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Nach einem kleinen Morgenspaziergang über die Uferpromenade, auf der sich überraschend viele Angler herumtreiben, fahre ich zur Palamidi-Festung hoch. Als erstes suche ich mir auf der Nordwestmauer ein schönes Plätzchen und frühstücke dort bei gleichzeitigem Panoramablick über Nafplion, den Argolischen Golf und die Argolische Ebene. Die Luft ist morgenfrisch, das Licht klar und die Fernsicht entsprechend ausgezeichnet.

Was die Berge, die Dörfer, die Erde Griechenlands schwerelos und durchsichtig erscheinen lässt, ist das Licht. […] Das Licht in Griechenland ist voller Geist; solches Licht half dem Menschen, klar zu sehen, Ordnung in das Chaos zu bringen, es zum Kosmos zu gestalten. Und Kosmos, Welt heißt Harmonie.
(Nikos Kazantzakis)

Gut gestärkt besichtige ich anschließend die ausgedehnte Festungsanlage. Sie ist interessanter, als ich erwartet hatte - hochgefahren war ich eigentlich nur wegen der Aussicht - aber auch die Überbleibsel der einstmals stärksten Festung Griechenlands hat ihren eigenen Reiz. Viel ist zwar nicht erhalten, aber das wenige dafür noch recht gut: Endlos lange Treppen, Wachtürme, von denen man einen herrlichen Blick bis hin zur Stadt Argos mit ihrer ähnlich mächtigen Festungsanlage hat, Verliese, in denen man unweigerlich jedwede Hoffnung auf Freiheit aufgeben musste, die Burgkapelle und ein paar andere Details. Den beeindruckendsten Punkt der Anlage finde ich eher zufällig: Wenn man den Mauerruinen ein Stück nach Süden folgt, erreicht man mit ein wenig Klettern den höchsten Punkt der Burg, der gleichzeitig der höchste Punkt des ganzen Berges ist. Von dort aus hat man nicht nur einen gewaltigen Fernblick, sondern sogar eine uneingeschränkte 360° Rundumsicht, die im Norden, Osten und Westen nur durch die Bergketten der Párnonas- und Arachnéo-Gebirge begrenzt ist, nach Süden bis zum Horizont und nach Südosten bis zur Insel Hýdra reicht, die immerhin 65 Kilometer Luftlinie entfernt ist. Phantastisch!

Von der Aussicht gesättigt, mache ich mich auf den Weg nach Epidavros. Das weltberühmte Theater - in der Antike nur Nebenschauplatz einer perfekt durchorganisierten Heilungsanstalt - beeindruckt natürlich durch die wirklich sagenhafte Akustik, aber das ist es nicht alleine, was den Besuch hier zu einem emotionalen Erlebnis macht. Die Größe, der Erhaltungszustand, die unbeschreiblich harmonische Eingliederung der Ränge in die sanfte Hügellandschaft und dazu das Bewusstsein, hier auf fast zweieinhalbtausend Jahren alten Zeugen einer Hochkultur zu sitzen, erfüllt mich mit tief empfundenen, nicht beschreibbaren Gefühlen.

Ehe ich nach Epidauros kam, wusste ich nicht, was Friede ist. [...] In Epidauros, in der Stille, in dem tiefen Frieden, der über mich kam, hörte ich das Herz der Welt schlagen.
(Henry Miller)

Abwechselnd wird das große Halbrund von lärmenden Schulklassen und internationalen Reisegruppen heimgesucht, die wenigen individuell reisenden Senioren fallen nicht weiter auf. Dazwischen gibt es immer wieder Augenblicke, in denen die Geräusche der Natur, Wind und Vögel, die einzigen sind, die auf den Sitzreihen wahrnehmbar sind. Aber auch Reisegruppen haben hier ihre durchaus positiven Aspekte: Die Reiseleiter demonstrieren die unbeschreibliche Akustik mit dem typischen Programm: Händeklatschen, Flüstern, Münze fallen lassen u.s.w. - alles ist bis in die letzte Reihe glasklar zu hören. Ein besonderer Höhepunkt bietet eine französisch sprechende Gruppe, von denen zwei Frauen - mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgebildete Sängerinnen - eine hymnenartige Gesangseinlage vorführen, ein wirklicher Ohrenschmaus. Auf einem schattigen Platz in der obersten Reihe führe ich ein langes Gespräch mit einem sehr rüstigen und weitgereisten deutschen Seniorenpaar, das für vier Wochen mit dem Zelt (!) in Griechenland unterwegs ist, bis eine zweite kostenlose Vorführung, diesmal von einer japanischen Sängerin wieder die Ohren verzaubert. Es ist schon eine tolle Situation: Da sitzen Deutsche in einem 2500 Jahre alten griechischen Theater und lauschen japanischen Weisen.

Mehr als zwei Stunden verbringe ich im Theater, bevor ich mich dazu durchringe, diesen wunderbaren Ort zu verlassen, um auch den Rest des Asklepios-Heiligtums von Epidavros zu besichtigen. Außer dem Theater und dem Stadion sind allerdings nur Fundamente erhalten geblieben, die ursprünglichen Bauwerke werden zurzeit teilweise rekonstruiert. Inzwischen hat die Sonne ihren höchsten Stand erreicht und beweist erneut, welche Kraft sie besitzt. So bin ich froh, dass ein leichter Wind Kühlung verschafft und von den üppig wachsenden Kamillen und Kiefern nicht nur ein äußerst wohlriechender Duft ausgeht, sondern letztere auch noch reichlich Schatten spenden. Überall wird es immer erst dann voll, wenn es heiß wird, so auch diesmal. Wie es hier in der Hauptsaison aussieht, kann ich im Angesicht der mehrere fußballfeldgroßen Parkplatzflächen vor den Toren des Heiligtums mit Schrecken erahnen.

Zur Mittagspause kehre ich in einem winzigen Kaff namens Adámi, wenige Kilometer südlich von Epidavros, in eine schön gelegenen Taverne ein, wo ich im Halbschatten junger Bäume erholsam sitzen kann. Der "mixed salad" besteht hier zwar nur aus Tomaten, Gurken und Endiviensalat, aber umso mehr zeigt sich die nicht fremdsprachenerfahrene Bedienung hocherfreut über meine bemühten griechischen Sprachversuche. Da man offensichtlich sonst keine Touristen bewirten muss, überrascht es mich nicht, hier die griechische Küche in ihrer ungemilderten Authentizität zu erleben: Die Pommes sind handgeschnitten, lauwarm und sehr ölig, die delikaten Biftéki aus schierem Rinderhack erstklassig gegrillt (und da das Fleisch ja sonst zu mager wäre, natürlich mit Olivenöl übergossen), Salat, Brot, Wasser und Zitrone reichlich, frisch und lecker. Für 9,50 € leider aber, trotz der Abgeschiedenheit, auch nicht preiswerter als anderswo.

Anschließend statte ich den Dolinen von Dídima meinen Besuch ab. Von der Hauptstraße aus weist ein Wegweiser die Richtung. Diesen hätte man sich wirklich sparen können, denn die Größere der beiden, die zu den weltweit größten Dolinen zählt, ist schon von weitem wie eine gigantische Augenhöhle in der Landschaft zu sehen. Ein Schotterweg führt bis unmittelbar an die Kleinere heran, die, da sie in der Ebene liegt, vollkommen unerwartet in einem kleinen Wäldchen auftaucht. Die senkrechte Wand, die auf halber Höhe teilweise überhängend ist, wurde von Einsamkeit suchenden Eremiten auf die griechischte aller Möglichkeiten genutzt: Sie haben eine kleine Kapelle herein gebaut, die - wie immer unverschlossen - von innen sauber, gepflegt und geschmückt ist, sogar eine Kerze brennt.

Am Rand der zweiten Doline, die mit ca. 200 Meter Durchmesser mehr als doppelt so groß ist, wie die Erste, treffe ich ein nettes, junges, einheimisches Pärchen, die erfreut sind, dass ich ihnen erklären kann, wie dieses Naturphänomen entsteht: Durch unterirdische Auswaschung des Kalksteins und nachfolgendem Einbruch des Deckgebirges der Karsthöhle. Über den abgerutschten unteren Rand sind ein paar Schafe in die Doline gelangt und erfüllen das windstille und heiße Loch mit einer stimmungsvollen Klangfassade aus Blöken und Glockentönen. Nebenbei helfen sie, die gewaltige Größe der Doline zu erfassen. (Auf dem Bild sind drei davon - bei sehr genauem Hinschauen - als zwei helle und ein dunkler Punkt am Fuße der Steilwand zu erkennen.)

Auf der Rückfahrt nach Nafplion kaufe ich am Stadtrand in einem Lidl-Supermarkt ein. Ein witziges Erlebnis, auf den ersten Blick ist alles exakt so, wie in einer deutschen Filiale: Die Architektur, die Anordnung der Waren, die Prospekte, die Preise, teilweise sogar die original deutschen Warenverpackungen. Die Unterschiede entdecke ich erst beim zweiten Hinsehen. Wo in Deutschland Thunfischkonserven liegen, sind es hier verschiedene Sorten Tintenfisch, das kaltgepresste Olivenöl kostet im handlichen 5-Liter Kanister nur einen Bruchteil des deutschen Preises und von Oúzo gibt es nicht nur eine, sondern ein halbes Dutzend Sorten und diese teilweise auch in der 2-Liter Familienflasche.

Da ich ohnehin ziemlich verschwitzt bin, gehe ich "noch mal eben" zur Akronauplia hoch, von wo ich eine schöne Sicht auf die verwinkelten Straßenzüge der Altstadt habe. Genau diese durchstreife ich anschließend, um die unvermeidlichen Souvenirs zu besorgen. Zum traditionellen Sonnenuntergangs-Spaziergang finde ich mich auf dem kleinen Plateau an der Panagía-Felsenkapelle ein - von hier aus hat man einen wunderschönen Blick. Das Wetter ist wie im Bilderbuch, kaum Hoffnung, dass der für Morgen geplante Mykene-Besuch durch ein paar Wolken erleichtert wird.

Abends gehe ich in das "Hellas", direkt am Syntagma-Platz (Einen Syntagma-Platz gibt es in jeder griechischen Stadt, die was auf sich hält, der Name bedeutet "Platz der Verfassung"). Es ist das erste Mal, das ich im Urlaub ein Restaurant besuche, dass sogar in Reiseführern und TV-Reportagen erwähnt wird, aber nach dem Blick auf die Preise verfliegen meine Zweifel: Es kostet genau das gleiche, wie überall. Das Haus sieht von außen nobel und altehrwürdig aus, hat sich aber innen den Stil einer einfachen Taverne bewahrt. Dem entsprechend ist das Essen: Taramosaláta (Fischrogencreme mit viel Öl), einen sehr gut durchgezogenen Moussaká und dazu das landestypische Mythos-Bier. Und weil's so schön ist, danach noch einen Oúzo - hier wird dazu eine ganze Karaffe Wasser serviert und nicht so ein kleines teures Fläschchen. Der ganze Spaß kostet 10,50 €. Die Tagesendzigarre nehme ich genau wie am Vortag - Gutes muss man nicht verändern - bei einem Gang um den Akronauplia-Felsen. Leider schleichen sich die ersten Gedanken ein, dass der morgige auch der letzte Tag sein wird und so tröste ich mich mit einer zweiten Zigarre, während ich auf den Felsen am Südufer sitze und in der sternenklaren, milden Nacht über das leise brandende Meer schaue...

Náfplion:


Epídavros:


Dolinen von Dídima:


Náfplion: