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Eine Woche Griechenland-Urlaub, so ganz ohne antike Kultur, das geht nun wirklich nicht. Also steht für heute Vormittag Dodóni auf dem Programm. Dodóni, das älteste und nach Delphí zweitbedeutenste antike Orakel liegt ca. 20 Kilometer südwestlich von Ioánnina in einem abgelegenen Tal unterhalb des 1800 Meter hohen Mt. Tómaros. Die ersten Kilometer folgt die Straße der eher langweiligen Ebene von Ioánnina, dann zweigt der Weg nach Westen ab und führt unvermittelt höher in die Berge, wo das Fahren wieder richtig Spaß macht. Nach der Überquerung eines Bergkamms wird der Blick schließlich frei auf ein unerwartet reizvolles, stilles grünes Tal, an dessen gegenüberliegender Seite sich der mit letzten Schneeresten bedeckte Mt. Tómaros erhebt.

Als ich den Parkplatz der antiken Stätte erreiche, stehen immerhin schon zwei Autos dort, eines davon mit lokalem Kennzeichen, vermutlich der Mann im Kassenhäuschen - überlaufen scheint es also in den frühen Morgenstunden hier nicht zu sein: Genau das Richtige für mich! Nachdem ich den Eintritt von 2 € entrichtet habe betrete ich die Anlage, eine weiträumige, üppig grüne, baumbewachsene Wiesenlandschaft, die von dem riesigen Amphitheater zur Linken beherrscht wird. Das unter König Pyrrhus im dritten Jahrhundert v. Chr. erbaute Theater ist mit seinen fast 18.000 Sitzplätzen mindestens so beeindruckend, wie das vom Epídavros. Genau wie dieses ist es ist überraschend gut erhalten und steht dem berühmteren Kollegen auch bezüglich der ausgezeichneten Akustik nur wenig nach. Seltsam, dass Dodóni so vergleichsweise unbekannt ist, der einzige Besucher außer mir verliert sich in den Weiten des Theaterrundes. Als erstes erklimme ich die 52 Sitzreihen des Theaters, auf halber Höhe erschreckt mich die plötzliche Flucht einer mittelgroßen Schlange dermaßen, dass ich beinahe rückwärts die Stufen herunterfalle. Oben angekommen, lasse ich mich auf der höchsten Steinreihe nieder und genieße mein Frühstück im Angesicht dieser grandiosen Kulisse.

Ich frühstückte friedlich in der Sonne und empfand ein tiefes körperliches Behagen,
als segelte ich über ein grünes und kühles Meer.
(Nikos Kazantzakis)

Die Ruhe in diesem Tal ist wirklich phänomenal, der vom gegenüberliegenden Dorf herüberwehende Gesang eines Popen mischt sich mit dem fernen Klang von Schafsglocken, vielstimmigem Vogelgezwitscher und dem Rufen der Kuckucke. Ein Wiedehopf, den ich bislang nur von Bildern kenne, flattert vor mir über die Steine, die riesigen Hummeln, die sich über die vielfältigen Blüten hermachen, verursachen noch den größten Lärm. Nachdem ich eine dreiviertel Stunde der friedlichen Stille gelauscht und die nach Liebstöckel und Heu duftende Luft geatmet habe, betreten drei Männer, vermutlich Angestellte, die Bühne: Ihr Gespräch kann ich hier auf der obersten Reihe mühelos verfolgen - tolle Akustik!

Anschließend besichtige ich den Rest der Anlage, das unverzichtbare Stadion, das Buleuterion, einige Reste kleiner und größerer Tempel sowie natürlich das eigentliche Zentrum des Heiligtums: Die Orakelstätte mit der Heiligen Eiche, aus deren Blätterrauschen die Priester den Willen des Gottes Zeus zu deuten verstanden. Zwischen den Steinen und Blumen tummeln sich Schlangen und Eidechsen, Insekten und zahlreiche Vögel - ein wahres Naturparadies. Im Schatten einer großen Eiche lasse ich mich nieder; mit dem Höhersteigen der Sonne erwachen auch die Zikaden und erfüllen das Tal mit ihrem einlullenden Zirpen - irgendwann mache ich die Augen wieder auf und sitze immer noch hier...

Schließlich treffen weitere Touristen ein, erst vereinzelt ein niederländisches und zwei griechische Ehepaare, dann, kurze Zeit darauf, die ersten Reisegruppen. Jetzt wird es für mich langsam Zeit, den Rückweg anzutreten. Zurück in Ioánnina lasse ich das Auto in der Nähe des Hotels stehen und gehe zur Bootsanlegestelle, wo ich für 1,30 € zur Insel im See übersetze. Die kleine Insel im Pamvótis-See hat genau wie das auf ihr befindliche Dorf keinen richtigen Namen, sie wird einfach als "Nissí Ioánninon", also als "Insel von Ioánnina" bezeichnet, aber meistens einfach nur kurz als "Nissí".

Jetzt zur Mittagszeit ziehen die vorhergesagten Wolken auf und es wird schwül und drückend, deswegen verfalle ich nicht in übertriebenen Aktivismus, sondern lasse mich erst einmal auf dem netten kleinen Dorfplatz nieder und bestelle mir eine von den hier überall beliebten Tsípouro-Mesédes, also ein Gläschen Tsípouro, zu dem ein Teller mit gemischten Vorspeisen serviert wird. Während der thessalische und makedonische Tsípouro üblicherweise mit Anis aromatisiert wird und deswegen ähnlich wie Oúzo schmeckt, wird dem epirotischen Tsípouro kein Anis zugesetzt, so dass er eher einem Grappa gleicht (was er ja auch eigentlich ist). Die Mesédes bestehen heute aus Brot, ein paar Pommes, weißen Riesenbohnen in Tomatensoße (Gígantes), einem Stück Tomate und drei Fleischbällchen (Keftedákia). Da der ganze Spaß lediglich 1,80 € kostet und ich hier so herrlich sitze, gönne ich mir später das Gleiche noch mal. Diesmal gibt es an Stelle der Bohnen eine kräftig gewürzte Feta-Creme (Galotíri). Unnötig zu erwähnen, dass dazu - wie immer und überall - ein Glas oder sogar eine ganze Karaffe frisches Wasser serviert wird, diese wunderbare Tradition ist zum Glück in Nordgriechenland noch überall verbreitet.

Das Glas Wasser ... überall sah ich das Glas Wasser.
Es wurde zu einer Besessenheit, Wasser wurde für mich etwas Neues, ein wesentliches Lebenselement.
(Henry Miller)

Die Inselbesucher ziehen im 30-Minuten-Takt der Fährboote vorbei und ich genieße währenddessen die kleinen Happen und die Ruhe, und die beiden Tsípouro tragen auch nicht gerade dazu bei, dass ich hier wieder schnell aufstehe. Nach ca. zwei Stunden raffe ich mich schließlich doch auf, um die berühmten Klöster des Inselchens zu besuchen.

Das Kloster Philanthrópenon ist zurzeit leider nicht geöffnet, dafür aber das Ágios Nikoláos, wo ich einen unbeobachteten Augenblick sogar für ein Photo der großartigen, jahrhunderte alten Fresken nutzen kann. Von dort aus folge ich dem Uferweg, der einmal um die ganze Insel führt - angesichts der Kleinheit der Insel nicht mehr als ein Spaziergang. Abgesehen von der Nordseite, wo sich der Hafen befindet, ist die Insel rundherum von einem breiten Schilfgürtel umgeben, der ein Biotop für sich darstellt: Zahlreiche Wasservögel finden in dem dichten Bewuchs Schutz, die abertausende Frösche machen sich dagegen nur durch ihre Geräusche bemerkbar. An Stellen, wo der Weg direkt ans Wasser führt, sieht man kleine Aale und mächtige Karpfen im flachen Wasser; dazwischen eine üppige Pflanzenwelt mit den wunderschönen Sumpf-Schwertlilien. Die warmen, stark zerklüfteten Kalkfelsen auf der landesinneren Wegseite sind ein Paradies für unzählige Eidechsen aller Arten, sogar große, leuchtend grüne Riesensmaragdeidechsen tragen ihren Teil zum Erhalt der Vielfalt bei.

Einmal rund um die Insel erreiche ich am anderen Ende des Dorfes das Kloster Ágios Panteleímon. Die alte Klosterkirche ist nur noch eine Ruine, der Rest hingegen gut restauriert und beherbergt ein kleines Ali-Pasha-Museum in Gedenken an die Tatsache, dass der "Löwe von Ioánnina" hier im Jahre 1822 erschossen wurde, weil er dem Sultan in Istanbul zu mächtig geworden war. Anschließend spaziere ich kreuz und quer über und um die Insel und setze mit der 17:30 Uhr Fähre wieder nach Ioánnina zurück. Während ich ein paar Minuten auf die Fähre warte, klart der Himmel wieder auf, so dass sich bei der Überfahrt vom Boot aus schöne Ausblicke auf die Fetije- und die Aslan-Moschee ergeben. Müde vom Laufen setze ich mich gegenüber dem Tor zur Zitadelle in eine Straßentaverne und stille meinen Durst mit einem gut gekühlten Mythos-Bier. Während ich dort sitze und im Reiseführer schmökere, lese ich zufällig, dass genau diese Taverne "To Manteio", in der ich mich gerade befinde, im Reiseführer als stadtbekannt für ihre guten Souvláki erwähnt wird. Das muss ich mir fürs Abendessen merken!

Während ich mich später im Hotel frisch mache, ändert sich die Wetterlage von Grund auf: Die am Nachmittag herrschende schwüle Wärme ist verschwunden und ersetzt durch klare, frische Luft bei wolkenlosem, strahlend blauem Himmel. Der Empfehlung des Reiseführers folgend suche ich zum Abendessen die erwähnte Taverne auf und wähle Souvlákia (6 €), Tsatsiki (2,50 €) und ein weiteres Mythos-Bier (2 €). Als Beilage gibt es gewürzten Reis, bestreut mit Kefalotiri-Käse und zusätzlich Pommes. Die Portion ist äußerst üppig bemessen und sehr lecker - das war ein durchaus guter Tipp. Wieder einmal viel zu satt starte ich meinen Verdauungsspaziergang, der in der sternenklaren Abendluft noch mehr Spaß macht, als am Vortag.

Dodóni:


Nissí Ioánninon:


Ioánnina: