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Für heute habe ich mir einiges vorgenommen, deshalb stehe ich kurz nach der Sonne auf, freue mich genau wie die Schwalben vor meinem Balkon über den strahlenden Morgen und sitze schon bald im Auto auf dem Weg Richtung Süden. Vorbei an den Überresten eines Aquädukts, durch schier unendliche Olivenhaine, lasse ich Methóni vorerst rechts liegen und überquere die sanft gewellten Bergzüge im äußersten Südwesten der Peloponnes, bis ich südlich von Koróni wieder auf das Meer stoße, welches sich hier in einer absolut urlaubsgeeigneten Weise in einer Mischung aus Klippen und Buchten mit den Bergen vereint.

Es war ein paradiesischer, milder, von Gottes Barmherzigkeit erfüllter Morgen [...] Als sei der fünfte Tag der Schöpfung angebrochen und Gott habe den Menschen noch nicht geschaffen, der seine Schöpfung zerstören sollte.
(Nikos Kazantzakis)

Keine Frage - Koróni ist ein wunderschöner Ort. Ursprünglich vermutlich Pýlos sehr ähnlich, hat Koróni aber deutlich stärker auf den Tourismus gesetzt, so dass der Ort zwar extrem schmuck und gepflegt ist, das gewisse charmante Etwas jedoch fehlt. Für einen typisch griechischen Ort ist er einfach zu schön, ohne Retusche postkartengeeignet. Von wenigen Ausnahmen und ein paar letzten Fischern abgesehen, lebt man hier vermutlich ausschließlich vom Tourismus - und das wahrscheinlich nicht mal schlecht. Jetzt in der Vorsaison, wo die zahlreichen Tavernen und Kafenions an der Uferpromenade nur von wenigen Einheimischen und innergriechischen Reisenden bevölkert werden, stört das allerdings keineswegs. Aber im Sommer...

Ich starte mit einer Ruhepause auf einer Bank am Hafenkai und relaxe in der noch immer tief stehenden Morgensonne. Vom Meer her weht ein Geruch nach Tang und Algen, Fischer flicken ihre Netze, begleitet von lebhaft diskutierenden alten Männern. Nachdem ich genügend Kraft getankt habe, schlendere ich durch die winkligen, teils steilen und treppenreichen Gässchen bis zum hoch über der Stadt gelegenen Kastron. Die Aussicht, die man von den meterdicken Mauern über Stadt und Meer hat, ist wahrlich bildschön. In der klaren Luft reicht der Blick über den ganzen Messenischen Golf und lässt fern im Osten die Silhouette des Taÿgetos-Gebirges schemenhaft erkennen.

Der Innenbereich der byzantinisch-venezianischen Festungsanlage ist eine Mixtur aus Olivenhainen, kleinen Wohnhäusern, Kirchen und einem farbenfrohen Friedhof. Unmittelbar neben dem Eingang zur Kirche des neuen Nonnenklosters findet sich eine uralte, frühbyzantinische Kuppelkirche, die - typisch Griechenland - ebenfalls weiterhin als Gotteshaus genutzt wird. Ein mir unbekannter Baum (den ich bereits bei Nestors Palast und auch später noch öfters sehen, oder besser riechen werde), der gleichzeitig Blüten und Früchte trägt, erfüllt einen Teil der Anlage mit einem betörenden Duft. Erst Jahre später kann ich ihn als Paternosterbaum (Melia azedarach) identifizieren.

Als dritte im Bunde findet sich innerhalb der Mauern der Festung eine weitere Kirche, deren Glockenturm noch erkennbar der Stumpf eines ehemaligen Minaretts ist - Erbe der türkischen Besatzungszeit. Nach Süden hin reicht der Blick über einen langgestreckten und noch unverbauten Sandstrand: Ein Traum für Sommergäste. Der Abgang auf der Südseite des Burgfelsens führt durch einen gepflegten, schattigen Park voller duftender Blumen. Zahlreiche Vögel erfüllen die Luft mit ihren abwechslungsreichen Gesängen und versuchen, das dumpfe Donnern der Brandung zu übertönen. Ein etwas abseits gelegenes öffentliches WC überrascht mich mit penibler Sauberkeit und sogar dem Vorhandensein von ebenfalls sauberen Duschkabinen - daran könnte sich so manch andere Stadt (nicht nur in Griechenland) ein Beispiel nehmen.

Zurück im Ort stärke ich mich an einer ofenwarmen Tirópita und lasse mich anschließend in einem der zahlreichen Kafenions auf der Promenade zu einem Kafé frappé nieder. Ich bin der einzige Nicht-Grieche hier, das erkenne ich daran, dass ich der Einzige bin, der über das Meer schaut, während alle anderen zur Straße hin schauen oder Tavli, die griechische Backgammon-Variante spielen. Unmittelbar neben mir flickt ein Fischer sein Netz - er sieht aus wie Käpt'n Langstrumpf und singt auch genauso schön - man kann also auch bei der Arbeit guter Dinge sein. Es wird sehr warm und der Blick über das Meer vom schattigen Kafenion aus ist Balsam für die Seele. Das ist Urlaub!

Gegen Mittag verlasse ich das nette Städtchen und nehme - abweichend von der Hinfahrt - die alte Hauptverbindungsstraße (die jetzt Nebenstrecke ist) in Richtung Methóni. Kurvenreich windet sie sich um die Berge, der dritte Gang ist fast immer zu optimistisch, aber da so gut wie kein Gegenverkehr vorhanden ist, kommt bei der Fahrt richtig Freude auf. Einmal stoppe ich kurz, um zu schauen, was da auf der Fahrbahn liegt - tatsächlich eine Schlange. Die zweite schon in drei Tagen - was bei uns die Igel sind, sind hier scheinbar die Schlangen. Auf halber Strecke treffe ich wieder auf die Hauptstraße und erreiche nach kurzer, zügiger Fahrt Methóni.

Die Stadt selbst ist schmucklos und die Straßen in der jetzt intensiven Mittagssonne fast menschenleer. Aber niemand kommt hier hin, um sich die Stadt anzusehen - wer nach Methóni kommt, der kommt zur Festung. Und zu Recht: Die Festungsanlage ist grandios - die Mauern umschließen die gesamte Halbinsel, die der Stadt vorgelagert ist. Über eine steinerne Bogenbrücke erreicht man die riesige Bastion, zwischen deren Mauern man sich winzig und verloren vorkommt. Das weiter dahinterliegende eigentliche Festungsareal ist zum größten Teil nur noch ein Trümmerfeld. Neben einer Zisterne, einigen Kirchen- und Moschee-Ruinen und ein paar anderen Kleinigkeiten wird das Areal von der Natur beherrscht: Mannigfaltige Blumen, Königskerzen und blühender Knoblauch machen die Innenfläche zu einem wild-romantischen Garten. Der kräftige Westwind, der vom offenen Meer her weht, lässt die Brandung so laut donnernd gegen die Felsen anbranden, dass die Gischt bis oben auf die Mauern der Festung herauf spritzt und man sein eigenes Wort kaum verstehen kann. Eine bewegende Atmosphäre!

Am Südende der Festungshalbinsel blickt man durch ein gut erhaltenes, mächtiges Tor auf die winzige Insel Bourtzi, die über eine Steinbogenbrücke zu Fuß erreichbar und vollständig mit einem achteckigen, zweigeschossigen Kuppelturm - dem Wahrzeichen Methonis - überbaut ist: Neben dem Kastron von Koróni das zweite "Auge Venedigs" während fast 300 Jahren. Auf der windgeschützten Ostseite erstreckt sich zu Füßen der Festung der malerische kleine Hafen des Ortes. Tief beeindruckt verlasse ich schließlich die größte Festungsanlage, die ich je gesehen habe.

Über mohngesäumte Straßen kehre ich nach Pýlos zurück und ergänze meinen Proviantrucksack um je eine Tiró- und Spanakópita (Käse- bzw. Spinatpastete). Ohne weiteren Aufenthalt umfahre ich die Bucht von Navarino und parke den Wagen auf dem nur wenige Dutzend Meter breiten, sandigen Landstreifen, der die Navarino-Bucht von der nördlich liegenden Lagune trennt. Von dort geht es zu Fuß weiter: zu meiner Rechten erstreckt sich die Daliani-Lagune, ein flaches Binnengewässer, das zur Fischzucht genutzt wird; zu meiner Linken ein breiter, sehr flach ins Meer abfallender Sandstrand, wie man ihn schöner kaum in Griechenland finden wird. Abgesehen von drei oder vier Individualisten, die sich auf dem langen Traumstrand verlieren, ist er menschenleer.

Auch ich bin nicht hergekommen, um zu baden. Mein Ziel ist die Höhle des Nestors, eben jenem sagenumwobenen König, dessen Palast ich bereits am Vortag besichtigt hatte. Der im Alter für seine Weisheit berühmte Nestor war in seiner Jugend mit einer Leidenschaft für Viehdiebstahl geschlagen und soll die zusammengetriebenen Tiere in dieser Höhle versteckt haben. Ich frage mich zwar später, wie - abgesehen von klettererfahrenen Bergziegen - jemals ein Stück Vieh diese Höhle erreicht haben soll, aber egal...

Erst einmal gilt es, die Höhle zu finden. Zu Beginn des Weges, am Fuße des Berges im Nordwesten der Navarino-Bucht existiert sogar ein Wegweiser, der auf einen gut begehbaren Fußweg verweist, welcher auf dem schmalen Streifen zwischen dem Felshang und der Lagune entlang führt. Nach einem Spaziergang von ca. 20 Minuten verliert sich der Weg in einer bildschönen Dünenlandschaft aus feinstem, hellem Sand. Dieser hat allerdings den Nachteil, dass der böige Wind ihn bisweilen wie Myriaden kleinster Nadeln auf die verschwitzte Haut jagt. Das kratzende Gefühl führe ich deshalb auf den Sand zurück, erst später wird mir klar, dass die Maisonne bereits sehr intensiv ist und man sie nur wegen des frisch wehenden Windes nicht als heiß empfindet. Auf der anderen Seite der Dünen finde ich einen weiteren Traumstrand: feinster Sand, flach abfallend, türkisblaues Wasser und von jeglicher touristischer Infrastruktur vollkommen unberührt.

Nach der kräftezehrenden Überquerung der Dünen liegt nur noch das Finale vor mir: Die Höhle befindet sich auf ca. 2/3 der Höhe des Berges in der Felsenwand. Es zeigt sich jedoch, dass dieses letzte Stück schwieriger aussieht, als es ist, und so erreiche ich bald, verschwitzt und erschöpft, das kleine Plateau vor dem Eingang der Höhle. Und wenn der Weg hierhin zehnmal so anstrengend gewesen wäre, er hätte sich gelohnt. Der Ausblick entschädigt alles! Nach Südosten streift der Blick über die Lagune und die Bucht von Navarino bis nach Pýlos und den im Hintergrund emporragenden Likódimo-Bergen, nach Norden der Blick auf die unwirklich schöne, fast perfekt halbkreisförmige Voidokiliá-Bucht und weiter nach Westen, wo sie über eine schmale, sich trichterartig erweiternde Öffnung mit dem offenen Meer verbunden ist. Das Panorama ist - ohne Übertreibung - atemberaubend und ich überlege lange, während ich den unvergleichlichen Anblick in mir aufsauge, ob ich jemals in meinem Leben eine perfektere Mischung aus Land und Meer, Sand, Wasser und Bergen erlebt habe.

Wie heißt dieses tiefblaue Wunder, das dort hinten verschwebt! Meer? Meer? Und wie heißt jenes andere Wunder, das einen grünen Hänger mit Blumen trägt? Erde? Welcher Künstler hat das geschaffen?
(Nikos Kazantzakis)

Die Höhle selbst habe ich bei dieser Aussicht fast vergessen, aber eben nur fast. Sie besteht aus zwei großen und ziemlich hohen Hallen - passend zur Legende groß genug, um einige hundert Stück Vieh zu beherbergen - ist aber ansonsten unspektakulär. Ansätze von Tropfsteinbildung, im Bereich des Tageslichts moosgrün überwachsen; das Schönste an der Höhle ist der Blick hinaus. Die Aussicht genießend verzehre ich vor der Höhle die mitgebrachten Pitas und beginne dann langsam und gemütlich den Abstieg. Die Ähren des hohen Grases wogen im Wind, Möwen kreischen hoch in der Luft, dazwischen immer wieder neue Ausblicke auf die Wasserlandschaft unter mir, selbst erschöpft liegengebliebene, mitteleuropäische Touristen stören nicht das Bild - hier ist alles malerisch, fast kitschig schön.

Am Fuße des Berges, dort wo der Wegweiser mich nach rechts auf den Weg zur Höhle führte, weist noch ein zweiter Wegweiser den Weg um die Westseite des Berges herum und hoch zu der oben auf dem Gipfel des Berges thronenden alten Festung, dem Paleo Kastro. Hier fordert der Wahnsinn seinen Tribut: Als hätte der Tag nicht wirklich schon genug Phantastisches gebracht, entscheide ich mich spontan dazu, "noch mal eben zum Paleo Kastro" hoch zu gehen. Der Fußweg ist gut erkennbar und abgesehen von einer überraschend großen, dunkelbraunen Schlange, die sich rasch vor mir in das hohe Gras flüchtet, ohne erwähnenswerte Vorkommnisse zu gehen, fast ein Spaziergang.

Das Paleo Kastro ist nicht viel mehr als eine Ruine, aber die Aussicht von dort oben ist, wie erwartet, natürlich ebenfalls grandios. Nach Norden der noch steilere Blick auf die Voidokiliá-Bucht, nach Südwesten der Blick über die Bucht von Navarino bis Pýlos, nach Süden über die Sykia-Enge, die sehr schmale nördliche Öffnung der Navarino-Bucht zum Meer und schließlich natürlich nach Westen der endlose Blick über das freie Meer. Obwohl der Nachmittag sich dem Abend entgegen neigt, ist die Sonne hier oben noch sehr intensiv und nur dem starken, kühlen Wind habe ich es zu verdanken, dass ich nichts davon spüre, wie ich langsam aber sicher einen Sonnenbrand bekomme.

Selten war mir in meinem Leben so wohl um das Herz gewesen. Freude war das nicht mehr zu nennen, was ich empfand. Es war erhabene, absurde, durch nichts zu rechtfertigende Heiterkeit. Nicht nur das - sie war das genaue Gegenteil jeder Rechtfertigung.
(Nikos Kazantzakis)

Auf dem Rückweg bieten zwei Engländer, die mit dem Auto soweit wie irgend möglich gefahren sind, mir an, mich bis zu dem Parkplatz, auf dem mein Wagen steht mit zu nehmen, was ich dankend annehme - ich kann kaum noch laufen. Im Hotel angekommen, genieße ich die heiße Dusche, wie lange nicht mehr.

Koróni - Methóni - Nestors Höhle - Voidokiliá-Bucht - Paleo Kastro - so einen Tag kann man nicht mehr überbieten! Als hätte ich heute nicht schon genug gesehen - und um dem Tag noch ein Sahnehäubchen obendrauf zu setzen - spaziere ich im warmen Licht des Abends noch eine Stunde durch Pýlos und genieße schließlich den Sonnenuntergang am Hafen.

Wegen des zum Abend hin weiter zunehmenden Windes haben die Tavernen ihre Tische am Ufer in Sicherheit gebracht, so dass ich zum Abendessen in eine gemütliche Ecktaverne am Hafen einkehre. Es ist Montagabend, die Wochenendgäste sind fort, nur Einheimische sind unterwegs. Ich wähle Tsatsiki, Keftedákia und - mangels Mythos - Heineken-Bier. Dass Pommes dazu serviert werden, nehme ich inzwischen wie selbstverständlich hin, das schein inzwischen Standard in der griechischen Küche geworden zu sein. Zur Feier des erlebnisreichen Tages genehmige ich mir noch einen Oúzo, der ziemlich üppig ausfällt: Das ca. 0,2 Liter fassende Wasserglas ist knapp halb voll! Das ganze kostet heute nur 9,50 €, entweder ist der Oúzo aufs Haus gegangen, oder man hat ihn schlichtweg vergessen zu berechnen. Und weil es so gemütlich ist - außer mir sind nur noch ein Dutzend einheimische Männer in der Gaststube - es herrscht stimmungsvolle Kafenion-Atmosphäre, nehme ich die Zigarre gleich hier zum Oúzo. Ein perfektes Ende eines absolut perfekten Tages!

Pýlos:


Unterwegs:


Koróni:


Methóni:


Unterwegs:


Navarino-Bucht:


Voidokiliá-Bucht:


Höhle des Nestor:


Landschaft an der Navarino-Bucht:


Paleo Kastro:


Aussicht vom Paleo Kastro:


Pýlos: