Épirus 13.05.2005

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Epirus - nicht allzu viele wissen mit diesem Namen etwas anzufangen - Epirus liegt im Abseits. Die üblichen Griechenland-Urlaubsklischees greifen hier nicht. Epirus ist noch zu entdecken.
(Manfred E. Schuchmann)

Freitag, der 13.: Es ist 8:13 Uhr, als ich den Bahnsteig betrete, um mit der S-Bahn Linie 13 zum Flughafen Köln-Bonn zu fahren - da kann ja nichts mehr schief gehen! Am Flughafen angekommen wird mir schnell bewusst, dass sich die günstigen Preise von germanwings auf der Route nach Thessaloníki inzwischen herum gesprochen haben: Während ich vor zwei Jahren direkt zum Check-in-Schalter durchgehen konnte, erwarten mich heute vor den Schaltern Schlangen, die jeder Pauschalurlaubs-Hauptsaison zur Ehre reichen würden. Davon unbeeindruckt hebt der Flieger pünktlich ab, zieht nach knapp 2½ Stunden angenehmen Fluges eine weite Schleife über die Reisfelder des Axiós-Deltas und landet ebenso pünktlich um 14:30 Uhr auf dem Flugfeld in Thessaloníki, wo mich ein warmer Wind unter leicht grau verhangenem Himmel empfängt. Da mein Koffer höflich allen anderen den Vortritt gelassen hat, bin ich am Mietwagenschalter das Ende der Schlange, so dass es gut eine Stunde dauert, bevor ich mich mit einem blauen Fiat Panda, dem ich sofort den Spitznamen "Blaubär" verpasse, auf die Autobahn einfädeln kann. Der Autobahnring um Thessaloníki herum ist inzwischen vollständig fertig gestellt, und auch wenn er 2 € Maut kostet, bezahle ich gerne, weiß ich doch, dass die Alternative, die alte "ring-road" mindestens 1½ Stunden Stau, Ampeln und Nerven bedeutet, während es auf der neuen Autobahn lediglich 30 Minuten bedarf, die weit ausufernde Stadt hinter sich zu lassen.

Mein erstes Ziel heißt Grevená, genau wie vor zwei Jahren, nur dass ich von dort nicht nach Süden, sondern weiter nach Westen will, aber das erst morgen. Bis Grevená kenne ich die Strecke und erwarte demzufolge keine weiteren Sehenswürdigkeiten. Die flachen Mündungsebenen des Axiós sowie des Aliákmonas sind bei dem diesigen Wetter noch langweiliger als sonst, aber kaum habe ich Véria hinter mir gelassen, folgt die erste Überraschung: Das auf der aktuellen Straßenkarte noch als "in Bau" gekennzeichnete Teilstück der Egnatia Odos (der durchgehenden Autobahnverbindung von Igoumenítsa bis Istanbul) westlich von Véria ist bereits fertig und erspart mir eine zwar landschaftlich reizvolle, doch zeitraubende Fahrt über die Gebirgspässe. Die Trassenführung der neuen Autobahn braucht sich auch im internationalen Vergleich nicht zu verstecken: Kein einziger Meter führt über gewachsenen Boden, nahtlos wechseln sich Tunnel, Brücken, Aufschüttungen und Einschnitte einander ab. Durch die beiden neuen Autobahnstücke komme ich merklich zügiger voran als geplant, auch der zwischen Kozáni und Siátista einsetzende Regen ändert daran nichts.

Als ich gegen 17:45 Uhr in Grevená eintreffe, begrüßt mich strahlender Sonnenschein. Gespannt, ob es die billige alte Absteige noch gibt, in der ich vor zwei Jahren untergekommen war, steuere ich zielstrebig den Ortsmittelpunkt an und siehe da: Es gibt noch ein Hotel. Allerdings hat sich nicht nur der Name geändert, sondern auch das Innenleben: Das alte Gemäuer ist komplett renoviert und beherbergt jetzt ein sehr schönes, aber leider nicht mehr billiges Hotel im Business-Stil inkl. Internetanschluss und Frühstücksbüfett. Man gönnt sich ja sonst nichts...

Wenige Kilometer südlich von Grevená gab es doch diese wundervolle Stelle, an dem die Straße den Venétikos überquert - dieser Stelle noch einen kurzen Besuch abzustatten ist genau das Richtige, was vor dem Abendessen noch passt. Gesagt, getan, eine Viertelstunde später erreiche ich den reizvollen Platz, der mich nach wie vor begeistert. Das gurgelnde Nass, das sich durch die engen Felsen schlängelt, übt einen unverminderten Zauber auf mich aus. Ein Angler, der am glasklaren Wasser auf Fische wartet, verleiht der Szene etwas zusätzlich Meditatives. Ich spaziere ein paar Meter flussaufwärts und werde mir erst jetzt allmählich des Glücksgefühls bewusst, dass - wenn nichts dazwischenkommt - die herrlichste Woche des Jahres unmittelbar vor mir liegt.

Nach der Rückkehr nach Grevená erfrische ich mich zuerst im Hotel und mache mich anschließend zu einem kleinen Stadtbummel auf. Das Wetter lädt ein, draußen zu essen, also lasse ich mich in einer ansprechenden Taverne nieder, unmittelbar neben der, in der ich vor zwei Jahren gespeist habe. Der Wirt führt mich an den verführerisch duftenden Holzkohlegrill und empfiehlt mir Lamm- oder Schweinefleischspieße. Ich nehme von beiden etwas, dazu einen Bauernsalat ("choriatikí saláta") und zwei Flaschen Mythos-Bier. Die Tatsache, dass der Wirt sehr gut deutsch spricht verwundert mich zunächst, er ist nach dem Shuttlebus-Fahrer der Autovermietung schon der zweite heute. Es werden nicht die letzten bleiben - gerade im nicht-touristischen Nordgriechenland ist der Anteil der Männer, die im Ausland - und besonders in Deutschland - den Lebensunterhalt verdient haben, spürbar hoch. Fleisch war in Griechenland immer schon etwas teuerer, also überraschen mich die 14 € nicht - die Qualität war es wert. Eine gute Zigarre zum Abschluss lässt den ersten Tag des Urlaubs genüsslich enden.

Von meinem Platz aus bemerke ich, wie sich die Stadt im Laufe des Abends mit Leben füllt. Schön, dass der Eindruck von Lebendigkeit, den ich vor zwei Jahren hier gewonnen habe, nicht getäuscht hat. Als ich gegen 22 Uhr auf dem zentralen Ortsplatz eintreffe, könnte man denken, es wäre Jahrmarkt. Ich setze mich auf eine Bank und nehme die Atmosphäre lange in mich auf, später schlendere ich weiter ziellos durch die Straßen. Wenn man ehrlich ist muss man zugeben: Die Stadt ist hässlich, verbaut, verwinkelt und chaotisch, ein Vólos in klein: Ich liebe sie! Die Straße, die neben dem Hotel verläuft, gleicht der Friesenstraße in Köln am Wochenende: Hunderte junge Leute sitzen draußen, trinken und amüsieren sich bei moderner Musik; es herrscht eine ungebrochen vergnügte Stimmung, und das in einer Kleinstadt von ein paar zehntausend Einwohnern mitten in der tiefsten Provinz.

Die Alpen:


Axiós-Mündung:


Grevená:


Venétikos-River: