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Was ist das? Der am Vorabend noch sternenklare Himmel ist einheitlich grau mit hohen Wolken bedeckt. Aber was soll's, jetzt steht ohnehin erst einmal eine Autofahrt in Richtung Westen an. Für die Strecke zwischen Andrítsena und der nächsten nennenswerten Ansiedlung Néa Figalía liegen zwar nur ca. 15 Kilometer Luftlinie, auf der dreimal so langen, kurvenreichen Nebenstraße benötige ich dafür trotzdem über eine Stunde Fahrzeit.

Auf halber Strecke führt die Straße am Tempel von Vassés vorbei, neben dem Athener Parthenon der größte und besterhaltenste in ganz Griechenland. Da er zur Zeit wie ein Christo-Kunstwerk eingepackt ist, spare ich mir die Besichtigung und fahre weiter durch eine Einsamkeit, die unter diesem grauen Himmel fast schon bedrohlich wirkt. Bis ich Néa Figalía erreiche, sind mir auf der Straße immerhin zwei Autos, aber vier Ziegen- oder Schafherden begegnet. Nach einem kurzen Plausch mit extrem freundlichen Einheimischen geht die Fahrt von dort aus durch die flache Küstenebene zügig weiter, so dass ich kurz nach 10 Uhr den kleinen Badeort Kaló Neró erreiche.

Hier an der Westküste der Peloponnes ist es deutlich wärmer als im Gebirge, fast schon schwül. Kaló Neró bietet eigentlich nur eines: Strand. Und Strand, das bedeutet hier wirklich nur Strand, sonst nichts. Ein ruhiger Spaziergang am Meer entlang und durch das Dorf gebiert nur einen Gedanken in meinem Kopf: Kaló Neró - Ein Dorf im Dornröschenschlaf der Vorsaison! Wie mag es hier in zehn Jahren aussehen? Wird es dann noch die bunt blühenden, ufernahen Wiesen geben, oder wird der, am Ortsrand schon zu erkennende, beginnende Bauboom auch hier alle Natur unter sich begraben?

Die Weiterfahrt nach Pýlos führt mich an den Ruinen von Nestors Palast vorbei, jenem sagenhaften König, dessen Ruhm sich auf seine Fähigkeit gründete, die internen Streitigkeiten unter den Archäern auf ihrem Krieg gegen Troja durch weise Ratschläge zu schlichten. Zentraler Punkt der unter einem Schutzdach liegenden Ruinen ist der Thronsaal mit einer gewaltigen, runden Feuerstelle in der Mitte: Der König musste auch in kalten Wintern nicht frösteln. Beeindruckend gut erhalten ist die legendäre Badewanne des Telemach mit den ca. 3300 Jahre alten Ornamentverzierungen.

Indessen badete den Telemachos die schöne Polykaste, die jüngste Tochter Nestors. Doch als sie ihn gebadet und glatt gesalbt hatte mit dem Öle, warf sie ihm einen schönen Mantel und Leibrock um, und er stieg aus der Wanne, einem Unsterblichen ähnlich, und ging und setzte sich neben Nestor, den Hirten seines Volkes.
(Homer, Odyssee)

Das nahe gelegene, relativ kleine, frühmykenische Kuppelgrab wurde im Gegensatz zum Palast wieder vollständig rekonstruiert. Von dort aus hat man trotz des trüben Wetters eine schöne Aussicht und kann in der Ferne hinter Millionen von Olivenbäumen bereits die Bucht von Navarino erkennen.

Sie kamen zu dem Platz, wo die Männer von Pylos regelmäßig zusammentrafen.
(Homer, Odyssee)

Gegen Mittag erreiche ich schließlich Pýlos (das früher Navarino hieß) und habe mich bereits wenige Minuten später in den malerischen Ort verliebt. Am Südufer der Bucht von Navarino, wunderschön gelegen, hat sich Pýlos den Charme eines Fischerdorfs bewahrt und den vergleichsweise geringen Tourismus unauffällig in das Ortsbild integriert. Unmittelbar am Hafen liegt die Platia, der zentrale Dorfplatz, auf dem im Schatten der Platanen Kafenions und Ouzérien ihre Stühle aufgestellt haben. Die Szenerie ist so einladend, dass ich mich spontan dazu entscheide, hier zunächst eine ausgiebige Mittagspause zu verbringen und bestelle meine erste Mesedákia in diesem Urlaub. Die Portion, die mir serviert wird, ist groß und abwechslungsreich, eine Mesedákia, wie sie im Buche steht:

  • Stücke von gegrilltem Schweinefleisch
  • Bratkartoffeln
  • Feta in Blätterteig
  • In Tomatensoße geschmorte Hackbällchen
  • Tomatenstücke
  • Käsewürfel (aber leider kein Féta)
  • Ein großes Stück würzige Bratwurst
  • In Teig gebackenes Irgendwas (weich und sehr scharf!)
  • Brot

Die 3,50 € sind hervorragend investiert - alle Zutaten waren frisch, lecker und so reichlich, dass ich eine Zeitlang ruhen muss, bevor ich mich zu einem Erkundungsgang durch die Stadt aufraffen kann. Während dieses Rundgangs finde ich ein sehr schön gelegenes Hotel, in dem ich mich direkt für zwei Nächte (á 30 €) einquartiere. Ich bekomme ein riesiges Zimmer mit geräumigem Bad, nagelneuer Kitchenette und großem Balkon mit schönem Blick auf die Bucht. Als ich wieder auf die Straße komme, schlägt das Wetter innerhalb weniger Minuten vollkommen um: Die in den letzten Stunden schwülwarm gewordene Luft klart sich auf, die Sonne kommt hervor und die Stadt präsentiert sich in den freundlichsten Farben. Die im Licht erstrahlende Platia lockt mich erneut unwiderstehlich an, und so lasse ich mich dort abermals nieder und schreibe bei Kafé frappé die unvermeidlichen Urlaubskarten. Nach einer langen und erholsamen Ruhepause an diesem traumhaft schönen Plätzchen nutze ich das inzwischen wieder herrliche Wetter und erkunde noch einmal ausgiebig den Ort - vom Yachthafen (mit interessanten Trockendock-Variationen) im Osten bis zum Leuchtturm unterhalb der Festung Neó Kastró, im äußersten Westen.

Nach einer kurzen Erfrischungspause im Hotel kehre ich zum Leuchtturm zurück, um von dort aus die Abendstimmung und den Untergang der Sonne zu genießen. Da die unmittelbar vor mir liegende Meerenge den einzigen schiffbaren Eingang zur Bucht darstellt, habe ich keinen Mangel an interessanten Motiven. Als ein zweites großes Schiff in die Bucht einfährt, mache ich mir Gedanken, wie es wohl ausgesehen haben muss, als sich am 20. Oktober 1827 beinahe 90 türkische und 30 alliierte (französische, russische und englische) Kriegsschiffe in dieser kleinen Bucht eine für die Türken desaströse Seeschlacht geliefert hatten. Eigentlich unvorstellbar, dass so viele Schiffe hier hinein passen. 55 türkische Schiffe wurden versenkt - an diesen Startpunkt der griechischen Unabhängigkeit erinnert noch heute die dreikantige Säule mit den Bildnissen der drei alliierten Admirale auf der Platia.

So viele Gedanken machen hungrig und es wird höchste Zeit für ein Abendessen. Die Reihe kleiner Tavernen, die ihre Tische unter windschützenden Pavillons direkt am Ufer aufgestellt haben, verbreiteten schon am Mittag so appetitanregende Düfte, dass ich nicht lange suchen muss. Ich genieße Souvlákia mit Pommes, Tsatsiki und das gute Mythos-Bier - wunderbare Atmosphäre inklusive!

   Tsatsiki:     2 €
   Souvlákia:     6 €
   Atmosphäre:     unbezahlbar!

Zum Abschluss dieses wunderbaren Tages gönne ich mir die Zigarre direkt am Kai - hinter mir, auf der Platia, spielt die Jugend des Ortes lautstark Fußball. Das ist Griechenland!

Unterwegs:


Kaló Neró:


Nestor-Palast:


Pýlos: