebaut ist. Das kleine, fast 600 Jahre alte Kloster ist mit seinem niedlichen winzigen Innenhof und der uralten Kapelle an sich schon sehenswert, wäre aber vermutlich längst in Vergessenheit geraten, wenn man nicht von hier aus eine beeindruckende Aussicht über die Berge und einen tollen Blick in das Südende der Víkos-Schlucht werfen könnte.

Der eigentliche Höhepunkt des Ortes ist aber etwas anderes: Vom Kloster aus führt ein Weg zu einer Fluchthöhle, die sich mitten in einer benachbarten, mehrere hundert Meter senkrechten Felswand befindet. Dabei ist nicht die Höhle das eigentlich Spektakuläre, sondern der Weg dahin: Der Fluchtweg ist nicht mehr als ein Nut in eben dieser der Felswand, zwei Meter hoch, ein bis anderthalb Meter breit und natürlich vollkommen ungesichert. Diesen Weg zu gehen ist mehr als ein Wahnsinns-Erlebnis, das ist schon eine echte Grenzerfahrung! Besonders die Stelle, an der ein klaffender Bergspalt nur mit ein paar dicken Holzbohlen überbrückt ist, verlangt schon eine gewisse geistige Fassung. An einer Biegung, wo der Fluchtweg sich etwas verbreitert, mache ich eine kleine Pause - wenige Meter vor mir und 700 Meter tiefer rauscht der Voidomátis, ansonsten herrscht eine friedliche Stille, die nur von ein paar summenden Insekten, singenden Vögeln und dem Rauschen des Windes in den Bäumen kommentiert wird.

An diesem Punkt kann man auch den Kompass wegwerfen.
Braucht man, um der Schöpfung entgegenzutreten, einen Kompass?
(Henry Miller)

Zurück im Dorf erhole ich mich von dem erlebten Nervenkitzel bei einem Kafé frappé unter der alten Platane auf dem Dorfplatz - bei 24°C ein herrliches Plätzchen. In einer der zahlreichen Unterkunftsmöglichkeiten finde ich in einem restaurierten Altbau ein sehr schönes Zimmer mit Kamin im traditionellen Stil ("traditional rooms"), wo ich mich für zwei Nächte (á 30 €) einquartiere und mache mich anschließend direkt wieder auf den Weg. Es geht nach Oxiá, dem angeblich besten Aussichtpunkt in die Víkos-Schlucht, der tiefsten Schlucht der Welt.

Alleine der Weg von Monodéndri nach Oxiá ist eine Reise wert. Die Straße geht kurz nach Ortsausgang in eine Schotterpiste über, die umso schlechter wird, je höher sie in die Berge hinaufführt. Rechts und links der Piste weiden Ziegenherden, die von Hütehunden, die ihrem Namen alle Ehre machen, eifrig bewacht werden. Je weiter ich komme, desto pittoresker werden die Felsenformationen, die aussehen, als wären die hellgrauen Steinplatten absichtlich zu "Plattenbauten" aufeinander gestapelt worden. Warum sollten man die Ikonostase am Wegesrand aus einem anderen Material bauen? Die Orgie in hellgrau, grün und blau, hin und wieder von violetten Blütenfeldern unterbrochen, wird mit zunehmendem Bergpanorama immer grandioser und endet schließlich auf einer almartigen Hochebene, die ein wenig an die Dolomiten erinnert. Auf einem kleinen Parkplatz am Ende der Piste haben sich ein paar deutsche Wohnmobile versammelt, ein wahrhaft erlesener Stellplatz, den die meisten sich wohl nur deshalb anzusteuern trauen, weil er im "Schulz", der "Bibel der Wohnmobil-Fahrer" empfohlen wird.

Ich war mir, wie noch selten in meinem Dasein, voll bewusst, vor einem großen Erlebnis zu stehen.
(Henry Miller)

Vom Parkplatz aus sind es nur noch wenige Meter zu Fuß, dann stehe ich auf dem "Víkos-Balkon" und mir stockt der Atem. Ja, das ist wirklich der beste Aussichtpunkt in die Víkos-Schlucht und der Blick ist wahrlich ungeheuerlich! Von dem kleinen Felsvorsprung aus, der sogar mit einer niedrigen Mauer ein wenig gesichert ist, eröffnet sich nach Norden hin ein unbeschreiblicher, grandioser Blick in den Abgrund der Schlucht. 900 Meter geht es von hier fast senkrecht in die Tiefe, an deren grünem Grund sich der Voidomátis schlängelt - ein Bild, das man nie mehr vergisst! Nach Osten fällt der Blick in die Nebenschlucht Mégas Lákos ("Großer Graben"), die genau gegenüber von meinem Standpunkt in die Víkos-Schlucht einmündet. Vom Aussichtspunkt geht es noch ein paar Meter weiter - an der Seite wachsen zierliche weiße Blumen wie kleine Sterne, sogenannte "Berg-Milchsterne", eine Hyazinthenart, die mich an Tolkiens Beschreibung der zauberhaften Simbelmyne erinnern - dann endet der Weg abrupt und ohne weitere Sicherung vor dem senkrechten Abgrund. Genau hier lasse ich mich nieder, lege mich auf die sonnenwarmen Felsplatten und lasse den Zauber des Ortes bis in die tiefsten Fasern meines Herzens eindringen. Ein wahrhaft mystischer Ort, friedlich und still, ein Labsal für Auge und Geist.

Nirgendwo steht das Wort ENDE. Selbst die Felsen - und nirgendwo auf Erden war Gott so verschwenderisch mit ihnen wie in Griechenland - sind Symbole des ewigen Lebens.
(Henry Miller)

Abgesehen von einem Paar der deutschen Wohnmobil-Fahrer und einer griechischen Kleinfamilie ist es die ganze Zeit, in der ich hier bin, ruhig und menschenleer - lediglich der entfernte Klang von Ziegenglocken dringt an mein Ohr - nur Gott weiß, wo die wieder herumklettern...

Nach der Rückkehr zur Unterkunft und einer kleinen Pause mache ich einen Dorfspaziergang und wundere mich über die im Vergleich zum Dorf unverhältnismäßig große Kirche und die untypischen, kunstvollen Freskenmalereien in der benachbarten, uralten kleinen Kapelle. Zum Abendessen begebe ich mich in die gleichen Taverne am Dorfplatz, in der ich bereits am Nachmittag gesessen habe, wähle Kontosoúvli und dazu ein Alpha Bier, angesichts des üppigen Mittagsimbiss verzichte ich auf eine Vorspeise. Kontosoúvli, das sind große Stücke von Schweinefleisch am Spieß gegrillt, ähnlich wie Souvlákia, aber eben größere Fleischstücke und deshalb saftiger. Das Fleisch ist zart und gut gewürzt, dazu wird Zitrone, Senf und Ketchup gereicht, als Beilage gibt es gebratene Kartoffeln. Im Hinblick auf die üppige Fleischmenge ist der Preis von 7 € absolut gerechtfertigt.

Kaum dass die Sonne untergegangen ist, wird es schnell kühler, so dass ich froh bin, einen warmen Pullover dabei zu haben - bei der Lage des Dorfes in 1100 Meter Höhe auch nicht sonderlich überraschend. Da der Platz, wie das gesamte Dorf bis auf die Hauptstraße autofrei ist, herrscht eine ungewohnte Stille, erst als später ein Dutzend Mädchen in Janas Alter auf dem Dorfplatz einfallen und lautstark Verstecken spielen, kommt etwas Leben in die beschauliche Szenerie. Zur Feier des gedenkwürdigen Tages genehmige ich mir noch einen Tsípouro (0,60 €), der, auch hier ohne Anisaromatisierung, es mit jedem erstklassigen Grappa aufnehmen könnte. Scheinbar ist der Genuss von Tsípouro bei ausländischen Touristen nicht sehr verbreitet, jedenfalls freut sich der Wirt über meine Bestellung so sehr, dass er mir zusätzlich eine Süßspeise serviert und es ihm wichtig ist, mir begreiflich zu machen, dass beides aufs Haus geht. Die Süßspeise besteht aus einem fünf Zentimeter großen Quader aus Fruchtgelee, mit Rosenöl aromatisiert, da spürt man das orientalische Erbe in der griechischen Küche. Satt und müde mache ich zum Abschluss noch einen kleinen Abendspaziergang durch das stille Dörfchen.

Unterwegs:


Mit meinem "Blaubär" in der epirotischen Einsamkeit

Ioánnina:


Zagória:


Monodéndri:


Agía Paraskeví:


Monodéndri:


Oxiá:


"Plattenbauten" auf dem Weg nach Oxia

Víkos-Schlucht:


Monodéndri: