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Am Morgen verlasse ich Ioánnina und mache mich auf den Weg nach Árta, ca. 80 Kilometer südlich von Ioánnina. Die Fahrt führt durch eine bildschöne Berglandschaft mit dichten Laubwäldern, besonders die zweite Hälfte, wo die Straße dem Tal des Loúros folgt, ist äußerst reizvoll. Gegen 8:30 Uhr erreiche ich den westlichen Stadtrand, wo mich bereits die Hauptsehenswürdigkeit der Stadt erwartet: Die alte Steinbrücke von Árta, die an dieser Stelle den wasserreichen Árachthos überspannt, der die Stadt von drei Seiten umfließt. Der Sage nach brach die Brücke beim Bau jede Nacht zusammen, erst als gemäß einer Weissagung die Frau des (türkischen!) Baumeisters in das Fundament eingemauert wurde, konnte die Brücke vollendet werden. Wie dem auch sei - seit nun 400 Jahren hält die Brücke und wird von Fußgängern bis auf den heutigen Tag genutzt. Die Brücke ist mit ihren vier unterschiedlich hohen Bögen ein Meisterwerk osmanischer Brückenbaukunst und mündet auf der stadtzugewandten Seite auf einem kleinen Platz, auf dem eine Platane, die vermulich noch älter als die Brücke ist, beweist, dass ein einziger Baum durchaus reicht, um auch ein großes Kafenion vollständig mit Schatten zu versorgen.

Ich lasse den Wagen am Stadtrand stehen und erforsche zu Fuß das geschäftige Treiben der Stadt. Árta ist bekannt für seine große Zahl byzantinischer Kirchen, leider wird die Kirche Panagía Parigorítissa, die mich am meisten interessiert, als Museum genutzt und das bedeutet: Montags geschlossen - schade! Ich tröste mich mit der Besichtigung einiger anderer schöner Kirchen und treibe dabei immer tiefer in die absolut touristenfreie Innenstadt, die mit ihren verwinkelten Straßen und Plätzen einen fesselnden Zauber auf mich ausübt. Die Stadt pulsiert von Leben, eine unglaubliche Anzahl von Kafenions zwingt mich geradezu, hier zu verweilen und bei einem Kafé frappé der chaotischen und doch gleichzeitig entspannten Atmosphäre der Stadt zu erliegen. Árta ist eine Stadt von der Art, wie ich sie liebe; eine Woche in dieser Stadt und du würdest die griechische Seele verstehen!

Ich spürte sofort, was Griechenland ist, was es gewesen war und was es immer sein wird,
selbst wenn es das Unglück haben sollte, von amerikanischen Touristen überlaufen zu werden.
(Henry Miller)

Eigentlich müsste ich länger hier bleiben, aber das würde bedeuten, dass ich andere Ziele streichen müsste. Eine schwere Wahl. Schließlich entscheide ich mich, die Tour wie geplant fortzusetzen und heute nur kurz in Árta zu verweilen, aber ein Versprechen gebe ich mir: Ich werde wiederkommen! Die Erkenntnis, dass der Frappé hier lediglich 1,30 € kostet (sonst 2 bis 2,50 €) bestärkt mich in der Entscheidung, hier nicht zum letzten Male in meinem Leben gewesen zu sein. Auf dem Rückweg zum Auto kaufe ich mir eine ofenfrische griechische Pizza als Reiseproviant und begebe mich dann auf die Weiterfahrt in Richtung Westen, Richtung Meer.

Westlich von Árta ändert sich das Landschaftsbild hin zu einer typisch mediterranen Küstenebene: Die Straße ist von Oleander und Bambus gesäumt, rechts und links von ihr erstrecken sich ausgedehnte Plantagen mit Zitrusfrüchten. Nach kurzer Zeit erreiche ich die Küstenstraße, der ich in nördlicher Richtung folge. Eine herrliche Strecke: Links von mir verschwimmt das Meer im gleißenden Mittagslicht, die Straße ist beidseitig von blühendem Ginster und Zypressen flankiert und auf dem schmalen Landstreifen zwischen Bergen und Meer gedeihen die Oliven. Ab Rizá ist die Fernstraße wegen Bauarbeiten gesperrt, die Umleitung führt über eine kleine Straße direkt am Meer und unberührten Stränden entlang. Kurz nach der Überquerung des sumpfigen Deltas des Achéron, des Todesflusses der altgriechischen Mythologie, zweige ich auf die Nebenstrecke nach Párga ab und bekomme schon beim Anblick der malerischen Bucht von Agía Kyriakí einen Vorgeschmack auf die Schönheit der griechischen Nordwestküste.

Die Straße windet sich noch einige Kilometer um die bewaldeten Berge, dann plötzlich, nach einer Kurve liegt es vor mir: Párga. Der Ort liegt in einer wunderschönen kleinen Bucht, die Häuser ziehen sich amphitheatralisch die Hänge hoch, so eng und verwinkelt, nur von Treppengassen durchzogen, dass kein Auto es bis hinunter zur malerischen Hafenpromenade schafft. Ein idyllisches Panorama! Am westlichen Ende wird die Bucht durch einen Felsenhügel begrenzt, auf dem Festungsruinen zu erkennen sind. Mitten in der Bucht liegt im flachen Wasser eine kleine Insel mit einer Kirche darauf. Ich lasse den Wagen oberhalb des Ortes stehen und finde auf Anhieb in einer der zahlreichen Pensionen ein hervorragendes Zimmer, eigentlich ein Appartement, mit großem Bad, Küche und Balkon mit leicht verbautem Meerblick. Für 30 € habe ich nie luxuriöser gewohnt.

Inzwischen ist die heißeste Zeit des Tages erreicht und in der windgeschützten, nach Süden geöffneten Bucht steigt die Temperatur über den Grenzwert, bei dem man sich noch viel bewegen sollte. Also suche ich mir ein schönes Plätzchen in einem der zahlreichen Lokale direkt an der Hafenpromenade und nutze die Mittagspause mit einem Kafé frappé zur Regeneration. Bei diesem Ausblick, Wetter und Kulisse stellt sich sofort das typische, klischeemäßige Griechenlandurlaubs-Feeling ein. Beinahe inselgriechisch, die Szenerie hier - aber nicht schlecht!

Gut ausgeruht mache ich mich schließlich auf den Weg hoch zur Festung, der Gang durch das steile Labyrinth aus Gassen und Treppen ist nicht wenig schweißtreibend. Lohn der Mühe ist eine Aussicht, die mit den schönsten Aussichtpunkten, die ich in Griechenland kenne (Fakístra, Náfplion, Voidokiliá) durchaus mithalten kann. Eingebettet in den grünen Rahmen der Kiefern liegt die Stadt Párga vor mir, zur Rechten begrenzt von dem stadtnahen Sandstrand und bewacht von der kleinen Insel Panagía bietet sich mir ein phantastisches Panorama. Die Intensität der Farben, das Weiß und Rot der Stadthäuser, das Grün der Bäume, das Blau des Himmels und das tiefe Türkis des Meeres bilden eine Komposition beeindruckender Schönheit.

Anschließend erklimme ich die höhergelegene venezianische Festung, die mich mit ihren Überresten von Wachtürmen, Gängen und Kasematten stark an die Palamidi-Festung in Náfplion erinnert. Hier oben weht ein frischer Wind und ich muss aufpassen, dass ich dabei die Intensität der Sonne nicht unterschätze. Auf der stadtabgewandten Seite des Felsens befindet sich in einer weiten Bucht der Váltos-Strand, ein feinsandiger Traumstrand, der direkt an die intensiv grünen Hänge anschließt und noch durch keine großen Hotelanlagen verbaut ist - ein Paradies für Badeurlauber!

Von der Festung zurückkehrend suche ich erneut den Aussichtpunkt von vorhin auf und mache es mir dort bequem. Im Schatten sitzend, beim betörenden Duft der Kiefern und dem einlullenden Rauschen des Meeres, kann ich mich von dem herrlichen Bild gar nicht mehr losreißen und tue lange Zeit nichts anderes, als einfach nur die Aussicht auf mich wirken zu lassen. Maler müsste man sein! Nach fast 1½ Stunden trete ich dann schließlich doch den Rückweg an, bummele durch die basarähnliche Altstadt voller Souvenirläden und Tavernen und lasse mich einfach durch die kykladenartig verwinkelten, weiß gekalkten Gassen treiben. Am Rande zur Neustadt stehe ich vor der Kirche Ágios Nikoláos, ein Neubau einer orthodoxen Kirche im traditionellen Stil. Langsam gehe ich zu meiner Unterkunft zurück, dusche und ruhe mich aus und spaziere später erneut hoch zur Festung, um das grandiose Stadtpanorama noch einmal im warmen, goldenen Licht des beginnenden Abends zu erleben.

Solange wir ein Glück erleben, sind wir uns dessen nie so recht bewusst. Erst wenn es uns verlassen hat und wir Rückschau halten, merken wir plötzlich - und zuweilen mit Erstaunen -, wie glücklich wir waren.
Ich aber war glücklich und wusste das.
(Nikos Kazantzakis)

Auf dem Weg zum Abendessen kann ich an einem kleinen Geschäft mit lokalen Spirituosenspezialitäten nicht vorbeigehen, wo ich nach einer großzügigen Verkostung von 5- und 7-Sterne Metaxá schließlich eine kleine Flasche Oúzo aus einer ortsansässigen Brennerei erwerbe. Zum Essen wähle ich eine der zahlreichen Tavernen auf der Promenade - wenn ich hier schon um eine touristische Lokalität nicht herumkomme, dann will ich wenigstens eine schöne Aussicht beim Essen haben.

Im "To Souli" wähle ich Auberginensalat, gefüllte Tomaten und Paprika mit Kartoffeln und zur Abwechslung heute mal einen Retsína. Nach dem Essen wird der internationale Flair des Ortes besonders deutlich: Hier wird das benutzte Geschirr vom Tisch abgeräumt, das ist in griechischen Tavernen eigentlich vollkommen unüblich. Dafür ist das Preis-Leistungsverhältnis (11 €) eher mittelmäßig. Im Schein der angestrahlten Festung gönne ich mir, auf der Hafenmole sitzend, eine besonders dicke Nicaragua, anschließen beende ich den Tag mit einem langen Spaziergang, der mich im weiten Bogen östlich um das Städtchen herum führt; Glühwürmchen sorgen für die richtige Stimmung. Selbst wenn sich am Ende des Urlaubs herausstellen sollte, dass dieser Tag, der eigentlich als nicht viel mehr als ein "Lückenfüller" gedacht war, der beste Tag war, dann hat der Urlaub sich schon gelohnt: Selten war ich so entspannt, wie heute!